Zwei Frauen aus Südniedersachsen starben infolge der Quälereien

Höxter-Mordprozess: Angeklagter gesteht überraschend Teilschuld

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Der Angeklagte Wilfried W. im Landgericht in Paderborn.

Paderborn/Northeim. Überraschung im Mordprozess um die tödlichen Misshandlungen im sogenannten Horrorhaus von Höxter: Der Angeklagte hat nach Angaben eines Gutachters eine Teilschuld eingestanden.

Bei einem der beiden Todesfälle gebe Wilfried W. unterlassene Hilfeleistung zu, berichtete der psychiatrische Gutachter Michael Osterheider am Dienstag im Landgericht Paderborn. Bislang hatte Wilfried W. alle Schuld von sich gewiesen. Außerdem werfe er sich vor, die Gewalt nicht unterbunden zu haben.

Über Jahre hinweg sollen Wilfried W. und Angelika W. mehrere Frauen in ein Haus nach Ostwestfalen gelockt und dort schwer misshandelt haben. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben infolge der Quälereien. Eine weitere Frau aus Magdeburg entkam. Wilfried W. und Angelika W. sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.

Gutachter Osterheider musste als Zeuge zu Gesprächen aussagen, die er von März bis Juni im Gefängnis in Detmold und im Landgericht mit dem Angeklagten geführt hatte. Dabei musste sich der Psychiater in einem ersten Schritt noch nicht als Gutachter befragen lassen, sondern schildern, was ihm der Angeklagte in der Befragung über insgesamt 16 Stunden mitgeteilt hatte.

Der Verteidiger von Wilfried W., Detlev Binder, warf dem Gutachter nach seiner Aussage "grob schlampige Arbeit" vor und lehnte den Professor der Uni Regensburg erneut als Gutachter ab.

Opfer aus dem Landkreis Northeim

Eine 41-jährige Frau aus Bad Gandersheim war nach wochenlanger Gefangenschaft und Misshandlung auf dem Hof im Krankenhaus in Northeim gestorben. Nach dem Ergebnis der Obduktion starb die Frau an den Folgen stumpfer Gewalt gegen den Kopf. Sie soll sich auf eine Zeitungsannonce gemeldet haben, die der 46-Jährige eingestellt hatte und in der er laut Polizei "eine Frau für eine feste Beziehung" suchte. Doch statt des erhofften Liebesglücks erwarteten die Frau Wochen voller Qualen.

Die jüngere der beiden, die in Folge der Misshandlungen im August 2014 gestorben war, wuchs nach Informationen der HNA in Dinkelhausen im Uslarer Land auf. Sie lebte so lange dort, bis sie zu ihrem späteren Peiniger nach Höxter zog. Annika W. hatte den Beschuldigten 2013 ebenfalls per Kontaktanzeige kennengelernt und kurz danach geheiratet. 

Körperliche Misshandlungen und seelische Grausamkeiten

Zum Start im Prozess um das Horrorhaus von Höxter hatte die Staatsanwaltschaft grausame Details aus der Leidenszeit der Opfer geschildert. Mit schwersten körperlichen Misshandlungen und seelischen Grausamkeiten sollten die Opfer gefügig gemacht werden, wie Oberstaatsanwalt Ralf Meyer vor dem Landgericht Paderborn sagte. 

Ziel sei es gewesen, Frauen für W. als Leibeigene für alle Lebenslagen zu bekommen. Den Willen der Frauen sollen die beiden Angeklagten systematisch mit Gewalt gebrochen haben. Dazu ketteten sie sie den Schilderungen zufolge stundenlang an, traten den Frauen die Beine weg oder verbrühten deren Haut. Schlafen mussten sie nachts in einer kalten Scheune. Eine der Frauen sei angekettet fast in einer volllaufenden Badewanne ertrunken.

Eine Chronologie der bislang bekannten Fakten

1995: Das Amtsgericht Paderborn verurteilt den damals 25-jährigen Wilfried W. im August zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Der Grund: Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung. Wie die „Neue Westfälische“ damals berichtete, soll er seine damalige Ehefrau misshandelt und gequält haben - gemeinsam mit einer Komplizin.

1999: Der gebürtige Bochumer lernt die in Herford geborene, heute 47-jährige Beschuldigte Angelika B. kennen. Sie heiraten nach wenigen Wochen.

2011: Im Ortsteil Höxter-Bosseborn mietet das Paar einen Hof. Zuvor wohnten sie im 50 Kilometer entfernten Schlangen in Lippe.

