Komplikationen

Große Not am Neujahrstag beim hausärztlichen Notdienst in Uslar

Uslar. „Wer nicht an einer profanen Krankheit sterben möchte, der sollte hier wegziehen.“ Diesen Satz habe ich erstmals ausgesprochen, als das Uslarer Krankenhaus Ende März 2012 geschlossen wurde.

Wie es sich mit der hausärztlichen Notversorgung im Uslarer Land an einem Feiertag wie Neujahr 2018 verhält, haben meine Frau und ich am eigenen Leib erleben müssen.

Am Neujahrsmorgen klagt sie über heftige Schmerzen im Unterleib, hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich rufe den hausärztlichen Notdienst (offizieller Titel: vertragsärztlicher Bereitschaftsdienst) an, der über die bundeseinheitliche Nummer 116117 zu erreichen ist und lande in der Rettungsleitstelle. Von dort werde ich mit einer Ärztin verbunden, deren Namen ich noch nie gehört habe. Sie bestellt meine Frau und mich für anderthalb Stunden später in eine Uslarer Praxis.

Dort öffnet eine Frau mit Telefon am Ohr die Tür und bittet uns hinein. Schnell wird klar: Die hat hier noch nie gearbeitet. Ich überzeuge sie vor allem angesichts der zunehmenden Schmerzen meiner Frau, einen Rettungswagen zu bestellen und helfe ihr bei der Übermittlung der Adresse.

Zwischenzeitlich klingelt es an der Praxistür: Ich öffne auf Bitten der Ärztin und blicke ins Gesicht einer früheren Nachbarin: „Wenn ich mit allem gerechnet habe, aber nicht mit Dir“, reagiert sie, als ich und keine Arzthelferin ihr die Tür öffne.

Ich eile zu meiner Frau, die sich inzwischen vor Schmerzen krümmt und bald zu kollabieren droht. Die Ärztin will ihr ein Schmerzmittel verabreichen und packt eine Ampulle nach der anderen aus ihrer Tasche – gefühlt 200 Stück – spricht von Buscopan und sucht aber vergeblich danach. Dann treffen die Rettungssanitäter ein.

„Gott sei dank Profis“, denke ich, als die sich schnell ein Bild machen und Vorbereitungen für den Abtransport treffen. Inzwischen hat die Ärztin doch noch die gesuchte Ampulle gefunden.

Danach lassen wir eine Ärztin zurück, die mit der Situation vollkommen überfordert war, die sich nicht auskannte und ganz allein an einem Feiertag für das Uslarer Land den Hausärztlichen Notdienst verrichtete. Im Rettungswagen fragt sich einer der Rettungssanitäter: „Was war das denn für eine Ärztin?“ Er und sein Kollege wollen unterwegs den Notarzt hinzuholen, um meiner Frau ein wirksames Schmerzmittel zu verabreichen. Sie will aber nur noch ins Krankenhaus – keine Verzögerungen mehr.

Dort wird ihr geholfen. Nierenstein lautet die Diagnose. Das sind die schlimmsten Schmerzen, sagen die Ärzte im Krankenhaus Weende. Ich erzähle von unseren Erlebnissen. Ein Pfleger wirft ein: „Das sind eingekaufte Notdienste.“ Das erklärt einiges, denke ich. Meine Wut weicht, aber nur, weil meine Frau keine Schmerzen mehr hat. Sie wird tagsdrauf entlassen. Der Nierenstein ist abgegangen. Ihr geht es wieder gut. Der hausärztliche Notdienst, wie wir ihn erlebt haben, ist für uns gestorben.

Hintergrund

Der vertragsärztliche Bereitschaftsdienst wird nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Bezirksstelle Göttingen, von den örtlichen Medizinern erledigt. Sie werden eingeteilt, haben aber auch die Möglichkeit, sich vertreten zu lassen, sagte Harald Jeschonnek, Geschäftsführer der Bezirksstelle Göttingen, auf Anfrage. In der Regel verrichten die örtlichen Ärzte den Dienst. Er ist über die bundeseinheitliche Nummer 116 117 zu erreichen, und zwar zunächst über die Rettungsleitstelle in Northeim, die entweder an den Arzt weitervermittelt, der Dienst hat, zur Not aber auch einen Rettungswagen alarmieren kann.

Der Kassenärztlichen Vereinigung ist nach den Worten von Harald Jeschonnek daran gelegen, dass das System funktioniert. Wenn das nicht der Fall sein sollte, sollte man das der KVN melden. Unterdessen heißt es in der Uslarer Praxis, in der der obige Fall passierte, dass personelle Konsequenzen gezogen würden. 

Rubriklistenbild: © picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

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