Erster Weltkrieg

Das Offiziersgefangenenlager in Wahmbeck: Der Feind wohnte im Dorf

Gefangenenlager: Das Rothhaus in Wahmbeck beherbergte im Ersten Weltkrieg Offiziere. Foto: nh

Wahmbeck. Große Aufregung herrschte am 25. Mai 1915 in Wahmbeck, denn die ersten zehn französischen Gefangenen zogen mit drei Mann Bewachung durch das Dorf in die „Rothhaussche Sommerfrische“. Diese Gefangenen waren zumeist Handwerker, die das Hotel Rothhaus in ein Offiziersgefangenenlager umbauen sollten.

Am 17. Juni 1915 war das Lager soweit fertig, dass es mit 100 gefangenen Offizieren belegt werden konnte. Zunächst kamen 45 russische, 40 französische, acht englische und sieben belgische Offiziere nach Wahmbeck.

Weiterhin legte man vier russische, drei französische und zwei belgische Soldaten mit in das Lager, deren Aufgabe es war, die höheren militärischen Ränge zu bedienen. Die Zusammensetzung der Gefangenen wechselte während des Krieges mehrfach. Später waren vor allem Engländer und am Ende des Krieges Russen dort untergebracht. Von deutscher Seite lagen zur Bewachung des Lagers ein Hauptmann, ein Feldwebel, drei Unteroffiziere und 24 Gemeine in Wahmbeck im Quartier.

Gemäß der Haager Landkriegsordnung stand den Offizieren eine bessere Unterkunft und bessere Verpflegung zu als den Mannschaften. Sie konnten auch nicht zur Arbeit im Feindesland herangezogen werden. Somit waren die Lagerinsassen in Wahmbeck relativ komfortabel untergebracht und bekamen gutes Essen.

Sie konnten sich in einem kleinen Garten ihr eigenes Gemüse heranziehen und durften bisweilen sogar in der Weser schwimmen. Hinter dem Stacheldraht galt sogar eine eigene Währung. Das bunte Geld konnte nur innerhalb des Lagers verwendet werden, denn die Deutschen wollten den Gefangenen kein echtes Geld in die Hand geben, das sie dann bei Fluchtversuchen einsetzen konnten.

Trotz der relativ guten Bedingungen kam es zu mehreren Ausbruchsversuchen. Der Lehrer Karl Baumann aus Wahmbeck berichtet zum Beispiel in seiner Kriegschronik: „Am 07. August 1916 entwichen aus dem Lager die beiden russischen Offiziere Piotor Iwanow und Wladimir Kirikow. Dieselben hatten den Schutz von hohen Rankengewächsen am Drahtzaun benutzt, um in Karl Brandts Garten zu gelangen, wo dann die hohen Vietsbohnen sie bis Eintritt der Dunkelheit günstig verdeckten.

Am Bahnübergang bei Hiltrup, drei Kilometer von Münster entfernt, wurden sie wieder festgenommen und später nach dem Offiziersgefangenenlager Hann. Münden gebracht.“

Das Lager Wahmbeck öffnete bei Kriegsende nicht schlagartig die Tore, sondern bestand zunächst noch weiter. Seit dem 11. November 1918 rechneten die englischen Offiziere täglich mit ihrer Freilassung, aber erst am 10. Dezember durften sie Wahmbeck verlassen.

Ende des Jahres belegte man das Lager sogar erneut mit russischen Gefangenen, die jedoch jetzt mehr Freiheiten erhielten. Im Mai des folgenden Jahres sollten 80 Gefangene in andere Lager gebracht werden. Bei dieser Gelegenheit entwichen 70 russische Offiziere und acht ihrer Burschen in Zivilkleidung, indem sie ungehindert mit der Fähre über die Weser setzten, nach Helmarshausen marschierten und von dort mit dem Zug nach Kassel fuhren.

Die letzten Gefangenen im Lager waren Bolschewisten, die scharf bewacht wurden. Danach zogen vertriebene Deutsche aus Elsass-Lothringen und schließlich Deutsch-Russen in das ehemalige Hotel ein, für die eine neue Heimat im verkleinerten Deutschen Reich gefunden werden musste. Sonderausstellung im Museum Uslar: „Stahlgewitter und Steckrübensuppe. Die Sollinger im Ersten Weltkrieg“, geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 15 bis 17 Uhr, Kontakt: touristik@uslar.de; Tel. 05571-307220

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