Auf den Spuren der Glasmacher

Erste wissenschaftliche Ausgrabung einer Glashütte des späten Mittelalters

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Relikte aus dem späten Mittelalter: Prof. Dr. Hans-Georg Stephan mit dem Bruchstück eines Schmelzhafens aus Keramik an der Grabungsstätte im Reiherbachtal. Zehn Studenten suchen nach dem Hauptofen der Glashütte. Jeder Fund wird fotografiert, die Grabungsstätte von der Studentin im Hintergrund exakt in einer Zeichnung dokumentiert. Foto: Papenheim

Polier / Uslar. Wurde das Buntglas für die Fenster der Uslarer St.-Johannis-Kirche von 1428 in einer Glashütte im Reiherbachtal geschmolzen? Gut möglich, sagt Prof. Dr. Hans-Georg Stephan, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er leitet die erste wissenschaftliche Grabung an einer Glashütte aus dem 15. Jahrhundert bei Polier.

Seit Mitte Juli suchen zehn Studenten aus Freiburg, Berlin und Halle, aus China, Vietnam und Großbritannien, nach Überresten der Glashütte, die am Ende des Mittelalters in der Gemarkung des wüst gewordenen Dorfes Bredenbeeke in Betrieb war. Dort hatten die Glasbläser alles, was sie brauchten: Eine bereits gerodete Fläche, eine Sandkuhle und jede Menge Buchenholz als Brennmaterial und Flussmittel, um die Schmelztemperatur von Quarzsand herabzusetzen. Die Nähe zur Weser war ein Standortvorteil für den Fernhandel. Mutmaßlich waren diese Glasbläser auch im Reinhardswald, im Bramwald und im Kaufunger Wald aktiv oder standen zumindest in Kontakt mit den dortigen Hütten.

Mindestens drei Brennöfen Nach den bisherigen Grabungsergebnisse geht Dr. Stephan davon aus, dass die Hütte oberhalb des Reiherbachs aus mindestens drei Brennöfen bestand. Er hofft, dass das Grabungsteam in diesem Sommer den Standort des Hauptofens entdeckt. In einer Masterarbeit sollen die Glasöfen rekonstruiert werden.

Freigelegt wurden bisher vor allem Bruchstücke von Schmelzhäfen. Das waren besonders hitzefeste Keramikformen, in denen das Glas geschmolzen wurde. Auch nach einem halben Jahrtausend ist der glatte, farbige Glasüberzug auf der Keramik deutlich zu sehen und zu fühlen. Grüne, blaue und rote Glasscherben belegen, dass die mittelalterlichen Glasmacher ihr Handwerk verstanden.

Den Funden nach zu urteilen, stellten sie nur zum Teil das damals übliche grüne Gebrauchsglas dar. Offenbar hatten sie sich stärker auf buntes Flachglas spezialisiert - Buntglas, wie es heute noch bei Sonnenschein die Fenster der Uslarer St.-Johannis-Kirche zum leuchten bringt.

Nach der fotografischen und zeichnerischen Dokumentation am Fundort säubern die Studenten die Fundstücke an einem Bachlauf und sortieren sie zur späteren Auswertung. Etwa fünf Wochen lang soll die Grabung noch dauern. Hobbyarchäologen dürfen den Studenten gern zur Hand gehen.

Interessenten wenden sich unter der Handy-Nummer 0151-12 77 51 00 an Sebastian Gierschke.

Hintergrund

Die Ausgrabung der Glashütte 

Die Grabungskampagne 2014 an der spätmittelalterlichen Glashütte im Reiherbachtal bei Polier kostet 29.000 Euro. Zusammen mit der Bereitstellung von Gerät und wissenschaftlicher Begleitung liegt der Eigenanteil der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Hochschule Anhalt bei 16.000 Euro. Von der Kultur- und Denkmalstiftung des Landkreises Northeim sollen 13.000 Euro kommen.

Für die Ausgrabung hat Landwirt Karl-Heinz Wasmuth seine Weide zur Verfügung gestellt. Die Studenten sind in Uslar untergebracht.

Bodenfeldes designierter Bürgermeister Mirko von Pietrowski würde sich freuen, wenn sich mit einem rekonstruierten Ofen die Tradition der Glashütten im Solling darstellen ließe. Das Mittelalterhaus bei Nienover würde sich als Standort dafür anbieten. (p)

Von Christoph Papenheim

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