Polizeichefin rechnet wegen Flüchtlingsunterkunft nicht mit Konflikten

Wird als Notunterkunft für Flüchtlinge vorbereitet: Das ehemalige Uslarer Krankenhaus. Laut Planungen des Niedersächsischen Innenministeriums sollen in den Räumen bis zu 450 Menschen aus Krisengebieten untergebracht und registriert werden. Foto: Dumnitz

Uslar. Bei der Informationsveranstaltung der Stadt Uslar im Rathaus gab es Nachfragen wegen der Sicherheit. Das betraf die Sicherheit in dem Ex-Krankenhaus, das ab dem kommenden Wochenende zur Notunterkunft von bis zu 450 Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und dem Libanon werden soll, ebenso wie die Sicherheit der Bevölkerung.

Frau Stülzebach, können Sie die Sorgen der Menschen vor den Fremden Leuten und der neuen Situation im Uslarer Land verstehen? 

Martina Stülzebach: Die Menschen in Uslar und Umgebung haben hier vor Ort bisher nicht so viele Gelegenheiten zu Kontakten mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen gehabt. Alles Neue und Unbekannte führt anfangs erst mal zu einer gewissen Unsicherheit. Das verstehe ich durchaus. So ist der Mensch gestrickt.

Die Flüchtlinge können sich nach der Registrierung in der Notunterkunft ja ebenso frei bewegen, wie im Stadtgebiet und darüber hinaus. Sehen sie darin ein Konfliktpotenzial oder eher eine Chance zum friedlichen Miteinander? 

Stülzebach: Die Flüchtlinge, die im ehemaligen Krankenhaus befristet untergebracht werden, finden hier eine Unterkunft, Verpflegung und medizinische Erstversorgung. Sie sind vor Krieg, Elend und Armut geflüchtet und haben sich hier nichts zu Schulden kommen lassen. Deshalb können sie sich selbstverständlich auch außerhalb der Unterkunft frei bewegen.

Wenn ich fremde Menschen näher kennenlernen will, geht das am besten, wenn ich in alltäglichen Situationen mit ihnen Kontakt aufnehme und mit ihnen kommuniziere wie zum Beispiel beim Einkaufen, beim Spaziergang oder bei gemeinsamen sportlichen Aktivitäten.

Zu Konflikten kann es kommen, weil sie etwa unsere Regeln nicht kennen. Dann muss man sie ihnen halt erklären.

Wenn viele Menschen auf engem Raum leben, kann es wie in anderen Flüchtlingsunterkünften zu Unfrieden durch Schlägereien oder Straftaten kommen. Wann und wie greift die Uslarer Polizei oder auch Verstärkung ein? 

Stülzebach: In anderen Flüchtlingsunterkünften ist es in erster Linie zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen, weil aufgrund einer massiven Überbelegung die räumliche Enge zu Konflikten beispielsweise bei der Essensausgabe geführt hat.

Die Bedingungen, die den Flüchtlingen im Ex-Krankenhaus geboten werden können, sind ungleich besser. Das Polizeikommissariat Uslar wird engen Kontakt zur Leitung des Hauses und auch zum eingesetzten Sicherheitsdienst pflegen.

Sollten sich jedoch konkrete Hinweise auf bevorstehende Gefahren oder Straftaten ergeben, wird die Uslarer Polizei entsprechend ihrem gesetzlichen Auftrag tätig werden und eingreifen. Je nach Lagebeurteilung besteht immer auch die Möglichkeit, Kräfte zur Unterstützung anzufordern.

Wie beurteilen sie das Konfliktpotenzial? Geht es eher von der Flüchtlings-Notunterkunft aus oder von den Leuten, die Anschläge auf derartige Einrichtungen planen? 

Stülzebach: Es gibt bisher keine Hinweise auf bevorstehende Konflikte und ich lehne es auch ab, Flüchtlinge und Bürger gegeneinander auszuspielen.

Die Erfahrungen anderer Dienststellen im Landkreis Northeim, in deren Bereiche ebenfalls Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet worden sind, lassen durchaus die Prognose zu, dass auch in Uslar nicht mit größeren Konflikten zu rechnen ist. Wir als Polizei treten, wie ich gern nochmals wiederhole, sowohl für den Schutz der Bürger als auch für den Schutz der Flüchtlinge ein.

Die Menschen im Uslarer Land haben bisher keine Erfahrungen mit einem solchen Lager. Ist Angst vor den fremden Leuten angebracht? 

Stülzebach: Ich würde hier nicht von einem Lager sprechen. Das ehemalige Krankenhaus ist im Vergleich zu anderen Flüchtlingseinrichtungen, die in Lagerhallen oder Sporthallen unterkommen mussten, eine qualitativ hochwertige, menschenwürdige Unterkunft.

Im Bereich Uslar sind aktuell 125 Flüchtlinge dezentral in Wohnungen untergebracht. Der Umgang mit ihnen zeigt uns, dass es bisher auch keinen Grund zur Beunruhigung gibt. Es sind freundliche Menschen, die bis auf eine kleine Schubserei bisher keine Straftaten begangen haben. Angst halte ich allerdings für einen schlechten Berater.

Ist die Uslarer Polizei für die besonderen Aufgaben gerüstet, reicht das Personal aus? 

Stülzebach: Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die meisten Polizeieinsätze in Flüchtlingsunterkünften ausgesprochen niedrigschwellig waren.

Für besondere Lagen kann die Uslarer Polizei außerdem jederzeit auf zentral vorgehaltene Verstärkungskräfte zurückgreifen. Ein deutlicher Anstieg der Kriminalität durch Flüchtlinge ist bisher nicht belegt und dementsprechend auch nicht in Uslar zu erwarten.

Zur Person

Martina Stülzebach

Die aus Nordhorn stammende Martina Stülzebach (55) steht seit 2013 an der Spitze des Polizeikommissariats in Uslar. Zuvor war sie Leiterin des Kriminal-Ermittlungsdienstes im Polizeikommissariat Holzminden. Stülzebach ist seit 1978 im Polizeidienst und begann ihre Karriere an der Polizeischule in Hann. Münden. Sie kam 1983 nach Stationen in Lüneburg und Celle zur Polizei Holzminden. Seit August 2004 war sie für das Arbeitsfeld Jugend verantwortlich und stellvertretende Leiterin des Kriminalermittlungsdienstes. Die Polizeichefin ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

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