Skispringer über Wieder-Eingewöhnung, Olympia und Nachhaltigkeit

Stephan Leyhes Fazit nach der Sommer-Saison: „Für ein Jahr Pause stehe ich gut da“

Noch ist der Untergrund grün: Nach dem Sommer-Grand-Prix rüstet sich Stephan Leyhe (hier beim Springen in Klingenthal) aber bald für die Winter-Saison. Der Upländer will peu á peu an alte Erfolge anknüpfen.
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Noch ist der Untergrund grün: Nach dem Sommer-Grand-Prix rüstet sich Stephan Leyhe (hier beim Springen in Klingenthal) aber bald für die Winter-Saison. Der Upländer will peu á peu an alte Erfolge anknüpfen.

Zwischen Sommer-Grand-Prix und Winter-Weltcup hat Skispringer Stephan Leyhe noch ein wenig Zeit sich zu sammeln und sich vorzubereiten auf die Rückkehr auf die große Bühne.

Dass sie gelingt, da kann sich der Skispringer des SC Willingen nicht sicher sein, mehr als anderthalb Jahre nach Kreuzbandriss und Karriere-Auszeit. Aber er glaubt daran: „Ich bin in der Lage, im Team konkurrenzfähig zu sein“, sagt er im WLZ-Interview.

Knapp drei Monate sind nach Ihrer Rückkehr auf die Schanzen vergangen. Wie geht es Ihnen Stephan Leyhe?
Es geht mir gut soweit. Das Knie macht keine Probleme, ansonsten passt auch alles.

Blicken wir kurz zurück auf die Monate der Reha: Haben Sie die Zeit auch nutzen können für Dinge jenseits des Sports, etwa um Ihr Architektur-Studium voranzutreiben?
Auf jeden Fall. Immer wenn ich Zeit habe, versuche ich es voranzutreiben. Ich habe die Reha außerdem genutzt, um viel in anderen Bereichen Sport zu machen, ich bin oft Fahrrad gefahren, zum Beispiel. Seit dem Frühjahr habe ich wieder Skisprung-spezifisch trainiert.

Sie haben im Sommer fünf Grand-Prix-Wettkämpfe bestritten, die beste Platzierung war Rang 13 in Hinzenbach, in der Gesamtwertung belegten Sie platz 44. Was sagt Ihnen das über Ihre Form?
Ich bin erst mal zufrieden. Nach einem Jahr Pause überhaupt Punkte zu machen oder auch mal ein Top-15-Ergebnis, ist sehr gut. Ich glaube allerdings, dass ich in den Wettkämpfen schlechter weggekommen bin als im Training. Normal – vielleicht geht ein wenig die Routine verloren.

Was sind die grundlegenden Unterschiede zwischen Springen auf Matte und Springen auf Schnee?
Die Sprünge im Sommer sind grundlegend die gleichen wie im Winter, auch das Luftgefühl ist dasselbe. Unterschiede gibt es wegen des Untergrunds. Auf den Mattenschanzen sind die Anlaufspur und der Aufsprung durch die Plastiknoppen etwas ruppiger; auf Schnee landet es sich angenehmer. Aber die Unterschiede sind nicht dramatisch.

Der Blick geht allmählich zum Weltcup-Auftakt am 20. November in Nizhny Tagil. Wie groß sind Ihre Chancen, dabei zu sein?
Ich glaube, für ein Jahr Pause stehe ich ganz gut da. Ich bin in der Lage, im Team konkurrenzfähig zu sein. Ob ich aber am Start bin, ist heute schwierig zu sagen. Es sind noch anderthalb Monate bis dahin, wir absolvieren noch etliche Lehrgänge. Irgendwann werden die Trainer entscheiden.

Wie sieht Ihr Alltag bis dahin aus?
Wenn ich in Hinterzarten bin: Morgens Training in der Halle, dann Studium, ein bisschen Haushalt, nachmittags meistens eine Einheit Stretching. Dazu kommen die Lehrgänge, zu denen wir uns regelmäßig treffen.

Steht ein Zeitpunkt fest, zu dem Bundestrainer Stefan Horngacher das Aufgebot für den Weltcup nominiert?
Kann ich nicht sagen. Zumal wir ja noch die deutsche Meisterschaft springen. Fest steht: Es sind acht bis zehn Springer, die für das Weltcup-Team infrage kommen, die Trainer müssen auf sechs reduzieren. Sie werden sich Zeit lassen und genau überlegen. Man hat ja beim Sommer-Grand-Prix gesehen, dass wir alle recht dicht beieinander sind.

Nehmen wir mal an, dass Karl Geiger, Markus Eisenbichler und eventuell Constantin Schmid gesetzt sind: Dann kämpfen Sie mit Severin Freund, Pius Paschke, Richard Freitag, Andreas Wellinger, vielleicht Martin Hamann und David Siegel um die anderen drei Plätze.
Es wird einen harten Fight um die Plätze geben, ja.

Ich würde mich freuen, wenn mal ein Hesse oben steht und kein Bayer oder Sachse.

Stephan Leyhe über die deutsche Meisterschaft

Welche Bedeutung haben die deutschen Meisterschaften vom 22. bis 24. Oktober in Oberhof?
Wir messen uns untereinander, aber das passiert auf den Lehrgängen ja auch. Für die jüngeren Athleten ist es eine Chance, sich mit der deutschen Spitze zu vergleichen. Für mich persönlich als Hesse wäre es etwas Besonderes, deutscher Meister zu werden.

