Serie: Genossenschaften im Solling – Heute: Bullenhaltungs-Genossenschaften

Deckgeld für Natursprung

Erfolgreicher Züchter: Das war Otto Ellermeier aus Sohlingen. Aus dem alten Brandtschen Hof gingen wieder ausgezeichnete Zuchttiere hervor. Foto: nh

Schönhagen. Kühe und Rinder gehörten früher zum alltäglichen Straßenbild im Solling. Um den für die Milchwirtschaft und Rindviehzucht unverzichtbaren Deckbullen kümmerten sich in vielen Ortschaften sogenannte Bullenhaltungsgenossenschaften.

In dieser Genossenschaft organisierten sich die Kuhhalter und schafften gemeinsam den „Gemeindebullen“ an, der bei den Kühen der Genossen gegen ein Deckgeld für Nachwuchs sorgte. Das Deckgeld war am Ende des Jahres zu entrichten, wenn mit der „Gegenprobe“ die Aufzeichnungen der Genossenschaft über die Zahl der Deckakte mit den Angaben der Kuhbesitzer abgeglichen wurden.

Um Inzuchtschäden zu vermeiden, musste der Zuchtbulle alle zwei Jahre durch einen neuen ersetzt werden. Von einem Zuschuss der Genossenschaft und dem Schlachtgeld, das die bis zu 20 Zentner schweren Bullen einbrachten, wurde dann auf einer Viehauktion ein neuer gekauft. „Wir haben mal einen jungen Bullen für 3000 Mark gekauft“, erinnert sich Albert Grote aus Schönhagen, „Erst haben alle gemeckert, weil er so teuer war, aber als die ersten guten Kälber geboren wurden und die Milchleistung stieg, hat man uns recht gegeben.“

Für die Pflege des Bullen war der von der Genossenschaft bestimmte Bullenhalter zuständig, dem sie alle Unkosten für Futter, Klauenpflege, Tierarzt usw. ersetzte. Außerdem durfte er unentgeltlich die „Bullenwiese“ der Genossenschaft nutzen. Der Bulle war außerdem auf Kosten der Genossenschaft in der Viehkasse versichert, die für die Unkosten aufkam, wenn der Bulle einging. Bei einer Notschlachtung waren die Genossen verpflichtet, mindestens ein Kilo Fleisch abzunehmen.

Um ihre Kühe decken zu lassen, mussten die Bauern ihre Tiere auf den Hof des Bullenhalters bringen.

Laut Albert Grote war es dabei wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen: „Wenn der Bulle an dem Tag schon ein paar Kühe gedeckt hatte oder bereits gefüttert war, hatte der meistens keine Lust mehr.“

Der Weg zum Bullen war für Hermann Kerl aus Ahlbershausen der Grund, auf die künstliche Besamung umzusteigen: „Das war immer ein Zirkus, wenn man die störrischen Kühe einmal quer durchs Dorf zum Bullen treiben musste. Irgendwann hatte ich dann die Nase voll und habe den Tierarzt bestellt“.

Obwohl die künstliche Besamung teurer war, wählten immer mehr Landwirte dieses Verfahren. Ein wichtiger Grund war auch, dass auf den Deckstationen hochprämierte Zuchtbullen stehen, die ihre hervorragenden Eigenschaften an ihren Nachwuchs weitergeben. Der Kauf eines solchen Spitzenbullen wäre für die Haltungsgenossenschaften finanziell nicht zu leisten. Deshalb ging die Ära der Gemeindebullen zu Ende.

Der „Natursprung“ wird heute kaum noch praktiziert. In Schönhagen wurden früher vier Deckbullen gehalten, 1984 ging der letzte Bulle der Genossenschaft aus dem Stall von Herbert Böger zum Schlachter. Sonderausstellung Genossenschaften im Museum Uslar, dienstags bis sonntags 15 bis 17 Uhr, Führungen sind nach Vereinbarung unter Telefon 05571-307220 und 307142 möglich

Von Daniel Althaus

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