Anwohnerin-Beschwerde

Riesenkopf am Rathausanbau in Uslar bewegt die Gemüter

Am 31. März 2021 wurde der Riesenkopf aufgestellt und soll Uslar fortan ein Alleinstellungsmerkmal bescheren, hier (von links) Hans-Joachim Borchert vom Bauhof, Wirtschaftsförderin Stefanie Möhlenhoff und Stefan Riehm vom Bauhof sowie (vorn, rechts) Bürgermeister Torsten Bauer und Tochter Laetitia.
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Am 31. März wurde der Riesenkopf aufgestellt und soll Uslar fortan ein Alleinstellungsmerkmal bescheren, hier (von links) Hans-Joachim Borchert vom Bauhof, Wirtschaftsförderin Stefanie Möhlenhoff und Stefan Riehm vom Bauhof sowie (vorn, rechts) Bürgermeister Torsten Bauer und Tochter Laetitia.

Der grüne Riesenkopf am Rathaus-Anbau in Uslar trifft auf geteilte Meinung.

Uslar - Die einen finden den Riesenblumentopf in Gesichtsform einfach nur gut, anderen lehnen ihn ab und machen sich lustig. In den sozialen Netzwerken war beispielsweise als Kommentar zu lesen: „Das ist das Pekermännchen auf Droge.“ Hinzu kommt die Standortauswahl: Dabei wehrt sich vor allem Sandra Bönig, die im Haus Graftstraße 1 zur Miete wohnt mit dem dazugehörigen Garten, der direkt hinter dem grünen Riesenkopf liegt.

Kurz erklärt: Sie wohnt mit ihrem Sohn Jason zur Miete in dem Gebäude, in dem sich die Stadtbücherei befindet. Und zu ihrer Wohnung gehört der kleine Garten hinterm Haus.

Die 39-jährige Uslarerin sieht sich in ihrer Privatsphäre erheblich gestört, weil sich so viele Menschen die neue Uslarer Attraktion ansehen und quasi direkt an ihrem Garten stehen, zudem den Riesenpflanzkopf fotografieren und damit auch sie ablichten, wenn sie sich im Garten aufhalte. Sie will auf keinen Fall fotografiert werden und befürchtet zudem, dass viele ihren Garten betreten, weil sie es nicht wissen, dass es ihrer ist.

Sie hat einen langen Brief zu dem Thema geschrieben, ihn in sozialen Netzwerken veröffentlicht und an die HNA Sollinger Allgemeine geschickt, zudem auch an Uslars Bürgermeister Torsten Bauer. Sandra Bönig findet den Blumentopf deplatziert – auch im Zusammenhang mit standesamtlichen Trauungen im benachbarten Gewölbekeller im alten Rathaus: „Eine Braut des 21. Jahrhunderts“ lasse sich bestimmt nicht „mit einem gruseligen Riesenkopf“ ablichten, „außer sie hat einen ziemlich schrägen Humor“.

Sandra Bönig hat noch weitere Kritikpunkte und fragt, warum man beispielsweise nicht in die Gestaltung der Blumenkübel in der Innenstadt investiere, selbst wenn „Aktionen, die Uslarer Innenstadt zu beleben, rund 20 Jahre zu spät kommen.“

Die Uslarerin entwirft zudem folgendes Szenario, in dem sie durch eine leere, vom Zerfall bedrohte Innenstadt gehe, vorbei an Bauzäunen, die von vorn schick sind und von hinten eben wie ein Bauzaun aussehen, weiter an einem oft leeren Brunnen am Rathaus und am quietschorangenen Anbau des Rathauses vorbei zum versteckten Wasserrad, dessen Scheiben ständig beschlagen sind, um sich dann einem überdimensionalen Blumentopf und einen Müllsack neben einer oft demolierten und nicht funktionierenden öffentlichen Toilette anzusehen. Sie fragt, ob der überdimensionale Blumentopf nicht besser im Schlosspark aufgehoben wäre mit seinem wunderschönen Brunnen und den Sitzbänken. Man könnte dort noch mehr hübsche Figuren aufstellen wie in einem Märchenpark. Zudem hätte man für die vielen Kinder, die sich vom Riesenkopf angezogen fühlten, gleich einen Spielplatz in der Nähe.

Außerdem frage sie sich, ob es anderen auch so gehe, dass sie das Märchen über die Geschichte mit dem Riesen im Brunnen gar nicht kenne und ihr Uslar als Märchenstadt ebenfalls nicht bekannt sei. Sandra Bönig: „Setzen wir nicht eher auf Traditionen wie unsere Spenneweih und den Pekermarkt?“

Sie schlägt vor, sich als Vorbild die Zwerge von Breslau zu nehmen. In der ganzen Stadt wurden dort an verschiedenen Punkten kleine Bronzezwerge aufgestellt, berichtet sie. So hätte man viele kleine schöne Punkte und eben nicht nur einen „Grünen Riesenkopf“.

