Zwischen Fohlenplacken und Holzminden

Bei Ausgrabung in Niedersachsen gefunden: Luxusglas kam aus dem Solling

+
Archäologisches Grabungsfeld: Fundstücke von der Grabungsstelle bei Fohlenplacken deuten laut Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (vorn von rechts) und seinem Grabungsleiter Radoslaw Myszka darauf hin, dass an der Stelle um 1100 bis 1150 drei Öfen für die Buntglas-Herstellung betrieben wurden. Stephan zeigte bei der Präsentation Bilder von buntem Fensterglas in französischen Kirchen. 

Fohlenplacken / Neuhaus. Die vermutlich zweitälteste Waldglashütte in Niedersachsen und wahrscheinlich sogar in Mitteleuropa befindet sich am Giersberg zwischen Fohlenplacken und Holzminden.

Das sagte Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (Göttingen) vom Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am Mittwoch in dem Waldstück neben dem Bach Holzminde und der Kreisstraße. Seit Juli schützt ein halbrundes Plastikzelt die Archäologen und Hilfskräfte des Job-Centers bei ihrer Arbeit. Nachdem der Boden auf etwa zehn Mal 25 Meter großen Fläche Schicht für Schicht abgetragen und gesiebt worden ist, steht bereits nach den ersten Funden fest, dass an der Stelle zwischen 1100 und 1150 drei Glasöfen betrieben wurden. Die Fundamente seien deutlich zu erkennen.

Fundstücke: Diese blauen Scherben waren Luxusglas.

„An dieser Stelle wurde einst Luxusglas hergestellt“, sagte Prof. Stephan. Die Farbglas-Funde deuten darauf hin. Die damals kostbare Fensterverglasung ist seiner Ansicht nach primär unter anderem am Ursprungsbau des Klosters Corvey verwendet worden.

Regional produziert

Man habe im Mittelalter Glashütten dahin gebaut, wo der Bedarf war und wo es genügend Rohstoffe und Holz für die Öfen gab, hieß es vor etlichen Medienvertretern. Zudem seien im Solling offenbar auch Trinkgefäße aus Bleiglas an der regionalen Produktionsstätte gefertigt worden. Blei habe man aus dem Harz oder aus dem Sauerland herangeschafft.

Finanziell Gefördert wird die Grabungsstelle bei Fohlenplacken noch bis Ende November und für einige Monate des kommenden Jahres in erster Linie als interdisziplinäres Forschungsprojekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit Sitz in Osnabrück.

Bei Grabungen zwischen 2012 und 2016 bei Bodenfelde ist die wohl älteste mittelalterliche Waldglashütte Europas aus dem 9. Jahrhundert freigelegt und untersucht worden. Weitere von Prof. Stephan und seinem Team untersuchte Glasproduktionsstätten stammen aus der Zeit um 1240, um 1420 und um 1655 bis 1681.

Gab wissenschaftliche Erörterungen: Grabungsleiter Radoslaw Myszka auf den Resten der mittelalterlichen Glasöfen.

Bei Fohlenplacken sollen demnächst 3-D-Aufnahmen gemacht werden, bevor man die Steine abträgt, damit die „hoffentlich noch intakten Fundamente erkennbar werden“, wie es Stephan formulierte. Die Funde seien ungewöhnlich gut erhalten, hieß es.

Scherben in Blau und Grün

So wurden feine Scherben in Blau und Grün gezeigt, die als sakrales Fensterglas verwendet wurden aber auch Glastropfen sowie Scherben von Glasgefäßen.

Auf die Fundstelle im Waldgebiet der Niedersächsischen Landesforsten sei man nach Hinweisen von Heimatforscher Roland Henne aus Gieselwerder gestoßen. Henne hat schon mehrere Ex-Glasöfen im Wesertal entdeckt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.