Ende 2011 bis März 2012: Mehr als drei Monate lang soll eine heute 51-Jährige Frau aus Berlin in Höxter misshandelt und gefangen gehalten worden sein. Später wird sie von den Beschuldigten in einen Zug nach Hause gesetzt. Sie traut sich erst 2016, bei der Polizei auszusagen, als sie in Medienberichten das Haus wiedererkannt hat.

2013: Das Paar lässt sich scheiden. Über eine Zeitungsanzeige kommt die 33-jährige Annika W. aus Niedersachsen nach Bosseborn. Bereits nach kurzer Zeit heiratet sie Wilfried W., der weiterhin mit seiner Ex-Frau in dem Haus wohnt. Gemeinsam sollen sie die 33-Jährige gequält haben, wie aus den Aussagen der festgenommenen Komplizin hervorgeht.

1. August 2014: Die misshandelte Frau stirbt an ihren Verletzungen. Das Paar soll die Leiche in einer Tiefkühltruhe eingefroren, später zerstückelt und verbrannt habe. In der Folgezeit schicken die beiden immer wieder SMS-Nachrichten an die Mutter des Opfers. Die geht deshalb noch bis Ende April 2016 davon aus, dass ihre Tochter lebt.

Februar 2016: Die 41-jährige Susanne F. aus dem niedersächsischen Bad Gandersheim reagiert auf eine Zeitungsanzeige und kommt im März in das Haus. Über mehrere Wochen wird sie festgehalten und misshandelt.

21. April 2016: Mit der schwer verletzten Frau im Auto fährt das Pärchen in Richtung Bad Gandersheim. Eine Autopanne durchkreuzt den Plan. Sie entscheiden sich, einen Rettungswagen zu rufen. Das Opfer stirbt einen Tag später, die Ärzte schalten die Polizei ein.

27. April 2016: Der 46-jährige Tatverdächtige und seine Partnerin werden vorläufig festgenommen. Das Amtsgericht Höxter erlässt einen Tag später Haftbefehl wegen Totschlags.

3. Mai 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft geben bei einer Pressekonferenz Details zu den bisher untersuchten Fällen bekannt. Die Beschuldigte hatte nach Aussage der Ermittler umfassend und glaubhaft über beide Todesfälle ausgesagt. Der 46-Jährige bestreitet bislang jede Schuld. Die Polizei sucht nach weiteren Frauen, die in der Gewalt des Paares in Bosseborn gewesen sein könnten.

11. Mai 2016: Bei der Polizei haben sich mehrere Frauen gemeldet, die durch das Paar finanziell geschädigt worden sein sollen.

13. Mai 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigen, dass die Ermittler auf dem Grundstück über 100 000 Euro und etwas 20 Mobiltelefone gefunden haben, die sowohl Opfern als auch Tätern zuzuordnen sind.

20. Mai 2016: Leichenspürhunde suchen an einer Landstraße nach Überresten des ersten Todesopfers Annika W. aus Niedersachsen - ohne Erfolg.

26. Mai 2016: Die Polizeidirektion Göttingen überprüft Vorwürfe gegen eine Wache in Uslar in Niedersachsen. Die Beschuldigten sollen dort im Jahr 2012 mit einem Opfer vorstellig geworden sein. Diese Frau sollte vor Polizeibeamten eine Erklärung unterschreiben, dass sie freiwillig in Höxter-Bosseborn war. Die Polizisten ließen sich darauf nicht ein, auf ein Fehlverhalten gibt es keine Hinweise.

13. Juni 2016: In zwei weiteren Fällen gibt es Vorwürfe wegen unterlassener Hilfeleistung durch die Polizei. Zweimal sind Streifenbeamte 2014 in Höxter und Bad Salzuflen zufällig auf die Angeklagten und die später getötete Annika W. getroffen. Die Beamten unterhielten sich mit der Frau, schritten aber nicht ein. Laut Untersuchungsergebnis hatte Annika W. sie nicht um Hilfe gebeten.

7. Juli 2016: Die Spurensuche im Todes-Haus von Höxter ist abgeschlossen. Ein DNA-Abgleich bestätigt, dass sich beide Todesopfer in dem Gebäude aufgehalten haben.

21. September 2016: Die Staatsanwaltschaft Paderborn erhebt gegen Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. Anklage wegen Mordes durch Unterlassen.

26. Oktober 2016: Beginn des Mordprozesses gegen Wilfried W. und Angelika W. (dpa/mak)

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