Laut Prof. Hans-Georg Stephan ist bei Polier die älteste Glashütte der Region

Glasspur bis ins Mittelalter

Hier stand eine Glashütte: Grabungsleiter Serge Reich (von links) mit den Schnittleitern Susanne Schmidt und Christopher Breninek, die Scherben und Baureste freilegten. Alle Fotos: Dumnitz

Polier. Wasser, weißer Quarzsand und viel Holz: Das sind die „Zutaten“, die die Menschen im Mittelalter zum Betrieb einer Glashütte benötigten. Diese alten Wirkungsstätten im Solling zu finden, hat sich der pensionierte frühere Bürgermeister von Oberweser, Roland Henne, auf die Fahne geschrieben. Ihn bezeichnete Prof. Hans-Georg Stephan von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg als „Trüffelschwein“ bei der Standortsuche.

Seit drei Wochen lässt Prof. Stephan unterhalb von Polier auf einer von Henne voruntersuchten Wiese im Reiherbachtal graben. Fest steht, dass es sich bei der Grabungsstelle unweit der Landesstraße 551 um einen mittelalterlichen Standort einer Glashütte, vermutlich um die älteste Hütte in der Region handelt. Das sei ein bedeutender Fund, auch wenn es in der Umgebung über ein Dutzend weiteter Standorte von Glashütten gebe, sagte Stephan am Rande der Grabungen mit 15 Archäologie-Studenten mehrerer deutschen Hochschulen wie etwa Köln, Berlin und Leipzig, die noch zwei Monate lang andauern soll.

Stephan betreute zuvor auch schon die Grabungsstellen in Schmeessen, Winnefeld, Nienover und zuletzt an der Glashütte am Lakenteich zwischen Eschershausen und Relliehausen. Das Weserbergland mit seinen waldreichen Höhenzügen beiderseits der Oberweser bildete laut Prof. Stephan das größte Glaserzeugungs- und verarbeitungsgebiet im nördlichen Mitteleuropa zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert.

Die ersten Waldglashütten im Solling stammen aus dem 12./13. Jahrhundert. Schriftliche Zeugnisse reichen bis 1450 zurück. Seit 1150 spielten die energieintensiven und Holz fressenden Waldglashütten in der Region eine wichtige Rolle. 20 bis 30 Menschen seien in einer Haupthütte vorwiegend im Sommer für die Glasfertigung nötig gewesen, sagte Stephan, der sich sicher ist, auf dem aktuellen Grabungsstück Ofenreste aus dem 14./15. Jahrhundert zu finden.

Ähnlich wie bei der frühneuzeitliche Waldglashütte am Lakenteich, die während einer Grabungskampagne vor einigen Jahren freigelegt und teilweise zur Anschauung rekonstruiert wurde. Diese Hütte sei laut Stephan von Hüttenmeister Franz Seidensticker 1655 gegründet und bis 1681 betrieben worden. 1776 wurde in Polier und Amelith eine der bedeutendsten Spiegelglashütten Norddeutschlands eingerichtet.

In der jetzt beforschten Hütte bei Polier seien farbige Glasgefäße und Flachglas hergestellt worden, sind sich Grabungsleiter Segre Reich und Prof. Stephan sicher. Über die Weser sei damals Handel mit der ganzen Welt betrieben worden. Im Wesertal seien aufgrund des hohen Holzverbrauchs über 900 Jahre lang Glashütten an verschiedenen Standorten angelegt worden. Ziel der Grabung, die rund 19 000 Euro kostet, ist die Klärung des Erhaltungszustandes, des genauen Alters und der Infrastruktur der Produktionsanlage. (jdx)

Termine für Führungen bei Grabungsleiter Serge Reich unter Telefon 0177-4499497

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