„Paris, London, Mailand, Willingen“

„El Hotzo“ und Fotografie-Student Max Sand arbeiten an Buch über Willingen

Ihre Eindrücke als Willingen-Besucher halten Fotograf Max Sand und Instagram-Satiriker Sebastian Hotz alias „El Hotzo“ im Buch „Paris, London, Mailand, Willingen“ fest.
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Ihre Eindrücke als Willingen-Besucher halten Fotograf Max Sand und Instagram-Satiriker Sebastian Hotz alias „El Hotzo“ im Buch „Paris, London, Mailand, Willingen“ fest.

Der bekannte Internet-Satiriker „El Hotzo“ und der Kasseler Fotografie-Student Max Sand haben sich zusammengetan, um ihre Eindrücke als Besucher in Willingen festzuhalten.

  • Ihre Freundschaft führte Satiriker „El Hotzo“ und Fotografie-Student Max Sand nach Willingen, woraus ein Buch entsteht.
  • In „Paris, London, Mailand, Willingen“ halten sie ihre Eindrücke aus dem Urlaubsort fest: skurriles und kritisches findet sich, doch verballhornen wollen sie den Ort nicht.
  • Ermöglicht hat die Realisierung des Buches eine Crowdfundig-Aktion, bei der Follower Unterstützung leisteten.

Willingen – Einerseits sei Willingen so, wie viele sich Deutschland gerne vorstellen, ein Dorf mit einem fast alpenländischen Panorama, sagt Sebastian Hotz: „Gleichzeitig kann man darüber reden, als ob es die schlimmste Seitengasse Deutschlands wäre.“ Als „El Hotzo“ hat er 862. 000 Abonnenten auf Instagram, auf Twitter folgen 182. 000 Leute ihm und seinen bissigen, oft gesellschaftskritischen Kommentaren, als Autor bestückt er das ZDF Magazin Royale mit Jan Böhmermann – und Willingen hat sein Interesse geweckt. Gemeinsam mit seinem Freund Max Sand aus Kassel stellt er ein online von Fans finanziertes Foto-Buch über den Ort fertig: „Paris, London, Mailand, Willingen“.

Der Kasseler Student Max Sand hatte Hotz überzeugt, „irgendwo zwischen Bielefeld und Nürnberg“ von der Autobahn abzufahren. Er hatte den Ort beim Jobben als Betten-Lieferant kennengelernt und gleich gemerkt: „Irgendwas ist hier anders.“ Als er sich vor zwei Jahren auf seinen Abschluss an der Kunsthochschule in Kassel zubewegte, musste er an Willingen denken, und beschloss, seine Abschlussarbeit im Upland anzufertigen.

„El Hotzo“: An Willingen ließen sich dutzende Geschichten über Deutschland erzählen

Wanderer und Party-Touristen existieren nebeneinander, dann ist der Ort voller Biker: „Was in Willingen zusammenkommt, ist komplett schrill und gleichzeitig total normal wie jedes andere Dorf, wenn man sich Seilbahn und Kneipen wegdenkt“, hält Max Sand fest. Beide kommen vom Dorf, Sand aus der Nähe Kassels, Hotz aus Franken. An Willingen ließen sich dutzende Geschichten über Deutschland erzählen, über Natur und Tourismus, über Liberalismus und Konservatismus

Als Sebastian Hotz der Einladung im November 2019 folgte, dachte er noch, in einen ins Sauerland verfrachteten spanischen Badeort zu reisen. Jedenfalls war es noch bei späteren Abstechern seine Absicht, den Party-Tourismus aufs Korn zu nehmen. Als „Soziales Experiment“ reisten die beiden im März 2020 zum „Ballermann-Award“ – Max Sand nicht vollends abgeneigt, Sebastian Hotz wollte sich ironisch mit dieser „Schlager-Ballermann-Kultur“ auseinandersetzen. Aber als er selbst spätabends mittendrin dabei war, merkte er: „Es wäre eklig, sich darüber lustig zu machen.“ Der Hedonismus sei nicht anders als anderswo. „Selbsterkenntnis beim Ballermann-Award: Mein soziales Experiment ist anders ausgegangen, als ich gedacht habe.“ Nicht von oben herab wollen sie ihre Sicht auf Willingen schildern, sondern aus der Perspektive als normale Willingen-Besucher.

Die ständige Weiterentwicklung des Tourismus und ihre Kosten sind ein Thema, dem sich Max Sand und Sebastian Hotz widmen – so fiel ihnen auch der Lagunenbad-Neubau auf.

Den Titel „Paris, London, Mailand, Willingen“ erspähten sie auf einem T-Shirt – aber Willingen habe in der Reihe mehr zu suchen, als mancher zuerst denke, sagt Sebastian Hotz: Alles seien es vom Tourismus geprägte Orte, an denen die Menschen kommen und gehen und die Einheimischen sich schon mal in der Minderheit sehen. Überall sei den Menschen klar, dass ihre Heimat nicht ganz normal ist: „Willingen an einem Morgen steht einer Silvester-Party in Berlin in nichts nach. Beim Brötchenholen über Bierleichen stolpern, finden die wenigsten witzig.“

Auf erste Besuche bei Kuriositäten und Partys folgte der Lockdown, Max Sand erlebte einen beklemmend leeren Ort und erkundete alle Straßen und Wanderwege; Sebastian Hotz war wieder dabei, als der Ort sich „bis zum Bersten“ mit Urlaubern füllte, die nicht ins Ausland reisen konnten.

Max Sand mit Auge fürs Subtile, Sebastian Hotz mit passenden Worten

Beim Fotografieren suche er nicht das Klischee, sondern subtiles und skurriles, das einen Ort ausmache, erklärt Max Sand. Sebastian Hotz sagt, die Arbeit seines Freundes habe seine eigene Wahrnehmung geändert, sein Fokus liege überall und werde nicht von Scheuklappen eingeschränkt: „Er findet Motive, wo man denkt, schon alles gesehen zu haben.“ Hotz begleitet diese, indem er mit verschiedenen Textgattungen spielt: mal Fragmente, die bei einem abendlichen Besuch entstanden, mal die Diskussion von Fakten, dazu Gedichte.

Wie manche Gäste den Besuch in Willingen zelebrieren, fiel Max Sand ins Auge.

Die beiden hinterfragen auch die Auswirkungen des Tourismus auf die Umwelt: Schneisen in den Wäldern, Schneeproduktion, ressourcenintensive Bauprojekte. Das solle keine spezifische Kritik an Willingen sein, betont Hotz: Vielerorts ließen sich die gleichen Konsequenzen für Mensch und Natur sehen. „Wir gehen davon aus, unser Gesicht nach Erscheinen des Buches in Willingen noch zeigen zu können“, sagt Max Sand. Und Sebastian Hotz fügt hinzu: „Allen sind die Anblicke bewusst, die wir in Szene gesetzt haben.“

Als letzte Schritte stehen Setzen und Druck an, bald können Leser sehen, welchen Eindruck die beiden von Willingen hatten. Dass sie das Projekt über Crowdfunding finanzierten, half zu erkennen, ob sich überhaupt jemand dafür interessiert: 539 Unterstützer gaben in sechs Wochen knapp 17 000 Euro – 12 000 Euro waren das erste Ziel. Sie arbeiteten mit dem kleinen Verlag „starfruit publications“, ohne die Unterstützung ihrer Follower wäre es nicht möglich gewesen, das Buch zu veröffentlichen, sagt Sebastian Hotz: „Das Internet bietet die Möglichkeit, auch etwas abseitige Projekte zu veröffentlichen.“ (wf)

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