Bei Amelith suchen Wissenschaftler nach Spuren einer mittelalterlichen Glashütte

Farbglas ist empfindlich

Glashütte aus dem Mittelalter: Bereits wenige Zentimeter unter der früheren Grasnarbe finden sich Rohglastropfen und Scherben, die teilweise rot und blau gefärbt sind. Fotos: Schmidt-Hagemeyer

Amelith. Tief graben müssen die Forscher und ihre Helfer auf der Wiese bei Amelith nicht: Nur Zentimeter unter der Erdoberfläche finden sie Glastropfen und Scherben, die von der Glashütte aus dem 15. Jahrhundert übrig geblieben sind.

Alle Fundstücke sind klein. Denn fertiges, zum Teil kostbares rotes und blaues Glas, das hier im Mittelalter produziert wurde, ist nichts mehr zu finden. „Und Reste haben die Glasmacher wieder eingeschmolzen“, erklärt Archäologe Radoslaw Myszka von der Universität Halle. Nur Glasstückchen, die einzusammeln sich nicht lohnte, sind noch zu finden.

Trotzdem müssen die über das Arbeitsamt engagierten Helfer der Wissenschaftler nicht lange suchen. In knapp zwei Stunden ist ein Tütchen mit grünlichen bis transparent-türkisfarbenen Glastropfen zusammen gekommen. Seltener sind winzige Scherben Fensterglas.

Zerfallen zu Staub

Jede Scherbe wandert sofort in ein kleines Plastiktütchen und kommt am Abend in den Kühlschrank. Denn das mittelalterliche Glas ist empfindlich. „Teilweise sind die Scherben gut erhalten, teilweise zerfallen sie zu Staub“, erklärt Sören Siebe von der Universität Bamberg. Bei Berührung mit der Luft bilde sich sofort eine Korrosionsschicht, sagt Olga Emgrund von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

Wie sich neue Schäden an den Fundstücken, die ohnehin bereits durch Umwelteinflüsse oder bestimmte Bodenbeschaffenheiten gelitten haben, vermeiden lassen, ist Gegenstand des Forschungsprojekts (siehe Hintergrund). „Ziel ist ein Leitfaden für Archäologen, der aufzeigt, wie mit mittelalterlichem Glas von der Erstversorgung bis zur späteren Erhaltung umzugehen ist“, sagt Archäologe Myszka.

Zu diesem Zweck werden Forscher zunächst die genaue Zusammensetzung des Glases sowie die Bodenverhältnisse analysieren, um später geeignete Konservierungsmethoden zu erproben.

Doch auch die Funde selbst interessieren die Wissenschaftler natürlich. Neben Spuren von Hohlglas, das die Glasmacher möglicherweise zur Arbeit mitgebracht haben, hat man vor allem Fensterglas entdeckt. Das Besondere an den Funden ist die Farbe. Denn üblicherweise ist mittelalterliches Glas grün.

Die Amelither Glasmacher konnten auch rotes und blaues Glas produzieren, das wegen der aufwändigen Herstellung kostbar war und besonders für Kirchenfenster verwendet wurde. Die Farbgläser bestanden aus einer transparenten Schicht mit rotem oder blauen Überzug.

„Wir haben relativ viel rotes Glas gefunden, Brocken aus dem Abfall aber auch Scherben mit rotem Überzug, berichtet Olga Emgrund. Auch Scherben in verschiedenen Blautönen hat man entdeckt. Ob echtes Kobaltblau dabei ist, weiß man noch nicht. Das wäre etwas ganz Besonderes, hieß es. Ohnehin ist längst noch nicht alles entdeckt. Bis Oktober sollen die Arbeiten dauern. In einigen Tagen werden Studenten als zusätzliche Grabungshelfer erwartet.

Außerdem soll im Sommer mit einer zweiten Grabung wenige hundert Meter entfernt begonnen werden, um die Reste einer weiteren Glashütte zu bergen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Glashütte noch viel älter ist und möglicherweise sogar aus karolingischer Zeit (9. Jahrhundert) stammt. „Wenn sich das bestätigt, wird Bodenfelde weltberühmt“, prophezeit Archäologe Myszka, „zumindest in der Fachwelt“.

Forschungsprojekt

Die Grabung bei Amelith ist ein Gemeinschaftsprojekt der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (Prof. Alexandra Jeberien), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Prof. Hans-Georg Stephan) und der Universität Bamberg (Prof. Rainer Drewello). Im Projekt „Waldglas“ werden Methoden zur Bergung und Sicherung der durch Umwelteinflüsse geschädigten mittelalterlichen Gläser entwickelt sowie Maßnahmen zur Konservierung erforscht und erprobt.

Finanziert wird das Projekt mit 300 000 Euro über zwei Jahre von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Entdeckt hat die Glashütte aus dem 15. Jahrhundert im Jahr 2012 Roland Henne. Der historisch interessierte ehemalige Bürgermeister von Oberweser hat auch die nahe gelegene Glashütte gefunden, die möglicherweise sogar aus dem 9. Jahrhundert stammt. (shx)

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