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Eine Gehörlose berichtet über ihren Pandemie-Alltag

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Von: Jacob von Sass von Sass

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Ein großes Problem im Alltag von Gehörlosen: Seit Beginn der Pandemie tragen die Menschen Masken.
Ein großes Problem im Alltag von Gehörlosen: Seit Beginn der Pandemie tragen die Menschen Masken. © Swen Pförtner/DPA

Die Maskenpflicht wegen der Corona-Pandemie macht Gehörlosen das Leben schwerer.

Werra-Meißner/Kassel – Fast allen Menschen setzt die Corona-Pandemie zu – psychisch und auch körperlich. Besonders schwierig ist die momentane Situation allerdings für die Gehörlosen. Denn: Für sie wurde durch die Maskenpflicht und andere Einschränkungen das ganze Leben auf den Kopf gestellt.

„Die Pandemie und ihre Auswirkungen, darunter vor allem die Kontaktbeschränkungen, schocken mich nach wie vor. Viele Freizeit- und Seniorentreffs im Gehörlosenzentrum in Kassel können nicht stattfinden. Das macht mich traurig“, berichtet Dorle Wareka, die Erste Vorsitzende im Allgemeinen Gehörlosenverein Kassel und Umgebung, zu der auch der Werra-Meißner-Kreis gehört.

Matthias Heinisch, Pfarrer der Gehörlosengemeinde in Eschwege, bestätigt Warekas Sorgen: „Kontakte zu anderen Menschen, für die Gehörlose oft weite Wege auf sich nehmen müssen, um sich in ihrer eigenen Sprache, der Gebärdensprache, zu unterhalten, werden durch die Pandemie eingeschränkt oder gehen gar verloren.“ Normalerweise gehöre zu den Gottesdiensten in der Gemeinde auch ein anschließendes Beisammensein. Hier sitzen die Gehörlosen bei Kaffee und Kuchen zusammen und können sich austauschen. Diese gemeinsamen Runden seien aber seit Ausbruch der Pandemie nur noch sehr schwer umzusetzen, sagt Heinisch.

Ein großes Problem für die Gehörlosen seien vor allem die Masken, die aus dem Corona-Alltag nicht mehr wegzudenken sind, erklärt Stefanie Böker von der Gehörlosenberatung in Kassel. „Die bisherigen Kommunikationsbarrieren sind erheblich gestiegen. Menschen, die Gebärdensprache nutzen, berücksichtigen häufig die Mimik und Gestik des Gesprächspartners. Wenn durch die Maske das Gesicht des Gegenübers nicht gesehen werden kann, ist die Kommunikation schwierig. „Es ist nicht zu sehen, wer angesprochen wird“, sagt Böker. Dorle Wareka kennt das Problem aus ihrem Alltag: „Wir sind bei der Kommunikation auf das Mundbild des Gegenübers angewiesen. Daher bereitet uns das Tragen der Maske große Schwierigkeiten.“ Die hessische Landesregierung habe mittlerweile aber darauf reagiert und eine Ausnahmeregelung für Gehörlose bewilligt, so Wareka.

Wegen dieser Sonderreglung komme es aber auch zu Konflikten im Alltag. So habe Pfarrer Heinisch von einem Gemeindemitglied erfahren, dass dieser bei seinem Impftermin Probleme gehabt hätte, da das Personal ihn nicht ohne Mundschutz über die Impfung informieren wollte.

Doch nicht nur die Maskenpflicht ist während der Pandemie eine zusätzliche Hürde für Gehörlose. Vor allem zu Anfang sei die vielfältige und zum Teil widersprüchliche Flut an Informationen über die Pandemie ein großes Problem gewesen, berichtet Heinisch. „Die lautsprachlichen Medien der hörenden Welt sind schwer für Gehörlose einzuordnen. Daher ist es auch nicht einfach für sie, Orientierung zu finden.“

Dorle Wareka sieht für sich und andere Gehörlose das gleiche Problem und sagt, dass sich dem Thema zwar mittlerweile von Gebärdendolmetschern angenommen wurde, aber immer noch ein Informationsdefizit für Gehörlose zum Thema Corona bestehe.

Trotz der Sorgen haben viele Gehörlose Lösungen entwickelt. Wareka sagt: „Heute besitzen viele Freunde und Mitglieder der Gemeinde zum Glück einen Computer und ein Handy. So können wir problemlos miteinander in Kontakt bleiben und uns austauschen.“

Ein großer Wunsch sei aber dennoch, dass in diesem Jahr wieder das Sommerfest, die Weihnachtsfeier und die Mitgliederversammlungen im Gehörlosenzentrum stattfinden können. Außerdem hofft sie, dass die Umbauarbeiten im Gehörlosenzentrum in Kassel noch in diesem Jahr beginnen können, sodass sich die Gehörlosen schon bald in einer neuen Umgebung treffen können. Fotos: Privat, Gehörlosenberatung Kassel (Jakob Von Sass)

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