„Kreative Ideen sind gefragt“

Aerosol-Experte Scheuch zu Infektionsschutz in Schulen

Aerosolexperte: Dr. Gerhard Scheuch erläutert, wie man Schulen sicherer machen kann – in seinem neuesten Video und im Interview. Screenshot: martina Biedenbach
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Aerosolexperte: Dr. Gerhard Scheuch erläutert, wie man Schulen sicherer machen kann – in seinem neuesten Video und im Interview. Screenshot: martina Biedenbach

Mit dem Thema Schutz vor Corona-Infektionen in Schulen befasst sich der Gemündener Aerosolexperte Dr. Gerhard Scheuch in seinem neuesten Info-Video auf Youtube und Facebook. In der Serie unter dem Titel „Open-Air statt Ausgangssperre – Dr. Scheuchs Aerosol-ABC“, warnt er, wie berichtet, vor der Ansteckungsgefahr über Aerosole, das Luft-Gas-Gemisch, das uns umgibt. Über 2,5 Millionen Menschen haben seine Videos bereits angeklickt. Im Interview erläutert er seine Vorschläge für Infektionsschutz in Schulen.

Herr Scheuch, wie können wir Schulen sicherer machen?

Es gibt dafür kein Patentrezept. Wir brauchen ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die wir individuell kombinieren müssen. Dazu braucht es auch den Beitrag von Lehrern, Eltern und natürlich den Schülern.

Welche Maßnahmen gehören zu diesem Bündel?

Beginnen wir mit der Anfahrt. Im Bus und in der Bahn lauern die Gefahren, wenn diese sehr voll sind und man eine längere Anreise hat. Deshalb gilt hier: Gibt es andere Möglichkeiten? Kann ich zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule kommen? Wenn nicht, dann in den Verkehrsmitteln Maske aufsetzen und wenn möglich die Fenster öffnen. Die Verkehrsgesellschaften sollten darauf achten, dass eine gute Belüftung in den Bussen und Zügen möglich ist. Das schützt ja auch das Personal. Busfahrer gehörten in England übrigens zu den am häufigsten von der Pandemie betroffenen Berufsgruppen.

Wo infizieren sich Schüler mit virenhaltigen Aerosolen in den Schulen?

Der Unterricht in den Klassenräumen und die sanitären Anlagen sind da wohl die wichtigsten Infektionsherde. Auf den Gängen und auf dem Pausenhof ist es relativ sicher, da man sich dort ja nicht zu lange aufhält und der Raum groß ist. Denn die Kontaktzeiten mit einer infizierten Person und die Größe des Raumes sind entscheidende Faktoren im Infektionsgeschehen. In einem großen Raum wird das Aerosol stark verdünnt, und damit werden mit jedem Atemzug weniger Viren eingeatmet als in einem kleinen Raum.

Der Unterrichtsraum sollte also so groß wie möglich sein?

Ja, genau. Und: Je mehr Personen in einem Raum sind, umso größer ist das Risiko, sich zu infizieren. Unterricht im Freien wäre natürlich optimal. Ich weiß, das lässt sich natürlich nicht oft umsetzen. Aber kreative Ideen sind gefragt. Die Zeit, die man in einem Raum zusammen mit einem Infizierten verbringt, ist der dritte wichtige Parameter. Doppelte Zeit erhöht das Risiko fast um den Faktor 4, wenn nicht gelüftet wird oder werden kann. Wenn man allein die Unterrichtszeit von 45 auf 40 Minuten verkürzt, erreicht man eine Reduktion des Risikos um über 20 Prozent.

Das Kultusministerium sagt, dass dort dazu keine Studien bekannt seien, die das belegen.

Das ist nicht korrekt. Es gibt zahllose Studien, die zeigen, wie wichtig die Aufenthaltszeit in einem Zimmer zusammen mit einem Infizierten ist. Auch das Max-Planck-Institut in Göttingen hat auf seiner Homepage einen Rechner, mit dem man das Risiko einer Infektion berechnen kann, und auch dort ist die Aufenthaltszeit einer der wichtigsten Parameter. Auch in einem Positionspapier der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurden noch mal die wichtigsten Faktoren zusammengefasst und entsprechende Empfehlungen gegeben, wie man die Infektion verhindern kann.

Sie fordern ja schon seit über einem Jahr den Einsatz von Luftfiltern.

Zwei weitere Werkzeuge zur Infektionsvermeidung sind Lüften und Raumluftfilter: Das Lüften ist sehr effektiv, da dann sehr schnell verbrauchte durch frische Luft ersetzt wird und die möglicherweise im Raum befindlichen Viren rasch nach draußen geschafft werden. Der Raumluftfilter filtert aber auch zwischen den Lüftungsintervallen die Viren aus der Zimmerluft. Das effektive Lüften kann man mit einem CO2-Messer kontrollieren. Die Luftfilter müssen in der Lage sein, das Raumvolumen vier- bis achtmal pro Stunde umzuwälzen. Die Lautstärke dürfte angemessen sein. Hepafilter zum Preis von etwas 300 bis 400 Euro reichen vollkommen aus, es braucht überhaupt keine fest eingebauten Luftfilter.

Was sagen Sie zum Masketragen in der Schule?

Auf dem Pausenhof und auch auf dem Weg in die Pause machen Masken keinen großen Sinn. Dafür aber auf der Toilette, in Aufenthaltsräumen oder im Lehrerzimmer. Die Masken der Kinder müssen dem Gesicht des Kindes angepasst sein. Es nützt überhaupt nichts, teure FFP2- oder FFP3-Masken einzusetzen, die für Erwachsene gedacht sind.

Das Kultusministerium hat beschlossen, dass in der Schule in den ersten beiden Wochen nach den Ferien auch am Platz in der Klasse Masken getragen werden sollen. Was sagen Sie dazu?

Ich halte das für übertrieben. Da sollte man in den ersten Wochen nach den Ferien eher bei geöffneten Fenstern unterrichten oder sehr häufig lüften, wenn noch keine Raumluftfilter vorhanden sind.

Service: Scheuch hat auf Youtube und Facebook elf Videos mit Informationen zum Thema Aerosole und Corona veröffentlicht. Das aktuelle Video befasst sich mit „Schulen ohne Lockdown sicher machen“. (Martina Biedenbach)

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