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Holznot machte erfinderisch: Rückblick auf Weihnachten im Solling vor 100 Jahren

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Auch im Waldarbeiterdorf herrschte Holzknappheit: Ein unbekannter
Auch im Waldarbeiterdorf herrschte Holzknappheit: Ein unbekannter © Verlag Jörg Mitzkat/nh

Uslar – Im Dezember 1922 herrschte trübes Herbstwetter im Weserbergland. Die meisten Menschen im Solling waren froh über die milden Temperaturen, denn Heizmaterial war derartig knapp geworden, dass Holzdiebstähle an der Tagesordnung waren.

Die Wälder waren damals wie leergefegt, weil an den „Holzetagen“ in allen Dörfern Frauen und Kinder mit Handwagen loszogen, um Leseholz zu sammeln. Männer kletterten sogar in die Bäume, um Tannenzapfen abzuschütteln. Selbst die von den Sollingvereinen aufgestellten hölzernen Ruhebänke für Wanderer waren oft über Nacht spurlos verschwunden.

Um die Holznot zumindest etwas zu lindern, sprengten Waldarbeiter Baumstubben, was manchmal zu schweren Unfällen führte. Weil Kohlen wegen der französischen Besetzung des Ruhrgebiets immer knapper wurden, musste die Reichsbahn den Zugverkehr einschränken. Die hohen Preise für Heizmaterial aller Art und Lebensmittel waren auf die steigende Inflation zurückzuführen, unter der vor allem Rentner, Invaliden und Kriegsopfer schwer zu leiden hatten.

Uslars damaliger Landrat Gustav Fischer (SPD) rief vor dem Weihnachtsfest zu Geldspenden für die notleidende Bevölkerung auf. Die Inflation veränderte das Alltags- und Festleben aller Menschen. Eine bisher dahin nicht gekannte Kriminalität verunsicherte die Bevölkerung des Sollings.

So erwog man in Fürstenhagen an den Weihnachtstagen die Einrichtung einer ständigen „Nachtwache“, denn in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 1922 schnitten gut organisierte Diebe an mehreren Stellen des Dorfes die Stromkabel durch, um einzelne Häuser zu filzen. Bei Landwirt Thiele räumten sie die Räucher- und Speisekammer leer, bei Schneider Glasewald durchsuchten sie das Haus – wohl erfolglos – nach Geld. Selbst an den Festtagen waren Banden unterwegs und ließen alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war. Heiligabend statteten sie der Teufelsmühle bei Schönhagen einen Besuch ab und fuhren mit 20 Zentner Roggen vom Hof.

Besonders unsicher war der Nordrand des Sollings. „Nach dem Überfall in der Mühle von Mackensen wurde ein Handwerksmeister aus Lüthorst auf offener Straße angefallen“, meldete die Göttinger Zeitung.

Heiligabend hatten Kinder Teller vors Fenster gestellt, am 1. Weihnachtstag freuten sie sich über Backwerk, Nüsse, Äpfel, ein Malheft und eine neue Mütze. Eine Gans oder einen Schweine- oder Rinderbraten zum Fest konnte sich vor 100 Jahren nicht jede Familie leisten. Uslars Roßschlachter Ludwig Heldt offerierte seiner weniger gut betuchten Kundschaft „frisches fettes Fohlenfleisch“. Die Wirtshäuser, die in den Jahren zuvor an den Festtagen immer rappelvoll gewesen waren, litten unter hohen Preisen für alkoholische Getränke und Tabakwaren: Ein Glas Bier und ein „Schnäpschen“ kosteten jeweils 40 Mark, eine Zigarre 20 Mark.

Musik- und Theaterveranstaltungen, die sonst für volle Häuser gesorgt hatten, fanden selten statt. Immerhin brachte der Sohlinger Arbeiter-Gesangverein das Schauspiel „Die Else vom Erlenhof“ im Saal der Gastwirtschaft Ahlborn auf die Bühne. In Schönhagen konnte man Sohnreys Bauerndrama „Düwels“ sehen, und in der Allershäuser Gastwirtschaft Küchemann spielte Weihnachten eine Kapelle zum Tanz.

Während ein Redakteur der Lokalzeitung meinte, „dass man sich bald alles versagen“ müsse, ging die Hebamme von Vernawahlshausen zur Naturalienwirtschaft über. Für die Geburt eines Knaben verlangte sie fürs kommende Jahr einen Zentner Weizen, für die Geburt eines Mädchens einen Dreiviertel Zentner Roggen.

Und während die Gewerkschaften Lohnerhöhungen einforderten, versuchten die Uslarer Straßenjungen sich selbst zu helfen. Da „Altwaren“ aller Art gute Preise erzielten, waren sie ständig auf der Suche nach Alteisen, Knochen und Papier.

Ein gebrauchtes Gebiss konnte die stolze Summe von 12 000 Mark einbringen, ein einzelner Ersatzzahn wurde mit rund 900 Mark gehandelt. Am 1. Weihnachtstag 1922 lieferten sich die Knaben sogar Gefechte mit selbstgefertigten „Flitzebögen“.

Ein Elfjähriger wurde dabei sogar von einem Holzpfeil derartig schwer verletzt, dass er zur Behandlung in die Göttinger Klinik eingeliefert werden musste.

Von Wolfgang Schäfer

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