Serie zur Sonderausstellung: Der Niedergang der Glasindustrie in Amelith und Polier

Feuer im Herrenhaus

Im Volksmund Schloss genannt: Das Herrenhaus in Amelith. Es wurde 1929 ein Raub der Flammen. Foto: nh

Uslar. Die Glasindustrie am Standort Amelith-Polier hat nach anfänglichen Schwierigkeiten unter Ernst Jacob Eckhardt ab 1779 einen enormen Aufschwung genommen und blühte noch lange Jahre unter der Regie der Familie Bippart.

Die Bipparts haben die Fabrik mit viel Sachverstand geführt und oft ihr Vermögen aus Spiel gesetzt, um das Werk zu erhalten. Davon zeugt auch ein Zitat von Johannes Bippart aus dem Jahr 1822: „Seit 1802 bin ich Pächter dieser Fabrik und habe manche schwere Stunde hier verlebt. Große Verluste haben mich während meiner Zeit hier getroffen, und ich habe gefunden, daß man oft seine ganze Existenz auf das Spiel setzen muß, um solche Fabriken zu erhalten.“

Die Bipparts waren sicherlich vermögend, doch ist festzustellen, dass sie nicht über den enormen Reichtum eines Kaufmanns Eckhardt verfügten und deshalb mit spitzerer Feder rechnen mussten. Daraus resultiert vielleicht auch ein Festhalten am Altbewährten, das die Fabrik mit der Zeit immer weiter hinter die modern ausgerüstete Konkurrenz zurückfallen ließ.

Viele Faktoren spielten zusammen, als es schließlich 1913 zum Konkurs der Hütte kam, die schon lange keine Spiegel, sondern nur noch Fensterglas produzierte. Der Verkauf der Fabrik an den Kommerzienrat Hermann Löwenherz in Lauenförde nährte zunächst die Hoffnungen auf einen Neuanfang.

Nachdem die Hütte im Ersten Weltkrieg stillgelegen hatte, lief die Produktion nach dem Krieg auch tatsächlich kurz wieder an. Doch die Zeit des mundgeblasenen Fensterglases war vorbei, und auch die Umstellung der Anlagen auf die Kristallglasschleiferei brachte nicht den erwarteten Erfolg.

Den traurigen Endpunkt markiert das Großfeuer, das der altehrwürdigen Glasindustrie des Sollings im Juli 1929 ein Ende setzte, sowie der anschließende spektakuläre Brandstiftungsprozess gegen den Inhaber der Glashütte, Georg Löwenherz.

Das Leben und Arbeiten der Bewohner von Amelith und Polier war über 150 Jahre völlig auf die Glashütte ausgerichtet. Dementsprechend hart traf es sie, als ihr Arbeitgeber plötzlich aufhörte zu existieren und sich die uralte gegenseitige Anhängigkeit auflöste. Die jungen Leute mussten sich an anderen Orten nach Arbeit umsehen, die alten versuchten, sich ein kärgliches Dasein zu sichern. Die Ausstellung „Die Fabrik im Wald. Glas und Spiegel aus Amelith und Polier“ ist noch bis zum 2. Oktober zu den Öffnungszeiten dienstags bis sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Sondertermine sind unter Telefon 05571-307143 oder -147 zu vereinbaren

Von Daniel Althaus

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