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365 Tage im Jahr verantwortlich

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Von: Peer Bergholter

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Zu jeder Jahreszeit unterwegs: Hüteschäfer Meinolf Timmerberg und seine Frau Monika Dewath-Timmerberg sorgen mit ihrer Herde für Biodiversität und gute Bodenqualität am Meißner.
Zu jeder Jahreszeit unterwegs: Hüteschäfer Meinolf Timmerberg und seine Frau Monika Dewath-Timmerberg sorgen mit ihrer Herde für Biodiversität und gute Bodenqualität am Meißner. © Peer Bergholter

Abseits des Meißner Ortsteils Wolfterode holpert der geländegängige Wagen über vereiste Feldwege. Monika Dewath-Timmerberg stoppt das Fahrzeug auf einer Kuppe und hält Ausschau. An einem Hang in der Ferne macht sie ihren Mann aus. Sie wendet und steuert auf ihn zu. Kaum aus dem Auto gestiegen, hat einen die klirrende Kälte fest im eisigen Griff. Meinolf Timmerberg scheinen die Minusgrade wenig auszumachen. Ebenso wenig wie seinen Schafen.

Meinolf Timmerberg ist Hüteschäfer und lässt seine Herde gerade auf einem Feld weiden. Mit seinem langen Mantel, dem breitkrempigen Hut und dem Stock sieht er aus, wie man sich einen Schäfer vorstellt. Während er entspannt zu plaudern beginnt, halten seine zwei Hütehunde – die wichtigsten Mitarbeiter eines Hüteschäfers – die Herde zusammen.

„Als unsere Kinder auf die Welt kamen, sind wir auf’s Dorf gezogen und haben 1983 mit der Schafzucht begonnen. Seither ist die Herde stetig gewachsen“, erzählt der Schäfer. Längst sei die Berufsschäferei ein Familienbetrieb geworden, in dem jeder mit anpackt. „Heutzutage werden die meisten Schafe auf eingezäunten Koppeln oder im Stall gehalten. Wir dagegen führen die bewährte Tradition der Hüteschäferei fort. Die Schafe werden auf ständig wechselnden Flächen im Werra-Meißner-Kreis geweidet“, erklärt Timmerberg. Diese leisten dabei einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz und zur Biodiversität. Denn sie beweiden diese ökologisch wertvollen Flächen und formen so die Landschaft in gleich mehrfacher Hinsicht.

Die Schafe bevorzugen bestimmte Pflanzen, während andere verschmäht werden, was zur Ausbildung einer standorttypischen Flora führt. Zudem wird durch den Tritt der Klauen kleinflächig der Boden freigelegt, konkurrenzschwache und seltene Arten haben eine Chance zu keimen. Außerdem bleiben Früchte am Fell der Schafe und zwischen den Klauen haften, wodurch sie auch auf andere Flächen verteilt werden. So kann der Artenreichtum auf diesen Flächen erhalten werden.

Eine weitere Leistung der Schafe ist ihr Beitrag für die Bodenqualität der Ackerflächen, denn die Ausscheidungen der Tiere sind ein guter Dünger. Auch treten die Tiere die Aussaat auf Ackerflächen gleichmäßig in die Böden und sorgen für einen besseren Bodenschluss, solange diese noch nicht gefroren sind. Daher arbeitet Meinolf Timmerberg in enger Kooperation mit den örtlichen Landwirten, wodurch sich Synergieeffekte ergeben:

Im Winter etwa fressen die Schafe Zwischenfrüchte auf den Feldern und präparieren im Gegenzug die Böden für die nächste Aussaat. Das erfordert aber eine exakte Planung, denn „ich muss wissen, wohin ich in den nächsten Tagen muss“, sagt er. Schließlich müsse der Pferch für die Nacht rechtzeitig errichtet werden und die Herde müsse entsprechend weiterziehen. Auch das Futter müsse passen, denn Schafe lieben Abwechslung auf dem Speiseplan.

In seiner Herde am Meißner hat Timmerberg ausschließlich Leineschafe, die aufgrund ihrer robusten Natur besonders widerstandsfähig gegen Nässe und Kälte sind, und somit ganzjährig in Hütehaltung gehalten werden.

Neben ihrem Wert für die landwirtschaftlichen Flächen und die Biodiversität bringen Schafe auch anderweitig Nutzen. Vor der Lammzeit, die hier Ende Juni beginnt, werden die Tiere geschoren. Ihre Wolle kommt nicht nur in Textilien zur Anwendung, sondern dient auch als biologisches Dämmmaterial. Die Lämmer haben sechs bis acht Monate Zeit, um heranzuwachsen. Schlachtung und Vertrieb des zarten Lammfleischs der Timmerbergschen Schafherde findet überwiegend regional über Direktvermarktung statt.

Im Sommer umfassen die Herden der Timmerbergs 900 bis 1000 Tiere, die viel Aufmerksamkeit benötigen. „Wir sind 365 Tage im Jahr für die Schafe verantwortlich, da gibt es keine Wochenenden und keinen Urlaub“, ergänzt Monika Dewath-Timmerberg. Zur Unterstützung, aber auch um das Handwerk am Leben zu halten, bilden sie als einziger Betrieb in der Region selbst Hüteschäfer aus. „Das Hütehandwerk ist ein alter Handwerksberuf mit speziellen Kenntnissen, die wir weitergeben und bewahren wollen“, sagt der Schäfer. Dazu zählt auch das Wissen um die Gefahr durch Wölfe, die immer wieder vermehrt in der Region gesichtet werden: „Aktuell sind Wölfe noch kein Problem, könnten aber zu einem werden. Mein Sohn und ich sagen immer: beim ersten Angriff auf unsere Herden, hören wir auf.“ Komme es zu einem Wolfsangriff, sei die ganze Herde traumatisiert. Auch die Hütehunde, die Timmerbergs selbst ausbilden, können da nicht viel ausrichten: „Die Hunde durchlaufen eine Wesensprüfung, sie sind zahm und zutraulich und daher keine große Gefahr für Wölfe“, sagt Timmerberg, der sich allmählich zum Gehen wendet. Ohne Kommando setzt sich auch die Herde in Bewegung und folgt dem Schäfer auf das nächste Feld. pee

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