Warnung, das Gefahr weiter besteht

Gedenkfeier auf jüdischem Friedhof Eimelrod erinnert an ermordete Mitbürger

Name und Name, Schicksal um Schicksal lasen Schüler beim Gedenken an jüdischen Mitbürger einem überwiegend jungen Publikum vor.
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Name und Name, Schicksal um Schicksal lasen Schüler beim Gedenken an jüdischen Mitbürger einem überwiegend jungen Publikum vor.

Zwei Gedanken prägten das Gedenken an die Novemberpogrome in Eimelrod: Unverständnis über die Grausamkeiten – und der Wille, ihre Wiederholung zu verhindern.

Willingen-Eimelrod – Marianne Cossen, mit 15 Jahren in Auschwitz ermordet. Ebenso wie ihre Schwester Lieselotte, die ein Jahr jünger war. Nach ihren Eltern Paula und Max sind die Namen der beiden die ersten, welche die Elftklässler der Uplandschule auf dem jüdischen Friedhof in Eimelrod verlesen – etwas jünger als sie selbst, eher im Alter der zahlreichen Konfirmanden, welche an der Gedenkfeier „Gegen das Vergessen“ teilnehmen. 83 Jahre nach den Novemberpogromen wurde den jüdischen Mitbürgern gedacht, die im Nationalsozialismus verfolgt und zumeist ermordet wurden.

Es sei nicht zu verstehen, wie Menschen anderen Menschen solche Grausamkeiten antun können, erklärte Bürgermeister Thomas Trachte. Klar sei bloß: „Das soll eine Mahnung für uns sein, alles zu tun, damit es sich nicht wiederholt.“ Anderswo auf der Welt sterben Menschen für Freiheit, Demokratie, Toleranz und Frieden. In Deutschland bestehen diese Werte – doch das sei keine Selbstverständlichkeit.

Die Feier gestalteten (von links) Ernst Kreis, Kai Uwe Schröter, Uli Faß-Gerold, Christian Röhling, Ursula Beste, Stephanie Stracke, Katrin Schröter, Gisela Grundmann und Thomas Trachte.

Pfarrer Christian Röhling verwies darauf, das neben Pandemie und Flut auch Hass und Hetze wieder da sind. Früher sei Flutopfern teils jahrhundertelang mit Prozessionen gedacht worden – aus gutem Grund: „Erinnerung bedeutet, sich der Gefahr bewusst zu werden und die Sinne zu schärfen für Menschlichkeit und Solidarität untereinander.“

Wie war es möglich, das Menschen alle Verbindungen zu Nachbarn abbrachen, nur weil sie Juden waren; dass gesetzestreue Leute nichts einzuwenden hatten, als den Juden das Recht auf Leben eingeschränkt und genommen wurde; dass die Kirche nicht half, sondern sich selbst beteiligte? Das fragten die Pfarrerinnen Katrin Schröter und Stephanie Stracke. Deren Vorgängerin Gisela Grundmann hielt die Konsequenz im Gebet fest: „Ich sollte mutiger bekennen, treuer beten, fröhlicher glauben.“ Zusammen beteten sie das Kaddisch, ein jüdisches Gebet.

Thomas Trachte und Johannes Bäcker legen auf dem jüdischen Friedhof in Eimelrod einen Kranz nieder.

Pfarrer Kai Uwe Schröter und die katholische Gemeindereferentin Ursula Beste gingen in Psalm 42 auf das Harren auf Gott in der Not ein. Christian Röhling (Violine) und Kai Uwe Schröter (Akkordeon) begleiteten das Gedenken musikalisch zusammen mit Uli Faß-Gerold von der evangelischen Jugend an der Gitarre und Ernst Kreis: Der frühere Eimelroder Pfarrer spielte neben der Mundharmonika auch die Trommel. Nachdem Thomas Trachte und Ortsvorsteher Johannes Bäcker einen Kranz niedergelegt hatten, platzierten die jugendlichen zu deren Klängen Blumen und Steine für die ermordeten Mitbürger.

Letzte jüdische Familien des Uplands vor 80 Jahren deportiert

Vor 80 Jahren folgte den Pogromen die Deportation der letzten beiden jüdischen Familien, erinnerte Dr. Alf Seippel, der ihr Schicksal recherchierte. Nachdem frühmorgens die Schönstedts aus Usseln in einen Laster steigen mussten, fuhr dieser über den Steckenberg nach Eimelrod zu den Schilds aus Eimelrod. Sie kamen in beengte Lager, zuerst in Wrexen, dann in Kassel, bevor sie mit dem Zug nach Osten gebracht und wie fast alle Upländer Juden umgebracht wurden. (wf)

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