Warum betonen Sie den „Hessen“ so?
Na ja, auf der Starterliste stehen ungefähr sechs, sieben Bayern, zwei Sachsen und nur ein Hesse. Wenn wir international unterwegs sind, freuen wir uns immer, wenn ein Deutscher auf dem Podium steht. National würde ich mich freuen, wenn mal ein Hesse oben steht und kein Bayer oder Sachse (lacht).

Was muss bei Ihnen noch besser werden, damit Sie im Weltcup dabei sind?
Auf jeden Fall das Fluggefühl. Dieses instinktive Handeln in der Luft, automatisch das Richtige zu machen, das hat in dem einen Jahr Pause dann doch gelitten. Ich habe zwar schon aufgeholt, aber es bestehen noch Defizite. Es wäre ja auch dramatisch, wenn ich nach so langer Auszeit wieder springen würde als wäre nichts gewesen. Die anderen bleiben ja nicht stehen, man muss viel nachholen.

Wo stehen Sie was die Automatismen bei Angleiten, Absprung usw. angeht?
Es ist oftmals so, dass die eigene Wahrnehmung sich mit der Realität nicht deckt, wenn man eine Weile nicht gesprungen ist. Es passiert mir, dass ich denke, ich wäre weit über dem Ski, bin aber tatsächlich dahinter. Dafür muss man wieder das Gefühl aufbauen. Dabei helfen uns zum Beispiel unsere Videoanalysen.

Körperlich scheinen Sie die Folgen des Sturzes mit dem Bänderriss überwunden zu haben. Was macht die Psyche?
Alles gut. Ich habe mich über den Sommer langsam herangetastet, also mit relativ kurzen Sprüngen begonnen und mich dann von Monat zu Monat weiter Richtung K-Punkt bewegt. Ich weiß, dass das Knie hält und dass es grundsätzlich passt.

ZUR PERSON

Stephan Leyhe (29) aus Schwalefeld will im Winter an seine Erfolge im Weltcup anknüpfen. Bis zu seinem Kreuzbandriss im März 2020 stehen für den mit Freundin Jaqueline in Hinterzarten lebenden Upländer 143 Weltcup-Starts zu Buche, mit einem eindeutigen Höhepunkt: Heimsieg in Willingen 2020. 2019 war für den Olympiazweiten von 2018 (Team) ebenfalls erfolgreich; Leyhe wurde Team-Weltmeister und Dritter der Vierschanzentournee. (schä/red)

Ihr Heim-Weltcup in Willingen wird nach dem Stand der Dinge wieder vor Zuschauern stattfinden. Bestimmt eine gute Nachricht auch für Stephan Leyhe.
Auf jeden Fall. Ich freue mich darauf. Wie es ist, vor leeren Zuschauerrängen zu springen, höre ich immer nur von den Kollegen – ich selber habe das als Springer ja nicht erlebt. Der Sport an sich findet weiter auf hohem Niveau statt, aber die Atmosphäre, das ganze Emotionale drumherum, das fehlt einfach.

An Ihrem großen Ziel, die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking 2022 zu schaffen, hat sich nichts geändert.
Nein.

Wegen Menschenrechtsverletzungen in China gibt es Forderungen, die Spiele zu boykottieren. Wie stehen Sie als Sportler dazu?
Die Menschenrechte sollten überall gelten, das versteht sich von selbst. Aber als Sportler befindet man sich in einem Zwiespalt: Hier das Ausrichterland, dort das Event mit seiner immensen sportlichen Bedeutung. Ich stimme da Felix Neureuther (zurückgetretener Ski-Alpin-Start, Anm. der Redaktion) zu, der gesagt hat, Sportler dürften nicht die Leidtragenden sein. Als Sportler willst Du immer zu Olympia.

Immer größer werden die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel, auch im Wintersport. Beschäftigt Sie das?
Auf jeden Fall. Wir haben als Sportler mit unserer medialen Präsenz die Möglichkeit, auf diese Themen aufmerksam zu machen. Gleichzeitig reisen wir sehr viel, wir müssen ins Flugzeug steigen, um zum Beispiel nach Japan oder Finnland zu kommen. Wir können uns nicht in den Zug setzen. Ich versuche zum Ausgleich, im Privaten so klima-freundlich zu leben wie es geht und, nur ein Beispiel, mit dem Fahrrad zum Training zu fahren.

Beim Weltcup in Willingen gelten erstmals die Tickets auch als Bahnfahrkarte. Die Raw Air in Norwegen setzte 2020, als sie zuletzt stattfand, erstmals Züge ein, um die Springer von einem Wettkampfort zum nächsten zu transportieren.
Eine Strecke haben wir mit dem Zug zurückgelegt, andere in großen Bussen, damit nicht 30 Autos oder so bewegt werden müssen. Die Veranstalter machen sich Gedanken und das ist gut so. (Gerhard Menkel)

Weltcup-Kader: Bundestrainer Horngacher siegt gute Chancen für Leyhe

Der frühere Weltmeister Richard Freitag ist derzeit kein Kandidat für den A-Kader der deutschen Skispringer. Dies sagte Bundestrainer Stefan Horngacher am Donnerstag bei der Einkleidung des Deutschen Skiverbandes (DSV) in Schwäbisch Hall. Olympiasieger Andreas Wellinger und Rückkehrer Stephan Leyhe sind für den 52-Jährigen eher ernste Anwärter auf die begehrten Plätze.

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