Coronavirus und Gärtnern

Absatzzahlen für Jungpflanzen bisher rückläufig - Trend zur Selbstversorgung?

Baut in Witzenhausen auch Erbsen, Bohnen und Kartoffeln an: Kleingärtner Heinrich Copik beim Blumengießen. 
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Baut in Witzenhausen auch Erbsen, Bohnen und Kartoffeln an: Kleingärtner Heinrich Copik beim Blumengießen. 

Kleingärtnern liegt alles andere als im Trend. Seit Jahren ist der Verkauf von Gemüse-Jungpflanzen rückläufig. Wegen der Corona-Pandemie könnte sich das ändern.

Werra-Meißner – Schönes Wetter, freie Zeit und ein geschärfter Blick für die Vorteile der Selbstversorgung: Derzeit herrschen ideale Bedingungen, um mit dem Gärtnern zu beginnen.

„Angesichts der Coronakrise werden jetzt wohl viele verstärkt Kartoffeln anbauen“, vermutet Winfried Radtke, Vorstandsmitglied des Kleingartenvereins Witzenhausen

„Das wäre eine Kehrtwende“, meint Gerhard Kulle von der Witzenhäuser Gärtnerei Blumen-Kulle. Zur Jahrtausendwende habe er im Frühjahr 60 000 Gemüse-Jungpflanzen verkauft, erinnert sich der Unternehmer. Heute seien es in guten Jahren gerade einmal 1000 Stück. 

Wegen der niedrigen Gemüsepreise im Supermarkt hätten sich viele bisher nicht mehr die Arbeit im Garten und mit dem Einkochen oder Einfrieren machen wollen.

Selbstgezogenes Gemüse schmeckt besser

„Dabei lässt sich der Geschmack von selbst gezogenem Gemüse mit dem der Wasserbomben aus dem Supermarkt nicht vergleichen“, wundert sich Wina Diekhof vom Unterriedener Bioland-Betrieb Knofi & so. Und man wisse, was auf den Teller komme, betont sie. 

Große Gartenflächen seien nicht erforderlich. Heute gebe es unter anderem Mini-Gurken und Balkon-Tomaten, die sich gut in Blumentöpfen ziehen ließen.

Selbstversorger können Lebensmittel anbauen, die es sonst nicht zu kaufen gibt“, erklärt Emil Wiedmann, der auf dem Ermschwerder Werrahof die Gärtnerei Flamenco betreibt. 

150 verschiedene Nutzpflanzen bietet er an – darunter Etagenzwiebeln und Süßdolden, aber auch Blumen wie Funkien oder Taglilien, die in Asien als Leckerbissen bekannt sind.

Ein Problem für Gärtner: Pflanzenmärkte, etwa der im Witzenhäuser Tropengewächshaus, fallen wegen der Corona-Pandemie vorerst aus. 

Diekhof berichtet, dass sie ihre Jungpflanzen nicht auf dem Göttinger Wochenmarkt verkaufen dürfe. Sie würden in Niedersachsen nicht als „täglicher Bedarf“ gelten. 

„Existenzbedrohend“ sei das für sie. Daher werde sie Ende April einen Verkauf auf ihrem Hof starten. Zudem könnten Kunden Ware bestellen. Ein Auslieferservice sei in Planung. Verstärkt über den eigenen Ebay-Shop will Flamenco-Chef Wiedmann Samen, Zwiebeln sowie junge Pflanzen vertreiben.

„Das Kundenverhalten ist gegenwärtig schwer einzuschätzen“, meint Kulle. Er fährt derzeit täglich zum Großmarkt und kauft jeweils kleine Mengen ein, um nicht auf Ware sitzen zu bleiben. Angesichts der bevorstehenden Rezession hielten viele ihr Geld zusammen, erwartet Kulle. 

Wegen der Kontaktverbote verkaufe er derzeit auch weniger Blumen. Der Preis von Schnittblumen steige allerdings, weil günstige Ware aus Afrika derzeit kaum noch ins Land gelange. 

Deutliche Umsatzrückgänge erleide er beim Blumenschmuck für Beerdigungen, weil diese jetzt nur im kleinen Kreis stattfinden dürften.

Auf Selbstversorgung setzen die 700 Landfrauen im Bezirk Witzenhausen. „Die meisten von uns ziehen ihre Jungpflanzen selbst aus Samen an, den wir über den Versandhandel beziehen“, berichtet Monika Timmerberg aus Dudenrode, die dem Vorstand angehört. 

Viel werde untereinander getauscht. Wegen Corona gebe es derzeit allerdings keine Treffen mehr in großer Runde.

Übersicht über Teilnehmer des diesmal ausfallenden Pflanzenmarktes in Witzenhausen

18 Jahre lang haben Gärtnereien und landwirtschaftliche Betriebe jeweils am letzten Sonntag im April ihre Bioland- und Demeter-zertifizierten Pflanzen – von Chili bis Tomate, von Kohlrabi bis Zucchini – angeboten. 

