Alle loben den Mut zur Ausstellung über den Widerstands-Pastor Kühnemund

Viele Pastoren waren Steigbügelhalter der Nazis: Die Ausstellung der Kirchengemeinde Volpriehausen beschäftigt sich nicht nur mit dem Widerstandsmann Otto Kühnemund, sondern auch mit Nazi-Mitläufern wie dem damaligen Superintendent Haller. Fotos: Schneider

Volpriehausen. Viel Lob erntete die evangelische St.-Georg-Kirchengemeinde Volpriehausen am Sonntag bei der Eröffnung ihrer Ausstellung „Gegen den Strom – Kirche in der Verantwortung“, in der Pastor Otto Kühnemund im Dritten Reich als Nazi-Gegner im Mittelpunkt steht.

Es gehöre Mut dazu, sich der Vergangenheit zu stellen, sagte der stellvertretende Superintendent Bernd Ranke und sprach von einem dunklen Kapitel. Denn Pastor Kühnemund wurde mit seiner Haltung gegen die Nazis immer mehr in eine Außenseiterrolle gedrängt. Die örtliche NSDAP schikanierte ihn, er wurde bespitzelt und bedroht. Schließlich flog ein Stein durchs Pfarrhaus-Fenster mit einem Zettel dabei, auf dem stand, er würde sich vorm Waffendienst drücken. Die Folge: Kühnemund meldet sich freiwillig und starb im November 1944 an den Folgen einer Hirnhautentzündung in einem Kriegslazarett.

Aufarbeitung von Geschichte

Solch ein Projekt habe es in der Gemeinde noch nicht gegeben, sagte Anja Kohrs als Vorsitzende des Kirchenvorstands und berichtete, dass der ehemalige Superintendent Heinz Behrends im Vorfeld gesagt hat, dass es für ihn ein Traum sei, den er sich für jede Gemeinde vorstelle: die Aufarbeitung der eigenen Geschichte.

Anja Kohrs erinnerte an die Entstehungsgeschichte der vielgelobten Ausstellung. Der erste Gedanke kam beim Besuch der Ausstellung „Bürgerkrieg im Weserbergland“ über die Anfänge des Nationalsozialismus im Uslarer Museum: Der damalige Superintendent Haller war der Steigbügelhalter der Machtübernahme. Während viele Pastoren mitmachten, leistete mit Kühnemund ein vermeintlich „kleiner“ Pastor Widerstand. Er sah in den Nazis „Seelen-Räuber“ und bezeichnete sie als „Seelsarger“.

Ausstellungseröffnung: Pastorin Gisela Waßmuth-Kahle mit (von links) der Kirchenvorstandsvorsitzenden Anja Kohrs, Johanna Gesemann (Tochter von Pastor Kühnemund), Dr. Wolfgang Schäfer und Pastor Bernd Ranke, stellvertretender Superintendent.

Die Kirchenvorstandsvorsitzende lobte den Einsatz aller Beteiligten für die Ausstellung: Johanna Gesemann, geb. Kühnemund, Tochter von Otto Kühnemund, und ihr Bruder stellten Fotos und Material zur Verfügung, Dr. Wolfgang Schäfer (Bodenfelde) brachte sein Wissen und seine Erfahrung mit Ausstellungen ein, sein Sohn Leonard Schäfer kümmerte sich um die graphische Gestaltung. Matthias Wojte half im Archiv bei der Spurensuche. Und der Kirchenvorstand trug das Projekt mit. Finanzielle Hilfe kam von der Hanns-Lilje-Stiftung und vom Kirchenkreis. Pastorin Gisela Waßmuth-Kahle, die das Engagement von Anja Kohrs herausstellte, mahnte, nicht zu vergessen, was geschehen ist.

Bis 30. November geöffnet

Die Ausstellung „Gegen den Strom – Kirche in der Verantwortung“ über Pastor Otto Kühnemund ist bis 30. November im Gemeindehaus in Volpriehausen montags und freitags jeweils von 9 bis 11.30 Uhr und jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Telefon 05573-244 geöffnet. (fsd)

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