Landkreis plant Unterbringung von 100 Flüchtlingen im Freizeitheim

Großes Interesse: Die von der Gemeinde Bodenfelde im Freizeitheim Wahmbeck aufgestellten 150 Stühle reichten nicht aus. Rund 170 Interessierte nahmen an der Informationsveranstaltung des Landkreises teil, die Karl-Otto Scholz (rechts) moderierte. Foto: Dumnitz

Wahmbeck. Im bisher als Freizeitheim des Kirchenkreises Leine-Solling genutzten Gebäudes in Wahmbeck sollen bald 106 Flüchtlinge ein neues Zuhause finden. Über diese Entwicklung wurden am Mittwoch 170 Zuhörer im Speisesaal des Anwesens informiert.

Unter der Trägerschaft des DRK-Kreisverbandes Göttingen-Northeim soll das 1892 erbaute ehemalige Hotel und spätere Offiziers-Flüchtlingsheim, das seit 1980 kirchliches Freizeitheim ist, zum Haus der Integration werden. Der Landkreis Northeim hat das Gebäude mit dem weitläufigen Gelände bis an die Weser-Promenade für 96 000 Euro gekauft, sagte Erster Kreisrat Dr. Hartmut Heuer als Gastgeber der Informationsveranstaltung. Die Kosten für weitere Investitionen schätzt er auf 50 000 Euro in den nächsten Jahren.

Wie soll der Betrieb im Wohnheim laufen? 

Das Freizeitheim sei in einem tadellosen Zustand, sagte Herbert van Loh, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes, und soll möglich mit der jetzigen Belegschaft weitergeführt werden. Die Zwei- bis Sechs-Bett-Zimmer sollen vorwiegend Familien zur Verfügung stehen. Ebenso die Küche für die eigenständige Versorgung der in einer Gemeinschaft lebenden Menschen. Van Loh hofft auf eine ehrenamtliche Unterstützung nach dem Vorbild der bereits seit Monaten in Bodenfelde tätigen Flüchtlingspaten. Laut Dr. Heuer werde der Landkreis als Hausherr einen Sicherheitsdienst beauftragen und auch einen Hausmeister einstellen. Man hoffe auf eine Akzeptanz der Einrichtung in dem Weser-Dorf, betonte auch Jürgen Don vom Uslarer Polizeikommissariat.

Wie sind die Erwartungen?

Die Menschen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea, Pakistan und dem Libanon seien alle registriert und untersucht, wenn sie in Wahmbeck einquartiert werden, sagten Sabine Nienhüser vom Fachbereich Soziales des Kreises und Dr. Regina Pabst von der Gesundheitsbehörde. Von den 55 Flüchtlingen, die schon länger in Bodenfelde leben, habe man bisher nichts bemerkt, sagte Bürgermeister Mirko von Pietrowski. Das sollte auch im 680-Seelen-Dorf gelingen. „Es wird Winter und es stehen Leute vor der Tür“, sagte Superintendent Jan von Lingen. In Wahmbeck gehe es nicht um die Lösung von politischen Großthemen, sondern um Hilfsbereitschaft für Menschen.

Gibt es Grund für Angst? 

Ängste könne man verstehen, betonten von Pietrowski, Gemeindebrandmeister Jens Rölke und der Northeimer Polizist Jürgen Horst. Es kämen jedoch Menschen, die Schutz vor Krieg und Gewalt suchen und keine Verbrecher. Laut Sabine Nienhüser müsse der Landkreis pro Woche etwa 55 Menschen unterbringen. Da werde es bald eng wegen fehlender Wohnungen. Das Freizeitheim sei deshalb ein guter Puffer.

Fragen aus dem Publikum 

In Wahmbeck werden keine zusätzlichen Container für Flüchtlinge aufgestellt, sagte Dr. Hartmut Heuer auf Nachfrage eines Einwohners. Der Landkreis werde nach Möglichkeit auch nicht auf Sporthallen zurückgreifen, hieß es. Derzeit leben rund 1000 Flüchtlinge im Kreis, Heuer rechnet damit, dass es bis Ende des nächsten Jahres bis zu 3000 sein werden.

Ja, die Flüchtlinge seien häufig anfällig für Infektionskrankheiten, sagte Dr. Regina Pabst auf Nachfrage aus der Zuhörerschaft. Teils seien sie geschwächt von den Strapazen der Flucht und zudem sei das Gesundheitswesen in den Herkunftsländern längst nicht so gut wie in Deutschland. Man werde sich beispielsweise um den Impfschutz kümmern müssen.

Er habe keine Bedenken, dass von der Wahmbecker Unterkunft für Flüchtlinge eine Gefahr ausgeht oder dass da etwas passiere, antwortete Polizist Jürgen Horst auf eine Frage. Es gebe auch Straftaten von Flüchtlingen, die sich aber im normalen Bereich bewegen, so wie es ist, wenn Menschen miteinander leben. Die Polizei werde dennoch auch in Wahmbeck Präsenz zeigen und mit dem Sicherheitspersonal kooperieren. Die Leiterin des benachbarten Kindergartens hatte Bedenken von Eltern geäußert.

Übergriffe unwahrscheinlich 

Heidrun Wagenknecht befürchtete Übergriffe von jungen Männern, die in ihren Herkunftsländern häufig Frauen nicht so akzeptieren, wie es in unserer Gesellschaft üblich sei. Polizist Horst sagte, dass es „relativ unwahrscheinlich“ sei, weil die Unterkunft im Dorf nicht so anonym sei wie etwa Flüchtlingslager in Großstädten. Laut Heuer seien aktuell rund 80 Prozent Familien auf der Flucht und nicht mehr so viele alleinreisende junge Männer wie zu Beginn der Flüchtlingswelle.

Die Unterbringung der Flüchtlinge sei eine Pflichtaufgabe des Kreises, der die Kosten von 2,5 Millionen Euro später vom Land wiederbekomme, sagte Heuer auf eine Frage. Niedersachsen werden die Kosten dann vom Bund erstattet. Dass der Landkreis weniger Geld für den Radwegebau ausgeben will, sei nicht zu vergleichen. Das seien freiwillige Leistungen, sagte Dr. Heuer. Auch Sozialhilfeempfänger würden wegen der Flüchtlinge nicht hinten herunterfallen, hieß es von Sabine Nienhüser auf eine Anfrage.

Wenn die Menschen länger im Gemeindegebiet bleiben und Anspruch auf Plätze in Kindergärten und Schulen haben, werde man diese Plätze bereithalten, sagte Bürgermeister von Pietrowski auf eine weitere Frage aus der Zuhörerschaft.

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