Doch in diesem Jahr kann der beliebte Pflanzenmarkt auf dem Uni-Gelände an der Steinstraße in Witzenhausen wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden. 

Viele der Aussteller hätten aber schon Pflanzen vorgezogen und seien auf die Kundschaft und den Verkauf angewiesen, berichtet Kuratorin Marina Hethke vom Tropengewächshaus der Uni. „Mancher Marktbeschicker verdient 90 Prozent seines Jahreseinkommens über solche Pflanzenmärkte, die als Großveranstaltungen nun alle abgesagt sind.“ 

Deshalb will Hethke die Produzenten unterstützen, damit die Pflänzchen, wenn eben nicht über den abgesagten Markt am 26. April, so auf einem anderen Weg zur Kundschaft gelangen. 

Dazu hat sie eine Liste einiger Firmen, die jetzt Online-Verkauf und/oder Abholmöglichkeiten für die biologisch produzierten Pflänzchen anbieten, samt ihren Kontaktdaten zusammengefasst: 

  • Die Bienen-Gärtnerei (Witzenhausen) bietet Bioland-Bienenpflanzen vom Imker über ein Kontaktformular auf der Homepage an: diebienengaertnerei.de; E-Mail: bienengaertnerei@posteo.de
  • Bio-Gärtnerei Montag (Altenburschla) steht jeweils von 8 bis 13 Uhr mittwochs in Eschwege und freitags in Witzenhausen auf dem Wochenmarkt und verkauft Jungpflanzen. Zudem Hofverkauf: Oberer Schützengraben 1, Wanfried-Altenburschla; Kontakt: 01 77/2 69 43 89
  • Gärtnerei Wurzelwerk (Escherode)/Gemüsekollektiv Rote Rübe (Kaufungen) liefert nach Hause ab 21. April Pflänzchen nach Kassel und Umgebung. Bestellung über wurzelwerk. biodeliver.de und per E-Mail: wurzelwerk@gastwerke.de.
  • Im Hofladen (Forstamtstr. 6, 34355 Escherode, geöffnet freitags von 16 bis 18, samstags von 9 bis 13 Uhr) gibt es ab Mitte April Pflanzen.
  • Der Bio-Lieferservice Grüner Bote (Hübenthal) bietet Pflanzenverkauf vom 25. April bis 17. Mai neben dem Lieferservice samstags und sonntags auch an im Haus Nr. 8 in 37218 Witzenhausen-Hübenthal; Kontakt: info@gruener-bote.de; gruener-bote.de
  • Der Inselhof (Dietzenrode) verkauft Öko-Jungpflanzen (Tomate, Chili, Paprika) vom 2. bis 9. Mai ab Hof (Mühlplatz 18, 37318 Dietzenrode) von 15 bis 18 Uhr. Zur Kontaktvermeidung gibt es eine Selbstbedienung. Vorabkontakt: Tel. 03 60 87/ 9 08 04; inselhof.net
  • K&K Stauden (Kassel) hat einen Onlineshop (ab 20 Euro Bestellwert versandkostenfrei): kk-stauden.def
  • Knofi & so (Unterrieden) plant vom 24. April bis 17. Mai täglich von 11 bis 17 Uhr den Jungpflanzenverkauf ab Hof (Ludwigsteinstr. 32, Witzenhausen-Unterrieden) und steht auf dem Wochenmarkt, freitags in Witzenhausen; Kontakt: 01 76/45 61 77 70 Anruf, SMS, WhatsApp, Telegram); knofiundso.de
  • Die Demeter-Gärtnerei Lichtenborner Kräuter (Hardegsen-Lichtenborn) hat einen online-shop: lichtenborner-kraeuter.de
  • Naturgarten Oase (Göttingen) stellt einen Abholservice bereit. Nach Bestellung (Tel. 05 51/82 09 91 60 und 01 60/ 96 76 57 87, E-Mail: cwerner@naturgarten-oase.de) kann zu einem vereinbarten Termin in der Gärtnerei abgeholt werden. naturgarten-oase.de
  • Beim Schaugarten Kuhmuhne (Schönhagen) können Jungpflanzen – zum Beispiel Tomaten, Zucchini, Paprika, Salate, Kräuter und Raritäten – bestellt werden, stets am Freitag von 9 bis 12 Uhr: Tel. 03 60 83/ 5 45 44, E-Mail: info@kuhmuhne.de; schaugarten.kuhmuhne.de
  • SoLaLa Unterrieden (Tomaten) bietet Pflanzenverkauf nach Bestellung ab Hof (Ludwigsteinstr. 26, 37214 Witzenhausen-Unterrieden): E-Mail: info@solala-unterrieden.de, Tel. 0157/84073919, für WhatsApp/Telegram: 01 52/ 25 12 40 13. 

Von Michael Caspar und Stefan Forbert

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