Improvisation wie im Mittelalter

Nienover: Zwei Familien zeigten im Mittelalterhaus das Essen des 13. Jahrhunderts

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Am Frühstückstisch versammelt: (von links) Jasmin Ruf, Johanna Korell, Henrik Korell, Jochen Korell, Tina Korell, Jaron Ruf, Josua Ruf und Thomas Ruf.

Das Mittelalter war nicht fad. Wie viel Würze im Essen des 13. Jahrhunderts steckte, konnten Besucher am Wochenende im Mittelalterhaus in Nienover erleben.

„Gewürze waren durchaus verbreitet“, betonte Thomas Ruf. Er und seine Frau Jasmin sowie ihre drei Kinder Jaron, Josua und Nora sind die Familia Rufus, die zusammen mit Nobiles Palatii, das sind Tina und Jochen Korell mit ihren Kindern Johanna und Henrik, am vergangenen Wochenende das Mittelalterhaus in Nienover mit Leben erfüllt haben.

Sie zeigten, dass die Zubereitung und das Haltbarmachen der Speisen vor 700 Jahren deutlich aufwendiger war als heute. Allerdings, so erläuterte Thomas Ruf, war die schmackhafte Zubereitung des Essens kein alleiniges Privileg des Adels. Auch in den Haushalten von Bürgern gab es beispielsweise Pfeffer zum Würzen.

Aber auch mit Senf oder Kräutern wie Bärlauch wurde in der mittelalterlichen Küche gearbeitet. Dazu kamen exotische Gewürze wie die Macisblüte, die Speisen einen muskatähnlichen Geschmack verleiht.

Am Sonntag sollte es als Hauptmahlzeit Bratwurst mit Mus aus dicken Bohnen und Mus aus Kichererbsen, gewürzt mit Ingwer, geben. Als Nachtisch war in Fett ausgebackener Hefeteig und Apfelleder vorgehen. Das ist durch Trocknen am Feuer fest gewordenes Apfelmus, das dafür dünn auf ein Holzbrett gestrichen wurde.

Apfelleder: Dünn auf ein B rett geschmiertes Apfelmus wird am Feuer getrocknet. Dadurch bekommt es eine feste und ledrige Konsistenz und ist lange haltbar.

Bevor die Würste aber über dem offenen Feuer im Mittelalterhaus geräuchert und anschließend gebraten werden konnten, mussten sie gestopft werden.

Da war bei Tina Korell mittelalterliche Improvisationsfähigkeit gefragt. Denn um die zwei verschiedenen Füllungen in die zuvor aufwendig gewaschen und gespülten Naturdärme zu bekommen, fehlte ein Knochenring, um das Ende des Darms offenzuhalten. Sie behalf sich schließlich mit der Tülle eines Tonkrugs, über die sie den Darm zog.

Würstestopfen mit viel Gefühl: Durch die Tülle eines Tonkrugs beförderte Tina Korell die Füllung in den Naturdarm. Anschließend wurden die Würste geräuchert.

Gefüllt wurden die Würste zum einen mit einer Farce aus Fleisch, Speck, Äpfeln und Zwiebeln und zum anderen mit gewürztem Fleisch.

Außerdem zeigte Thomas Ruf den Besuchern, wie auf Pergament (Ziegenhaut) oder Papyrus früher mithilfe eines Federkiels geschrieben wurde – und wie damals Tinte angemischt wurde. Dass es im 13. Jahrhundert auch schon Spielzeug gab, präsentierte Tina Korell den Besuchern.

Von einer Babyrassel aus Ton über Tonfiguren und mit Wolle gefüllten Lederbällen, die etwa Faustgröße hatten, über Brettspiele wie Mühle bis zu einer Art mittelelterlichem Jojos reichte die Auswahl.

Diese sogenannte Schnurre besteht nach ihren Worten aus einem Mittelfußknochen eines Schweins oder einer Ziege, in dessen Mitte ein Loch gebohrt ist, durch das eine Schnur gezogen wird. Bindet man die beiden Enden der Schnur zu einer großen Schlaufe zusammen, kann man die Schlaufe durch Drehen des Knochens aufzwirbeln. Zieht man nun an den beiden Enden der Schlaufe, beginnt der Knochen schnell zu rotieren, sodass die aufgedrehte Schlaufe erst entwirrt, dann aber – wenn man an den Enden nachgibt – wieder aufgezwirbelt wird.

Durch erneutes Ziehen an beiden Enden beginnt die Rotation ähnlich wie beim Jojo von vorn. Wenn sie nicht in ihrer Freizeit ins Mittelalter abtauchen sind Thomas und Jasmin Ruf nach eigenen Worten beide Realschullehrer für Mathematik und Religion.

Tina Korell ist Erziehrein und ihr Mann Jochen arbeitet als Streetworker. Beide Familien kommen aus Rheinland-Pfalz.

Sie hatten sich beim Landkreis Northeim beworben, ein Wochenende in Nienover ehrenamtlich mittelalterliches Leben demonstrieren zu können. „Das Mittelalterhaus ist ein Mythos in der Szene“, betont Tina Korell.

Sie war mit ihrer Familie nunmehr zum vierten Mal in Nienover. Für Familia Rufus war es die Premiere im Solling.

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