HNA-Serie: Sollinger im ersten Weltkrieg

Wie Heinrich Voß aus Frankreich bis nach Fürstenhagen flüchtete - zu Fuß

Sie schafften es: Heinrich Voß (links/Fürstenhagen) und Willy Winkelströter entkamen aus der Gefangenschaft der Franzosen und flohen bis nach Hause.

Fürstenhagen. Der Fürstenhagener Heinrich Voß floh aus einem Kriegsgefangenenlager in Frankreich in die Heimat - zu Fuß, und gemeinsam mit Willy Winkelströter getarnt als Ehepaar. Wir schildern, wie die abenteuerliche Flucht verlief.

Heinrich Voß erblickte am 4. August 1898 in Fürstenhagen das Licht der Welt und gehörte zu einem der Jahrgänge, denen der Erste Weltkrieg die Jugend raubte. Im Mai 1918 geriet er bei dem Dorf Chezy en Orxois, etwa 80 Kilometer nordöstlich von Paris, in französische Kriegsgefangenschaft. Im Gefangenenlager herrschten katastrophale Zustände. Voß sah viele deutsche Soldaten an Hunger und Entkräftung sterben und beschloss deshalb, mit zwei Kameraden die Flucht zu ergreifen.

Zunächst schmuggelten die Drei in der Hose über ihren Wickelgamaschen Mehl ins Lager. Sie mischten es mit Wasser und brieten auf einem mit Maschinenöl gefetteten Deckel einer Dose 86 „Pfannkuchen“, die unterwegs als Proviant dienen sollten. Voß und seine Freunde entkamen zwar aus dem Lager, sie fuhren jedoch mit einem Güterzug ins Landesinnere und wurden dabei von einer Ladung „getrocknetem Pressklee“, die sich während der Fahrt verschoben hatte, fast erdrückt.

Die „Maschinenölpfannkuchen“ und verschmutztes Flusswasser aus Blechdosen führten zu Durchfall. Beim Umsteigen in einen anderen Zug gerieten die drei Kranken erneut in Gefangenschaft und wurden mit zwei Wochen Festungshaft und 33 Tagen „Prison“ - einem dunklen Kellerloch - bestraft.

Als Mann und Frau getarnt 

Erfolgreicher waren Heinrich Voß und sein Kamerad Willy Winkelströter aus Wuppertal im November 1919. Nach sorgfältiger Planung gelang es ihnen, das gut gesicherte Lager Béthune in Nordfrankreich hinter sich zu lassen. Für Winkelströter hatten die Flüchtlinge Frauenkleider genäht, um sich auf der Flucht als Liebespaar tarnen zu können.

Auch wenn sie von Passanten oft schief angesehen wurden, rettete sie diese Verkleidung aus vielen brenzligen Situationen. Mehrfach stießen sie auf ihrem langen Weg in die Heimat auf Wachtposten und misstrauische Zivilisten, doch immer konnten sie ihren Verfolgern entkommen. Besonders als sie das ehemalige Kampfgebiet durchquerten, hatten sie Mühe die Richtung zu halten.

Die Landschaft zeigte noch die frischen Spuren des Krieges. Bombentrichter, Stacheldrahtverhaue und spanische Reiter versperrten den Heimkehrern den Weg. Flüsse und vollgelaufene Entwässerungsgräben stellten schwer zu überwindende Hindernisse dar. In Frankreich und Belgien bestand für sie immer die Gefahr, als „Boches“ erkannt und erschossen zu werden.

Hilfe in Holland

Trotz aller Schwierigkeiten gelangten Voss und sein Kamerad durch französisches und belgisches Gebiet in die Niederlande, wo sie hilfsbereite Menschen fanden, die sie mit Kleidung und Essen versorgten.

Laut den Sollinger Nachrichten kehrte Heinrich Voß schließlich am 7. Dezember 1919 nach entbehrungsreichen Wochen in den heimatlichen Bramwald zurück.

Zur Person Heinrich Voß

Heinrich Voß veröffentlichte seine Fluchterinnerungen später in der Göttinger Zeitung. Nach dem Ersten Weltkrieg betrieb er in Fürstenhagen eine kleine Landwirtschaft. Zusätzlich arbeitete er im Basaltsteinbruch und im Wald, später handelte er mit Holz. Als Hobbyschriftsteller verfasste er vor allem gefühlvolle Naturlyrik. Gelegentlich berichtete er auch für die Göttinger Zeitung aus dem Bramwald. Heinrich Voß starb 1977 in Fürstenhagen.

Sonderausstellung im Museum Uslar „Stahlgewitter und Steckrübensuppe. Die Sollinger im Ersten Weltkrieg“, geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 15 bis 17 Uhr, Kontaktdaten: touristik@uslar.de; Tel. 05571-307220.

Von Daniel Althaus

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.