Ab 2018 nur noch eine Ausbildung für Pflege: Dienstleister im Kreis skeptisch

Werra-Meißner. Ab 2018 soll aus den drei Ausbildungen zum Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger eine einzige zum Pflegefachmann werden.

Dies sieht das jetzt vom Bundeskabinett beschlossene Pflegeberufsgesetz vor. Die Mehrkosten der Ausbildung belaufen sich schätzungsweise auf 305 Millionen. Zudem sind eine einheitliche Vergütung, die bundesweite Abschaffung des Schulgelds sowie die Einführung eines Pflegestudiums geplant.

Das Gesetz soll dem demographischen Wandel und dem damit einhergehenden Personalnotstand in Krankenhäusern und Altenheimen entgegenwirken. Die Pläne der Bundesregierung stoßen im Werra-Meißner-Kreis auf Skepsis. „Um zu sagen, ob der Versuch gelingt, neun Jahre Ausbildung in drei Jahre zusammenzufassen, braucht man eine prophetische Gabe“, sagt Andreas Voigt, Leiter des Instituts für Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung in Witzenhausen. 

Anhand des Gesetzentwurfs, der Ende des Monats vom Bundesrat verabschiedet werden soll, sei dies nicht zu sagen. „Wir werden schwerpunktmäßig unseren bisherigen Bereich abbilden, andere Bereiche aber verstärken müssen“, vermutet Voigt. In den Grundberufen gebe es jedoch bereits 60 bis 70 Prozent Schnittstellen. Trotz dieser Schnittstellen sieht Michael Schmidt, Geschäftsführer der Awo, Bezirksverband Hessen-Nord mit Altenpflegeschule in Eschwege, die Zusammenlegung als herausfordernde Aufgabe an, denn jede Ausbildung habe ihre Spezialitäten. 

Die Herausforderung sieht auch Stefan David, Geschäftsführer der Orthopädischen Klinik Hessisch Lichtenau. Auch wenn die Details der Ausgestaltung noch nicht bekannt sind, zeigt er sich zuversichtlich: „Wir glauben, dass es wichtig ist, dass die Wertschätzung aller Pflegeberufe in der Gesellschaft erhöht wird. Dafür erscheinen die getroffenen Maßnahmen grundsätzlich als ein richtiger Schritt.“

Insbesondere für den Bereich der Kinderkrankenpflege könnte die per Gesetz geplante Zusammenlegung der drei Pflegeberufe Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger zu einer Herausforderung werden.

„Hier könnte es zu einem Engpass an Ausbildungsmöglichkeiten kommen“, sagt David. „Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Anforderungen in der Alten- und Krankenpflege, und es bleibt abzuwarten, wie diese in dem neuen Curricula Eingang finden.“

Ähnlich sieht es Voigt, Leiter des Instituts für Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung in Witzenhausen mit 108 Ausbildungsplätzen: „Wir haben noch nichts Konkretes und wissen daher nicht, was wir umsetzen sollen.“ Da die Ausbildungsprüfungsverordnung bis zum 1. Januar 2018 stehen muss, rechnet er damit, bald Näheres zu den Unterrichtsinhalten zu erfahren. „Damit die Ausbildung planbar ist, muss die Verordnung spätestens im letzten Quartal 2017 stehen.“

Schnittstellen gebe es laut Voigt in den drei Ausbildungsberufen bei der Lehre der Anatomie und der Physiologie. Neu hinzu käme für Altenpflegeschulen beispielsweise die Krankenbeobachtung, die vor allem in der Kinderkrankenpflege eine Rolle spielt.

Wesentlich kritischer steht Schmidt dem neuen Gesetz gegenüber: „Wir haben uns lange intensiv dafür eingesetzt, den Altenpflegeberuf eigenständig zu erhalten, da er sich als qualifizierter Pflegeberuf etabliert hat.“ Es mache Sinn, einen eigenständigen Pflegeberuf, spezialisiert auf die Langzeitpflege älterer Menschen, zu behalten.

Hälfte der Zeit im Betrieb

Da das Gesetz nun doch komme, würden sie als Bundesverband den Gesetzgebungsprozess durch Stellungnahmen „kritisch begleiten“. So wurde die Forderung der Awo, Schüler sollten mindestens die Hälfte ihrer Ausbildung im Betrieb sein, ins Gesetz übernommen. „Unsere Befürchtung ist, dass die Auszubildenden durch die Zusammenlegung der Berufe viel mehr Praktika durchlaufen müssen, somit dem Betrieb nicht mehr so umfangreich zur Verfügung stehen und sich keine Bindung zum Berufsfeld durch unzureichende Praxis einstellt.“

Befürchtungen hat Schmidt zudem, dass kleinere Schulen den Schritt in die Generalistik nicht bewältigen können. „Wir haben derzeit ein sehr wohnortnah ausgerichtetes, dezentrales Netz an Schulen.“ Allein in Nordhessen gebe es mit Eschwege, Homberg, Kassel, Marburg und Fulda-Burghaun fünf Standorte. „Für die Auszubildenden ist es ein ausschlaggebendes Argument, wenn sie kein Auto brauchen.“ Würden Schulen wegfallen, könnten auch die Zahlen der Auszubildenden einbrechen.

Rubriklistenbild: © dpa

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