20 Fluchtversuche scheiterten im August

60 Jahre Mauerbau: Details aus dem Tagebuch der Grenzkompanie Hildebrandshausen

Das im August 1966 bezogene Gebäude der Grenzkompanie Hildebrandshausen ist seit dem Mauerfall ein stummer Zeuge der deutschen Teilung.
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Das im August 1966 bezogene Gebäude der Grenzkompanie Hildebrandshausen ist seit dem Mauerfall ein stummer Zeuge der deutschen Teilung.

In dieser Woche jährte sich der 60. Jahrestag des Mauerbaus. Wir blicken darauf, wie DDR-Grenzer ihre Stationierung bei Wanfried erlebten.

Hildebrandshausen/Wanfried – Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 in Berlin wurde auch die ohnehin schon bewachte Grenze von der Ostsee bis nach Oberfranken immer engmaschiger und für Flüchtlinge kaum noch durchlässig. „In unserer Grenzkompanie konnten in dieser Zeit 20 Grenzdurchbrüche verhindert werden. Provokationen der US-Armee, des Bundesgrenzschutzes, des Zolls und neofaschistischer Elemente konnten durch unsere Grenzpolizisten verhindert werden.

Mehr als zehn Genossen verpflichteten sich, länger zu dienen“, lautete das Fazit nach den brisanten Augusttagen von 1961 in den „Traditionen der Grenzkompanie Hildebrandshausen“ (Unstrut-Hainich-Kreis).

Dabei handelt es sich um ein handgeschriebenes Tagebuch aus den Jahren 1961 bis 1984, das durch glückliche Umstände während der Wendewirren vor der Vernichtung gerettet werden konnte und einen Blick auf die Sichtweise der ostdeutschen Grenztruppen bietet. Es befindet sich im Heimatmuseum von Wanfried.

Flucht gelang im Januar 1984

Eine der Eintragungen aus offizieller Sicht der DDR-Grenztruppen lautet: „Am 21. August 1968 versuchte der Imperialismus durch konterrevolutionäre Umtriebe unseren südlichen Nachbarn, die CSSR, aus dem sozialistischen Lager herauszulösen. Auch dieser Angriff endete mit einer Niederlage des Imperialismus. Unsere Genossen haben auch in dieser Zeit bewiesen, dass auf die Grenzer jederzeit Verlass ist.“

Dieser Vorsatz wurde einige Zeit später heftig gestört, wie eine Eintragung in dem Hildebrandshäuser Grenz-Tagebuch fünf Jahre vor dem Fall der Mauer vermuten lässt.

Da steht: „Leider musste unsere Kompanie einen Tiefschlag einstecken. Es geschah am 15. Januar 1984, wo für uns alle ein schwarzer Tag war. Am Abend dieses Tages geschah im Grenzdienst ein Militärverbrechen, größer als je ein Vorkommnis. Es entstand für uns alle ein großer politischer Schaden [...].“

Den Kumpel im Wachturm eingesperrt

Die Werra-Rundschau vom 26. Januar 1984 schrieb damals unter der Schlagzeile „Kumpel im Turm eingesperrt“: Einem 20-jährigen DDR-Soldaten war an jenem Sonntagabend beim Ort Frieda die Flucht in den Westen geglückt.

„Ich hab’s geschafft, ich bin rübergekommen“, sagte der junge Mann zu der Familie in der Goethestraße in Frieda, als er dort gegen 18.30 Uhr mit weichen Knien, am ganzen Körper zitternd, im Spannungsfeld zwischen Todesangst und Glücksgefühl vor deren Haustür stand. Der Ost-Berliner war über die Grenzsperren geklettert, nachdem er zuvor seinen Kumpel, mit dem er auf Streife war, in einem Wachturm eingeschlossen hatte. So sicherte er sich den Sekunden-Vorsprung zur Flucht in die Freiheit.

So war nur einem kleinen Kreis von Grenzern, Polizisten und Staatssicherheitsleuten bekannt, was sich wirklich an der einstigen innerdeutschen Grenze zugetragen hatte. Über den Alltag der damaligen Grenzsoldaten lag der Mantel des Schweigens. Und die DDR-Bevölkerung erfuhr von hin und wieder gelungenen Fluchtversuchen höchstens aus dem Westfernsehen.

Die Grenzkompanie Hildebrandshausen als einzige im damaligen Kreis Mühlhausen hatte am 4. August 1966 ihren dreigeschossigen Neubau am Ortsausgang in Richtung Lengenfeld/Stein beziehen können und muss wohl zu den Mustereinheiten gezählt haben. Denn im Jahr 1972 studierten dort Offiziere verschiedener Regimenter und der Offiziershochschule „Rosa Luxemburg“ Plauen.

Dorfbevölkerung erfuhr nichts von der Gelbsucht

Wie dramatisch die Situation hinter den Fassaden jener Grenzkompanie im Südeichsfeld über viele Monate gewesen sein muss, verbirgt sich hinter Eintragungen aus den Jahren 1974/75. Denn neben den militärischen Erfolgsmeldungen, gibt es auch eine Fülle an Details aus dem Leben der Soldaten.

„Für unsere Einheit gab es eine sehr böse Epidemie“, beginnt der kurze Absatz über eine monatelange Gelbsucht-Welle unter den Grenzsoldaten. „Die Gelbsucht zog sich bis Ende April hin. Zwölf Genossen mussten vorzeitig den Wehrdienst beenden, weil bei ihnen Schäden durch Gelbsucht festgestellt wurden.“

Als Infektionsquelle für die Hepatitis-Erkrankungen führt der Chronist unter anderem die schlechte Reinigung von Cola-Flaschen durch eine damalige Brauerei an. Von der brisanten Situation vor ihrer Haustür erfuhr die Dorfbevölkerung so gut wie nichts.

Auch angesichts der geschwächten Soldaten schien das Grenzregime nicht gefährdet: Im Januar 1975 hatte ein Feldwebel zwei Jugendliche festgenommen, „die versuchten, die Staatsgrenze im Bereich Keudelstein zu durchbrechen.“

(von Gastautor Reiner Schmalzl)

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