Friedens-Wünsche unter dem Baum

1917 im Solling: So lief dort Weihnachten während des Ersten Weltkrieges ab

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Verwundete und Rot-Kreuz-Schwestern im Uslarer Lazarett: Das Gebäude der einstigen Landwirtschaftsschule an der Bahnhofstraße 10 in Uslar wurde um 1917 als Krankenhaus genutzt. Archivfotos: Privat/nh

Uslar. Am 24. Dezember 1917 hüllt eine dünne Schneedecke die Mittelgebirgslandschaft um Uslar ein. Einige Tage Frost haben dafür gesorgt, dass Tümpel und Teiche zugefroren sind. Die städtische Eisbahn lädt zum Schlittschuhlaufen ein.

Zur Christkirche um 17 Uhr schweigen die Glocken der Johanniskirche, da sie wie die Orgelpfeifen für die Rüstung geopfert wurden. Wenn an den Feiertagen trotz der Fleischknappheit ein Braten auf den Tisch kommt, liegt das oft an Wilderern, die große Jagden veranstalten.

550 Soldaten aus Uslar

Vor 100 Jahren prägte der Erste Weltkrieg, der in dreieinhalb Jahren bereits Millionen Todesopfer gefordert hatte, den Alltag der Menschen in den Dörfern und Kleinstädten des Sollings. Allein aus der Kreisstadt Uslar, die damals circa 2300 Einwohner zählte, wurden in den Kriegsjahren 550 Männer zum Kriegsdienst eingezogen.

Bis Dezember 1917 waren 60 von ihnen bei den sinnlosen Massakern in Flandern, vor Verdun oder an der Somme ums Leben gekommen. Am 23. Dezember starb der 23-jährige Jagdflieger Walter Brachwitz.

Granaten von der Hütte

Im Dezember 1917 war Uslar Rüstungsstandort. So wurden auf der Sollinger Hütte Granaten gefertigt, die Möbelfabrik von Ilse & Co. stellte viele tausend Handgranaten- und Spatenstiele her. Die Möbelfabrik von Neugarten & Eichmann an der Bahnhofsstraße lieferte Spinde für die Kasernen.

Da die meisten jüngeren Männer „im Feld standen“, rekrutierten die Betriebe zunehmend Frauen, um die Produktion aufrecht zu erhalten. Auch ausländische Kriegsgefangene wurden in der Industrie und in der Landwirtschaft eingesetzt. Kontakte der Zivilbevölkerung mit den Gefangenen waren streng verboten. Als zum Beispiel die Dienstmagd Wilhelmine S. aus Arenborn einen englischen Soldaten näher kennen lernte, wurde sie zu einer sechswöchigen Gefängnisstrafe verurteilt. Im vierten Kriegsjahr war das soziale Engagement vieler Frauen weiterhin groß. Sie rackerten nicht nur auf den Feldern und in den Fabriken, sondern sie schickten tausende Pakete mit Liebesgaben an die Front und kümmerten sich in Bodenfelde, Volpriehausen und Uslar in den Lazaretten des Roten Kreuzes um Verwundete. Jede dieser Einrichtungen konnte 15 bis 40 Männer aufnehmen.

Boomendes Rüstungsunternehmen: In der Sollinger Hütte wurden in den Kriegsjahren Granaten hergestellt. Damals waren dort auch 20 Kriegsgefangene und zahlreiche Frauen beschäftigt.

Frage des Friedens

Als die Deutschen 1917 Weihnachten feierten, herrschte bei vielen Menschen eine große Friedenssehnsucht. Nach der russischen Oktoberrevolution hofften sie auf einen Verständigungsfrieden ohne Sieger und Besiegte. Die Bäuerin Auguste Elges aus Vernawahlshausen notierte: „Nun hoffen wir, dass dies Jahr 1918 ein Friedensjahr wird und hoffen auf ein Wiedersehen unserer Lieben, die draußen sind.“ Für einen „Siegfrieden“ trat dagegen die nationalistische „Deutsche Vaterlandspartei“ ein, die auch im Kreis Uslar vor einem Verrat an der Heimatfront warnte. Ihre Wortführer waren im Solling vor allem Beamte und evangelische Geistliche.

Gefangenenlager Wahmbeck

Das „Hotel Rothaus“ in Wahmbeck war um 1900 für die obere Mittelschicht eingerichtet worden. Das exklusive Landhotel mit eigenem Dampferanleger, einer Badeanstalt in der Weser sowie eigenen Tennisplätzen wurde 1915 vom deutschen Militär zu einem Gefangenenlager für ca. 120 Soldaten umgewandelt, in dem vor allem französische Offiziere einquartiert wurden. Im Jahre 1920 nahm die „Sommerfrische“ ihren Betrieb wieder auf.

Wie zwei Schwerkranke im Hospiz in Frankenberg feiern, lesen Sie hier. 

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