Prof. Dr. Hans-Georg Stephan vermutet unweit der aktuellen Grabung eine weitere Produktionsstätte

Spuren zur ältesten Glashütte

Besprechung an der Fundstelle: Prof. Hans-Georg Stephan (links) diskutiert mit seinem wissenschaftlichen Grabungsleiter Radoslaw Myszka an freigelegten Überresten der ehemaligen Glashütte. Bei den Steinen handelt es sich wohl um Gebäudereste. Foto: Dumnitz

Polier. In den nächsten Wochen sollen die Grabungen an der mittelalterlichen Glashütte von etwa 1420/30 zwischen Polier und Bodenfelde von Prof. Dr. Hans-Georg Stephan (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) und seinem Team abgeschlossen werden. Anschließend soll noch im Herbst rund 500 Meter weiter oben am Bachlauf der Bredenbeke eine neue Grabung beginnen.

Prof. Stephan vermutet nach ersten Scherbenfunden von Roland Henne (Lippoldsberg) an der Stelle eine um etwa 500 Jahre ältere Glashütte aus der Zeit um das Jahr 900/1000. Wenn sich das bewahrheitet, wäre diese dann Europas früheste Glashütte. Eine nicht kleine Sensation für die Region.

Auf dem Wiesenareal im Reiherbachtal soll aber zunächst die vierte Grabungskampagne, die im April begann, beendet werden. „Alles wird wieder mit Boden abgedeckt, dann kann Gras drüberwachsen und bald weiden da wieder Kühe“, bringt es Prof. Stephan auf den Punkt. Bis dahin haben die zwölf Mitarbeiter (Studenten und Helfer über die Arbeitsagentur Uslar) jedoch noch allerhand zu tun.

Waldreiche Höhenzüge

Die freigelegten Relikte von zwei Neben- und einem Hauptofen an dem Bachlauf sind dickwandige Glashäfen, Scherben von grünlichem, blauem und rotem Glas. Laut der naturwissenschaftlichen Analyse Holzascheglas und Holzaschekalkglas.

Das Weserbergland mit seinen waldreichen Höhenzügen beiderseits des Flusses bildete das größte Glaserzeugungs- und Verarbeitungsgebiet im nördlichen Mitteleuropa zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert. Da ist sich Stephan sicher. Er würde sich ebenso wie Bodenfeldes Bürgermeister Mirko von Pietrowski freuen, wenn man diesen Teil der Geschichte wieder sichtbar machen könnte.

Eine Glashütte ist am Lakenteich im Solling rekonstruiert worden, etwas Ähnliches könnte es nahe des Mittelalterhauses bei Nienover geben, meinte Pietrowski bei einem Rundgang über das Grabungsgelände. Auf der Wiese direkt sei es dies nicht möglich.

Dauerleihgabe fürs Museum

Prof. Stephan sagte, dass die Funde aus dem Boden dem Land Niedersachsen gehören. Nach der wissenschaftlichen Auswertung könnten die Dokumente vergangenen Zeit aber vertraglich geregelt etwa als Dauerleihgabe dem Uslarer Museum zur Verfügung gestellt werden. Da gebe es erste Überlegungen, sagte Hans-Georg Stephan. Damit die Fundstücke möglichst exakt untersucht und länger erhalten werden können, ist die Restauratorin Olga Emgrund mit von der Partie (Artikel unten). Sie kümmert sich um die fachgerechte Lagerung der Fundstücke.

Dritter Wissenschaftler neben Emgrund und dem wissenschaftlichen Grabungsleiter Radoslaw Myszka bei der Kampagne unter der Gesamtleitung von Prof. Stephan ist Sören Siebe aus Bamberg, vom Institut für für Archäologie, Denkmalkunde und Kunstgeschichte, der sich anschließend auch mit der Auswertung der Funde beschäftigt. Was bei Polier in drei Monaten gefunden wurde, werde die nächsten 30 Monate ausgewertet, heißt es.

Immerhin scheint die ehemalige Produktionsfläche der Glashütte nach den geomagnetischen Untersuchungen rund 1000 Quadratmeter groß gewesen zu sein. Dazu kommen noch mehrere Abraumhalden.

Von Jürgen Dumnitz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.