Munition entfachte ein Inferno

Explosion schuf Mythos über Bernsteinzimmer in Volpriehausen

Das Bernsteinzimmer: Seit 2003 ist im Katharinenpalast in St. Petersburg eine Rekonstruktion zu sehen. Das Original der Anfang des 18. Jahrhunderts entstandenen und aus Bernstein gestalteten Wandverkleidungen ist seit 1945 verschollen.

Volpriehausen. In der Nacht vom 29. auf den 30. September 1945 reißt eine gewaltige Detonation die Bewohner des Ortes Volpriehausen im Solling aus dem Schlaf.

Über dem früheren Kali- und Steinsalzbergwerk „Wittekind“, das im Zweiten Weltkrieg als Heeresmunitionsanstalt genutzt wurde, steigt eine riesige Rauchsäule auf. Zwei Tage lang kommt es immer wieder zu heftigen Explosionen. Knapp fünf Monate nach Kriegsende verursachen die unterirdisch gelagerten 20.000 Tonnen Munition ein Inferno, das sieben Menschen das Leben kostet.

Das Explosionsunglück ist die Geburtsstunde eines Mythos: Seit 70 Jahren halten sich Spekulationen, dass sich das weltberühmte Bernsteinzimmer in dem Schacht befunden habe. Das Bernsteinzimmer, das der preußische König Friedrich Wilhelm I. dem russischen Zaren Peter I. geschenkt hatte, gilt seit Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen. Seitdem forschen Wissenschaftler, Schatzsucher und Hobbyhistoriker nach dem Verbleib, bislang vergeblich. Fest steht nur, dass es zuletzt in Königsberg gesehen wurde.

Dies ist der Grund, warum Volpriehausen mit dem Bernsteinzimmer in Verbindung gebracht wird: Der Direktor der weltweit größten Bernsteinsammlung der Universität Königsberg hatte im Herbst 1944 wegen der bedrohlichen Kriegslage zwei Holzkisten mit über 1000 Bernsteinen nach Göttingen bringen lassen. Von dort wurden sie nach Volpriehausen gebracht und an einer unzugänglichen Stelle im Schacht eingelagert.

Später sollen noch weitere Kisten aus Königsberg nach Volpriehausen gelangt sein, deren genauer Inhalt nicht bekannt ist. Die Kisten seien allerdings zu klein gewesen, um Paneelen des Bernsteinzimmers aufzunehmen, berichtet der frühere Uslarer Ortsheimatpfleger Detlev Herbst, der intensive Recherchen zu den damaligen Geschehnissen angestellt hat.

Die Universität Göttingen hatte bereits seit dem Frühjahr 1944 mehr als 360.000 Bücher aus der Universitätsbibliothek und zahlreichen Instituten nach Volpriehausen gebracht und in dem Schacht eingelagert. Auch Kirchenakten, Münzsammlungen, Archive und Privatbibliotheken wurden zum Schutz vor Bombenangriffen dorthin in Sicherheit gebracht.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam Volpriehausen unter britische Militärverwaltung. Kurz darauf habe der Obersteiger die zwei Kisten mit Objekten der Bernsteinsammlung dem britischen Oberkommandierenden übergeben, berichtet Detlev Herbst. Als das Bergwerk in die Luft flog, befand sich der letzte noch existierende Teil der einst über 100.000 Objekte umfassenden Königsberger Sammlung bereits in Sicherheit. Der weitaus größte Teil war im April 1945 bei den Kämpfen um die Festung Königsberg vernichtet worden.

Sieben Menschen kamen ums Leben

Das Explosionsunglück in Volpriehausen hatte verheerende Folgen. Fünf polnische Fremdarbeiter und zwei Feuerwehrleute wurden von tonnenschweren Beton- und Stahlteilen erschlagen. Weil große Mengen Oberflächenwasser in den Schacht eingedrungen waren, hätten die Helfer erst Monate später und nur unter Lebensgefahr in das Bergwerk gelangen können, sagt Detlev Herbst.

Professoren und Studenten versuchten in abenteuerlichen Einsätzen die Bibliotheksbestände zu retten, die noch unversehrt geblieben waren. Einer der damals zum Arbeitseinsatz verpflichteten Studenten meldete sich mehr als 50 Jahre später bei der Universität Göttingen, wo seit 1958 die geretteten Teile der Königsberger Sammlung aufbewahrt werden.

Der inzwischen pensionierte Jurist war durch einen Zeitungsbericht auf die Bernsteinsammlung aufmerksam geworden. Er erinnerte sich, dass er 1946 bei der Bergungsaktion in Volpriehausen mehrere Bernsteine entdeckt und mitgenommen hatte. Diese Stücke, die als verschollen galten, übergab er nun den freudig überraschten Wissenschaftlern. Das Bernsteinzimmer dagegen gilt weiterhin als verschollen.

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