Abtransport ist das Nadelöhr

Aus dem Solling nach Arabien: Der weite Weg einer gefällten Fichte 

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Weiter geht es mit der Bahn: Am Bahnhof Adelebsen wird das Holz aus dem Solling auf Waggons verladen, mit denen es dann unter anderem nach Österreich transportiert wird.

Da liegt sie nun, die Fichte, gut 70 Jahre alt, im Forst von Privatwaldbesitzer Uwe Dickhut bei Offensen. Der Baum, der noch bis zu 40 Jahre hätte weiterwachsen sollen, tritt nun seine letzte Reise an.

Aufgeforstet im Kreis Northeim in den Nachkriegsjahren von Dickhuts Vater, hat sie nicht nur so manchen Stürmen getrotzt, sondern auch Trockenheiten mit Borkenkäferplagen, Schnee- und Eisbruchzeiten sowie kleineren Waldbränden. Wintersturm Friederike im Januar war aber einfach zu mächtig. In nur wenigen Sekunden krachte der Baum zu Boden.

Das Forstunternehmen Rolf aus Amelith arbeitet mit einem Harvester die Fichte auf, unterteilt sie in mehrere Fünfmeter-Abschnitte, zudem fällt etwas Industrieholz an. Über 500 Meter gegen den Berg muss das Holz dann mit einem Rückezug an den Weg gefahren werden, wo es auf die Lkw-Abfuhr wartet.

Nach der Aufarbeitung wird das Holz mit einem Rückezug aus dem Wald geholt und vorübergehend am Waldrand gelagert, ehe es per Lastwagen zum Verladebahnhof gebracht wird.

Per Lastwagen geht es dann nach Adelebsen. Auch wenn das dortige Sägewerk geschlossen wurde, so ist doch der Frachtbahnhof erhalten geblieben – ein Steinbruchunternehmen nutzt nutzen diesen überwiegend. Seit einigen Wochen rollen hier auch für Sägeholz die Züge an den drei Verladegleisen, zwei bis drei Züge mit je 20 Waggons der Schweizer Privatbahn SETG werden pro Woche beladen.

Holzspediteure wie die Firma Busch aus Bodenfelde kommen mit ihren Lastern im Minutentakt aufs Gelände und laden ihre Fracht direkt auf die bereitstehenden Waggons. Innerhalb von 14 Stunden ist ein kompletter Zug beladen. Förster Matthias Eckhardt koordiniert dabei die Spediteure und behält im Überblick, welches Holz auf welchen Waggon kommt - auch, um über die Stückzahl immer die Kontrolle über die Lieferungen zu haben.

700 Kilometer weite Reise

Einen Tag dauert es, bis das Sollingholz die 700 Kilometer von Adelebsen ins Pfeifer-Werk nach Kundl in Tirol (Österreich) gefahren ist. „Dieser Ferntransport rechnet sich für uns nur, weil die Holzpreise sturmbedingt gesunken sind“, sagt Holzeinkäufer Denny Ludsteck, denn ein Drittel vom Holzwert werde von der Fracht aufgefressen. Ab 200 Kilometer rechne sich die Bahn, weshalb ins ebenfalls zur Pfeifer-Group gehörende Werk in Lauterbach (Mittelhessen) das Sollingholz per Lkw gefahren wird.

Hier hat sie gestanden: Waldbesitzer Uwe Dickhut, sein Kollege Friedrich Wahmke und Försterin Anna Straten zählen die 70 Jahresringe der Fichte, deren Holz bis nach Saudi-Arabien geht.

Platte, Pellets und Briketts

Im Werk in Kundl geht alles recht schnell: Die Abschnitte der Solling-Fichte werden abgeladen, landen auf einem Holzplatz, werden dann in die Profilzerspaner-Linie geschoben.

In Kundl produziert das Unternehmen Rohware, die an anderen Standorten weiter veredelt wird. Das Holz der Solling-Fichte wird ins 150 Kilometer entfernte Pfeifer-Stammwerk nach Imst in Tirol gefahren.

Aus der Rohware werden hier unter anderem Massivholzplatten, Brettschichtholz und Hobelware produziert. Die Fichte wird dort zu einer Schalungsplatte für den Betonbau verarbeitet, das dabei anfallende Sägemehl wird zu Pellets und Briketts gepresst. Die Schalungsplatte tritt schließlich noch eine Reise an – nach Saudi-Arabien.

Der Abtransport ist das Nadelöhr

Dass immer noch unaufgearbeitetes Holz in den Wäldern ruht, liegt natürlich an den gewaltigen Mengen –allein in ganz Niedersachsen inklusive Landeswald 1,2 Millionen Festmeter. Zum anderen liegt es aber auch an dem Grundsatz „Die Aufarbeitung folgt der Vermarktung“, den die Förster befolgen.

Nur, wenn es für das Holz einen konkreten Käufer gibt, wird aufgearbeitet, um nicht ein Überangebot an am Wegrand liegendem Holz zu erzeugen, das die Preise noch stärker unter Druck setzen würde.

Weil viel Holz vom Sturm nicht gebrochen, sondern nur geworfen ist und die Bäume mit den Wurzeln noch teils im Boden verankert sind, bringt das den Forstleuten einen wichtigen Zeitgewinn. Denn die Bäume bleiben grün, das Holz verliert nicht so schnell an Wert.

Der Grundsatz muss in diesem Jahr aber noch durch einen Zusatz erweitert werden, denn die Aufarbeitung folgt nicht nur der Vermarktung, sondern auch der Logistik. Denn was nützt der beste Verkauf, wenn das Holz nicht zum Käufer kommt?

Fabian von Plettenberg, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Südhannover, die das Holz zahlreicher Mitglieds-Forstbetriebsgemeinschaften in Südniedersachsen vermarktet, kann davon ein Lied singen: „Die Logistik ist wirklich das Nadelöhr, das läuft nicht rund, es fehlt an Abfuhrkapazitäten. In normalen Jahren vermarkten und verladen wir bei uns in der FBG etwa 20 000 Festmeter an Abschnitten, in diesem Jahr ist es die fünffache Menge.“

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