HNA-Serie über die 50er-Jahre im Solling: Der Alltag der Fabrikarbeiterinnen

Hetze vom Herd zur Halle

Typische Frauen-Arbeit in den 50er-Jahren: Zwei junge Frauen verpacken in der Käserei Zitzke und Mascher in Bodenfelde den „echten Bodenfelder“ Käse. Foto: nh

Uslar. Lange Zeit beschäftigten die Industriebetriebe der Solling-Region überwiegend männliche Arbeitskräfte. Frauen kamen vor dem Zweiten Weltkrieg allenfalls im Büro oder im Versand zum Einsatz.

Da ihre Lebensperspektive Mutter und Hausfrau war, besaßen die wenigsten von ihnen eine qualifizierte Berufsausbildung. Als im Laufe der 50er-Jahre auch in der Uslarer Gegend Arbeitskräfte in den Fabriken knapp wurden, nutzten viele Sollingerinnen die Möglichkeit, als angelernte Arbeiterinnen auf der Sollinger Holzwarenfabrik, in den Ilse-Möbelwerken, in der Glashütte Buder (Volpriehausen), bei Kordes Elektrotechnik (Sohlingen) oder in anderen Betrieben gutes Geld für größere häusliche Anschaffungen oder den Eigenheimbau zu verdienen.

Schon damals Mobbing

Hermine Körner (1909 bis 2006) aus Uslar zum Beispiel, alleinstehende Mutter von drei Kindern, arbeitete im Ilse-Werk II an der Bahnhofsstraße als Schleiferin. „Ich wollte mich ein bisschen aufwärmen an dem Geld, das damals bei Ilse bezahlt wurde“, erinnerte sie sich später. „Ich musste an einer großen Maschine Furnierholz schleifen. Keine leichte Arbeit, aber allmählich habe ich es gelernt.“

Obwohl ihr die Tätigkeit Spaß machte, kündigte sie nach zwei Jahren, da sie von männlichen Kollegen gemobbt wurde, die keine Frau an der neuen Maschine duldeten. Ihre Kolleginnen mussten teilweise gegen ihre Ehemänner die Fabrikarbeit durchsetzen, da sich diese immer noch als alleinige Ernährer ihrer Familien sahen.

Arbeit für die Aussteuer

Junge, unverheiratete Mädchen gingen oft für einige Jahre in die Industrie, um sich eine Aussteuer zu ersparen. Als Maschinenarbeiterin in der Möbelindustrie, als Käseverpackerin bei Zitzke & Mascher in Bodenfelde oder beim Einspeichen von Kinderwagenrädern bei Alfred Gorny in Lippoldsberg verdienten sie wesentlich mehr als in der Landwirtschaft oder im Haushalt.

Aus dem Kurzzeitengagement wurde allerdings oft ein Job für Jahrzehnte. Denn mit dem Einkommen stiegen auch die Ansprüche ans Leben. Frau rackerte für den E-Herd und die Waschmaschine, und die Familie gönnte sich schließlich eine Urlaubsreise nach Italien oder ein schnuckeliges Goggomobil.

Die meisten Frauen meisterten die Fabrikarbeit so gut wie die Männer. Bei Tätigkeiten, die Fingerfertigkeit und Einfühlungsvermögen verlangten, waren sie der männlichen Konkurrenz sogar überlegen und wurden bevorzugt eingestellt.

Das Hauptproblem der Arbeiterinnen war ihre Doppelbelastung. Wenn sie nach einem langen Arbeitstag an der Maschine endlich nach Hause kamen, mussten sie noch kochen, waschen und sich um ihre Kinder kümmern, denn die Haushalts- und Familienarbeit war weiterhin Frauensache geblieben. Bei der Hetze zwischen Herd und Halle ruinierten sie nicht selten ihre Gesundheit.

Von Dr. Wolfgang Schäfer

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