Spätheimkehrer und Flüchtlinge

200 JAHRE WERRA-MEISSNER-KREIS (10): Harte Nachkriegsjahre in Nordhessen

Spätheimkehrer werden im Oktober 1953 auf dem Eschweger Marktplatz begrüßt.
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Spätheimkehrer werden im Oktober 1953 auf dem Eschweger Marktplatz begrüßt.

Vor 200 Jahren entstanden die Landkreise Eschwege und Witzenhausen. Wir werfen einen Blick auf die Geschichte der Vorläufer des heutigen Werra-Meißner-Kreises.

Werra-Meißner – Ein Blick in die Presse und in die amtlichen Dokumente jener Tage zeigt, welche Probleme damals vordringlich zu lösen waren. „Die Wohnungskommission muss“, hieß es da in den Protokollen der Witzenhäuser Stadtverordnetenversammlung, „...mit allen Mitteln die Sicherstellung der Wohnungen für Ostflüchtlinge durchführen“ und die „Hessischen Nachrichten“ erschienen am 23. März 1946 mit der Schlagzeile „Europa hungert“ – um dann nur wenige Tage später ihren Lesern mitzuteilen, dass ab dem 1. April die Lebensmittelrationen von 1550 auf 1275 Kalorien pro Tag herabgesetzt werden.

Lebensmittelrationen

So erhielt der sogenannte Normalverbraucher in der 93. Zuteilungsperiode vom 16. September bis 13. Oktober 1946 für den Zeitraum einer Woche folgende Lebensmittel: 1500 Gramm Brot, 150 Gramm Nährmittel, 3000 Gramm Kartoffeln, 75 Gramm Fett, 62,5 Gramm Zucker, 250 Gramm Fleisch, 50 Gramm Puddingpulver, 31,25 Gramm Käse, 50 Gramm Kaffee-Ersatz sowie einen Liter entrahmte Frischmilch.

Selbst im Vergleich zu den letzten Kriegsjahren hatte sich der der Nahrungsmittelengpass dramatisch zugespitzt – mit den deutschen Ostgebieten standen die traditionellen Kornkammern des untergegangenen Reiches entweder unter polnischer Verwaltung oder lagen in der sowjetischen Zone. In den westlichen Landesteilen fehlte es an Düngemitteln und Saatgut, sodass die vorhandenen Anbauflächen noch nicht einmal den notwendigsten Bedarf decken konnten.

Heimatvertriebene

Damit waren auch schon die Dinge benannt, mit denen die Menschen am meisten zu kämpfen hatten: Wohnungsmangel und unzulängliche Versorgungslage.

Im April 1946 trafen dann auch noch in großer Zahl die ersten Heimatvertriebenen ein, wurden nach einem bestimmten Schlüssel auf die einzelnen Städte und Gemeinden verteilt und verschärften durch ihre bloße Anwesenheit überall die ohnehin angespannte Wohnraum- und Versorgungslage auf geradezu dramatische Weise.

Bevölkerungsexplosion

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zählte der Kreis Eschwege 51 191 und der Kreis Witzenhausen 37 860 Einwohner. Diese Zahlen erhöhten sich bis 1950 um zirka 22 000 (Eschwege) und 18 000 (Witzenhausen), um sich dann Mitte der 1960er- Jahre durch Abwanderung in die Ballungsgebiete bei 65 520 (plus 28 Prozent, Eschwege) und 52 835 (plus 39 Prozent, Witzenhausen) einzupendeln.

Im Mai 1946 erreichten die Vertriebenentransporte ihren Höhepunkt und Hans von Coelln, der kommissarische Landrat des Kreises Witzenhausen, informierte am 14. Mai die Bürgermeister seiner Gemeinden über Transporte und die damit einhergehenden Schwierigkeiten: „Ich möchte darauf hinweisen, dass grundsätzlich sich jeder Ortsansässige gefallen lassen muss, dass er bei der Einweisung von Flüchtlingen in seinem Wohnraum beschränkt wird. Der Ortsansässige wird in der Regel geräumiger und besser wohnen als der Flüchtling (...) Ich werde künftige bei berechtigter Klage, falls es dem Quartiergeber an dem notwendigen sozialen Verständnis fehlt, mit aller Entschiedenheit gegen die Betreffenden vorgehen.“

Schwere Integration

Die Integration der neuen Mitbürger war sicher nicht einfach, aber sie gelang Schritt für Schritt. Am leichtesten konnten sich naturgemäß die Kinder mit der neuen Situation abfinden und schon im Herbst 1946 hatten sich „…die eingewiesenen Flüchtlingskinder schnell mit den hier beheimateten Kindern angefreundet. Spannungen oder gar Zänkereien sind nicht zu beobachten.“

Eine von der Kreisverwaltung Witzenhausen Mitte der 1950er-Jahre in Auftrag gegebene Kreisbeschreibung kommt bezüglich des Zusammenlebens von Alteingesessenen und Heimatvertriebenen zu einem Ergebnis, das durchaus als repräsentativ auch für den damaligen Kreis Eschwege gelten kann: „Im Laufe von sieben Jahren (1946 bis 1953) des Zusammenlebens der verschiedenen Bevölkerungsteile hat ein gewisses Abschleifen der anfänglich auftretenden Gegensätze mit sich gebracht. Wo diese noch heute auftreten, gehen sie meist auf Wohnungsschwierigkeiten zurück. Besonders unter den Jugendlichen bestehen kaum noch Gegensätze irgendwelcher Art.

Kalte Wohnungen

Katastrophal war die Lage auf dem Energiesektor: Kohlen standen nur den wichtigen Industrieunternehmen zur Verfügung und wenn es sie für die Allgemeinheit gab, machte es die zerstörte Verkehrsinfrastruktur nahezu unmöglich, sie zu den Verbrauchern zu transportieren. Brennholz war rationiert und die Versorgung mit elektrischem Strom, auch damals schon fast überlebensnotwendig, konnte nur stundenweise erfolgen.

Energieversorgung

Wer gehofft hatte, die allmähliche Normalisierung des Lebens würde auch die Energieversorgung mit einbeziehen, sah sich getäuscht. Im Gegenteil: Ende Februar 1947 erreichte die Versorgung mit elektrischer Energie in der Region einen neuen Tiefpunkt. Besonders dramatisch gestaltete sie die Lage noch einmal im Winter 1948/49. Ende Oktober 1948 wurde bekannt gegeben, dass die Stromversorgung in Nordhessen katastrophal geworden sei und die Bevölkerung mit Stromabschaltungen in noch größerem Umfang als bisher rechnen müsse.

Mangel an allem

Noch bis Mitte des Jahres 1948 unterlagen fast alle Gebrauchsgüter der Zwangsbewirtschaftung und es fehlte, neben den Lebensmitteln, an Kleidungsstücken aller Art und zahllosen Gütern des täglichen Bedarfs, die, wenn überhaupt, nur mit Bezugsscheinen zu bekommen waren. Die Zuteilung mit Bezugsscheinen war völlig unzureichend und die Stimmungslage der auf engstem Raum zusammengedrängten Bevölkerung entsprechend. (Matthias Roeper)

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