Sandra Bönig befürchtet, dass der Andrang am Riesenkopf vor ihrem Garten frühjahrsbedingt noch und zunehmen werde und dass sie alle Besucher auffordern müsse, keine Fotos von ihr zu machen und sie aus ihrem Garten zu vertreiben. Sie wisse auch, dass man ihre Argumentation mit politischen Totschlagargumenten aus dem Weg räume, aber ihr sei es ein Anliegen, ihre Meinung loszuwerden. Ihr Fazit: „Ich finde, ein Gartenzwerg hätte auch gereicht!“

Die Sage vom Riesen im Brunnen

Die Geschichte vom Riesen im Brunnen stammt aus dem Buch mit dem Titel „Der Fiedler in der Wolfsgrube“ und ist eine von mehreren Sagen und Märchen aus dem Solling und dem Wesertal. Autorin ist die Journalistin Gudrun Porath aus Allershausen. Das Buch ist im Verlag Jörg Mitzkat in Holzminden erschienen. Hier die Geschichte.

„Einst wollte man in Uslar einen Riesen ums Leben bringen und beauftragte ihn deshalb damit, einen Winde- oder Wickelbrunnen in der Tiefe zu reinigen. Als er nun unten arbeitete, warf man ihm dicke Steine auf den Kopf.

Da rief der Riese hinauf, man möge doch die Hühner, die da oben am Rande des Brunnens kratzten, wegjagen. Der Staub käme ihm davon ins Gesicht. Als nun die Leute auf diese Weise den Riesen nicht töten konnten, ließen sie von Rom die größte Glocke kommen und auf ihn niederfallen.

Da rief der Riese vergnügt: Jetzt habe ich meines Großvaters Hütlein auf, nun mögen die Hühner dort oben nur kratzen.“

Der Zufall will es übrigens, dass keine 50 Meter entfernt, bekanntlich eine Glocke vor der St.-Johannis-Kirche aufgestellt ist.

Eine von mehreren Gestaltungsmaßnahmen des Masterplans Innenstadt

Der grüne Riesenkopf ist eine Gestaltungsmaßnahme im Zusammenhang mit dem Masterplan für die Uslarer Innenstadt, den die Cima Beratungs- und Management GmbH mit der Stadt, Kommunalpolitikern und Kaufleuten seit Herbst 2018 erarbeitet hat und der im Dezember 2019 von der Politik verabschiedet wurde. Dieser Plan wird nun in die Tat umgesetzt. Dabei gehörte der Riesenkopf zu den im Masterplan geforderten Gestaltungselementen.

Mit ihm habe Uslar ein Alleinstellungsmerkmal erhalten. Er wurde als Maßnahmenpaket mit der gelben Probesitzbank an der Langen Straße und zwei mobilen Ladestationen für Elektro-Fahrräder beschlossen. Dieses Paket ergibt eine Investition von 27 500 Euro, die die Stadt bereits freigegeben hat. Der Kopf allein hat also nicht 27 500 Euro gekostet, wie viele denken.

Zu den Maßnahmen des Masterplans gehören die kürzlich abgeschlossene Gestaltung von Schaufenstern leer stehender Geschäfte mit großen Fotos mit Motiven aus dem Uslarer Land.

Bürgermeister Bauer sucht das Gespräch

Uslars Bürgermeister Torsten Bauer hat „durchaus Verständnis“ für die Sorgen der Anwohnerin Sandra Bönig, die ihm zugetragen worden sind. Deshalb habe er auch für den kommenden Montag ein Gespräch mit ihr vor Ort verabredet.

Bauer ist zuversichtlich, dass es dabei eine Lösung geben wird, mit der die Mieterin des Hauses leben könne.

Den Standort für den Kopf findet er nach wie vor gut, weil es nur wenige Meter bis zu der ausgestellten Kirchenglocke ist, die ja laut Sage durchaus in Bezug steht. Das sei wegen der Nähe beider Stücke eine gute Anbindung.

Grundsätzlich habe er seit der Aufstellung der neuen Uslarer Attraktion den Eindruck gewonnen, dass der Riesenkopf „schon einen großen Anklang in der Bevölkerung gefunden hat“, sagte der Bürgermeister am Freitag auf Anfrage der Sollinger Allgemeine.

Als Bestandteil des Masterplanes seien die Beteiligten vom Ortsrat Uslar, dem Stadtrat und des Vereins Wirtschaftsregion am Umsetzungsprozess und der Standortfindung beteiligt gewesen.

Der Riesenkopf sei auf einer öffentlichen Fläche der Stadt platziert worden. Es sei nicht nötig und üblich, sich dafür ein Einverständnis von Grundstücksnachbarn einzuholen.

Ärgern sich: Sandra Bönig (rechts) und ihr Sohn Jason (links) fühlen sich durch die Skulptur direkt vor ihrem Garten gestört.

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