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Aufstieg der NSDAP: Als der Solling braun wurde

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Kundgebung der Nationalsozialisten in Bodenfelde: Diese Bild stammt vom Sportplatz an der Straße nach Polier, im Hintergrund der Ahneberg. Foto: nh
Kundgebung der Nationalsozialisten in Bodenfelde: Diese Bild stammt vom Sportplatz an der Straße nach Polier, im Hintergrund der Ahneberg. Foto: nh

Uslar. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler, den „Führer“ der NSDAP, zum Reichskanzler. Diese Maßnahme des früheren Generalfeldmarschalls, die den Aufbau einer totalitären Diktatur einleiten sollte, provozierte im Solling unterschiedliche Reaktionen.

Während Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter und Juden bald um Leib und Leben fürchten mussten, feierten die Nationalsozialisten und ihre nationalkonservativen Helfershelfer ausgiebig mit Aufmärschen, Fackelzügen und viel Tschinderassabumm.

In der braunen Hochburg Lippoldsberg erfreute sich Hans Grimm an einem „lachenden Frühjahr“ 1933. „Da marschierte die ganz rasch zuwachsende SA zum Gottesdienst auf, und die große romanische Klosterkirche war mit Kirchgängern gefüllt wie seit Jahren nicht“, erinnerte sich der Nazi-Sympathisant später.

Lehrer als Gauredner

In Uslar und seinen Nachbargemeinden waren Superintendent Haller und andere Pfarrer zur Stelle, wenn rechtsradikale Organisationen „Feldgottesdienste“ veranstalteten. Auch viele Lehrer der Region wollten beim „nationalen Aufbruch“ nicht abseits stehen. So gab in Bodenfelde Rektor Schulze, der es noch zum „Gauredner“ bringen sollte, bei diversen Kundgebungen Proben seines rhetorischen Könnens. Seine Uslarer Kollegen halfen beim Aufbau der „Hitler-Jugend“ mit.

Ein systematischer Terror gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner der neuen Herren begann nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933. Die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ ermöglichte Verhaftungen im großen Stil. Justus Laubach, Otto Kreikemeyer, Walter Röber, Ernst Stitz und Boleslav Bauer aus Uslar mussten im gerade gegründeten KZ Moringen für ihre politische Gesinnung büßen.

Den Glasschleifer Richard Wagenknecht aus Nienover jagte eine SA-Standarte in den Sollingwäldern. Er stellte sich schließlich der Polizei und wurde ins KZ Oranienburg überführt.

Wer Nazis wählt, wählt Krieg!

Für seinen politischen Weitblick musste auch der Tischler und Sozialdemokrat Wilhelm Henne aus Vernawahlshausen bezahlen, der zu den Märzwahlen ein Transparent mit der Aufschrift „Wer Nazis wählt, wählt den Krieg!“ über die Straße gespannt hatte. Ihn verschleppten SA-Leute nach Oedelsheim, wo sie ihn misshandelten. Andere Sozialdemokraten des Schwülmedorfs malträtierte die gefürchtete SA Arenborns.

Am 30. März 1933 rief die NSDAP zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Das führte in Bodenfelde dazu, dass Jacob Simon, der an der Götzstraße ein Textilgeschäft betrieb, schon am 6. Juni 1933 Konkurs anmelden musste. Simon konnte mit seiner Ehefrau und seiner Tochter nach England fliehen. Sein Sohn Werner ist im KZ Sobibor verschollen.

Richard Haller: Steigbügelhalter im Talar

Umzug in Uslar: Am 1. Mai 1933 sah es auf der Langen Straße so aus. Am Tag der „deutschen“ Arbeit marschierten die Betriebsbelegschaften und die Nazis auf. Am 2. Mai wurden die Gewerkschaften verboten. Foto: nh
Umzug in Uslar: Am 1. Mai 1933 sah es auf der Langen Straße so aus. Am Tag der „deutschen“ Arbeit marschierten die Betriebsbelegschaften und die Nazis auf. Am 2. Mai wurden die Gewerkschaften verboten. Foto: nh

Im Sommer 1926 trat Richard Haller (1883 bis 1953) sein Amt als Superintendent des Kirchenkreises Uslar an. Der hoch dekorierte Soldat des Ersten Weltkriegs verwirklichte den Bau eines neuen Gemeindehauses und der Friedhofskapelle und richtete einen Kindergarten ein.

Wegen seiner Tatkraft erntete der strenge, charismatische Seelsorger in der Sollinghauptstadt viel Anerkennung. Hallers Engagement für die Nazis fand jedoch nur bei einem Teil der Bevölkerung Zustimmung. Im Umbruchjahr 1933 war der „Deutsche Christ“ einer der wichtigsten Verbündeten der Uslarer NSDAP.

Auf einer Schulungsveranstaltung der Ortsgruppe am 9. Dezember 1933 im Gasthaus Küchemann führte Haller aus: „Der nationalsozialistische Staat hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Kirche die ihr obliegenden Pflichten wieder erfüllen kann. Dafür dankt sie dem Führer. Die Kirche wird stets in Treue zu dem nationalsozialistischen Staat stehen, dessen Grundsätze christliche Grundsätze sind.“

NS-Ausstellung im Museum

Eine große Ausstellung zur Machteroberung der Nationalsozialisten im Wesertal und im Solling präsentiert das Museum Uslar ab Juni 2013.

Bei diesem Projekt haben mehrere Heimatforscher und Historiker aus der Region zusammengearbeitet. Die Wanderausstellung, zu der eine Buchpublikation vorbereitet wird, soll auch in Schulen gezeigt werden.

Von Dr. Wolfgang Schäfer

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