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Ärzteschaft im Werra-Meißner-Kreis sieht Initiative Landarztquote skeptisch

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Von: Tobias Stück

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Die Landesregierung hatte in ihrer jüngsten Plenarwoche beschlossen, zwei Vorabquoten beim Medizinstudium einzuführen. 
Die Landesregierung hatte in ihrer jüngsten Plenarwoche beschlossen, zwei Vorabquoten beim Medizinstudium einzuführen.  © dpa

Nicht vollends überzeugt von der Einführung der Landarztquote ist die Ärzteschaft aus dem Werra-Meißner-Kreis. „Die Idee ist grundsätzlich gut, hilft uns kurzfristig aber nicht weiter.“

Werra-Meißner - Das sagt Dr. Klaudia Ress, Allgemeinmedizinerin aus Hessisch Lichtenau und Vorsitzende des Ärztebündnisses Werra-Meißner. Die Landesregierung hatte in ihrer jüngsten Plenarwoche beschlossen, zwei Vorabquoten beim Medizinstudium einzuführen. Zu jedem Wintersemester, so der Beschluss, sollen daher bis zu 6,5 Prozent der Studienplätze für Bewerber vorgesehen sein, die später zehn Jahre als Allgemein- oder Kinderarzt in einem unterversorgten Gebiet Hessens arbeiten. Zudem wurde eine Vorabquote von 1,3 Prozent (13 Plätze) für Ärzte im Öffentlichen Gesundheitswesen beschlossen

Die Medizinstudenten werden in einem speziellen Schwerpunktprogramm studieren, welches sie auf ihre Tätigkeit als Mediziner im ländlichen Raum bzw. beim Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) vorbereitet. Demnach sind künftig jedes Jahr bis zu 65 Plätze für Medizinstudenten an den hessischen Unis reserviert, wenn sie sich verpflichten, später zehn Jahre als Landarzt zu arbeiten.

Reservierte Plätze an drei Universitäten

Die größere Studienplatzquote an den Universitäten Frankfurt, Gießen und Marburg wird für Bewerber reserviert, die sich vertraglich verpflichten, nach Abschluss ihres Medizinstudiums eine Weiterbildung in Allgemeinmedizin oder in Kinder- und Jugendmedizin zu absolvieren und anschließend zehn Jahre in hausärztlich bisher unterversorgten Gebieten tätig zu sein. Zusätzlich wird es eine eigene Quote für Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) geben. 

Mit der Verabschiedung des Gesetzes zur „Sicherung der hausärztlichen Versorgung und des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in Hessen“ wurde auch gleich eine mögliche Strafzahlung beschlossen. Die Bewerber „verpflichten sich in einem öffentlich-rechtlichen Vertrag mit dem Land Hessen zu einer Vertragsstrafe in Höhe von 250.000 Euro für den Fall, dass sie einer ihrer Verpflichtungen (...) nicht oder nicht vollumfänglich nachkommen“, heißt es.

Aktuell gibt es laut Landesregierung rund 4500 Hausärzte in Hessen. Dazu gehören Allgemeinmediziner, aber auch Ärzte für Innere Medizin sowie Kinderärzte. In den ländlichen Regionen arbeiten gut 2100 von ihnen. Im Jahr 2030, so eine Schätzung der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen, werden es nur noch etwa 1150 sein.

Die angehenden Ärzte werden neben speziell auf sie abgestimmten Seminaren regelmäßig Praktika in ländlich gelegenen Praxen absolvieren, an einem Mentoring-Programm teilnehmen und Tagesausflüge zur Berufsfelderkundung machen. Zudem werden ein nahtloser Übergang zwischen Aus- und Weiterbildung gewährleistet und die Studenten mit Stipendien unterstützt. So sieht es der Gesetzentwurf ab dem Wintersemester 2022/2023 vor. Von dieser Initiative werde aber erst die nächste Generation an Ärzten und Patienten profitieren. „Bis ein Studienanfänger alleinverantwortlich in einer Landarztpraxis arbeiten darf, vergehen sicherlich zwölf Jahre“, sagt Ress. Ress schlägt stattdessen vor, vom Zulassungsmodus Numerus Clausus (NC) abzulassen und den Zugang zu erleichtern. Außerdem sollte es attraktivere Arbeitszeiten für Landärzte geben. Vor allem auch für Frauen und eine mögliche Familienplanung sei die Verpflichtung schwierig.

Dr. Klaudia Ress
Dr. Klaudia Ress © Lothar Röß

Medizinexperten üben Kritik an der Quote. Sie ist ein „Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Frank Dastych, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Kein einziger weiterer Platz für Medizinstudenten entstehe so, dabei würden die dringend gebraucht. „Da wird reine Zahlenkosmetik betrieben.“ Seit rund 20 Jahren fordere man mehr Studienplätze, doch „die Politik verweigert sich“, so Dastych.

Die Regelung „löst die Probleme nach Überzeugung der Landesärztekammer Hessen nicht“, sagt Ärztekammerpräsident Dr. Edgar Pinkowski. Dass sich nun bereits Abiturienten festlegen sollten, wo sie nach Studium und Weiterbildung zehn Jahre arbeiten, sei „realitätsfern“.

Auch Landrätin Nicole Rathgeber ist zurzeit skeptisch, „ob die Landarztquote für uns spürbare Auswirkungen hat.“ Die Distanz zu den drei hessischen medizinischen Fakultäten in Frankfurt, Gießen und Marburg werde dadurch nicht geringer. „Deshalb haben wir bei unseren Bemühungen auch die Fakultät in Göttingen im Blick.“ Der Werra-Meißner-Kreis verfolgt darüber hinaus weitere eigene Initiativen zur Landarztgewinnung. Zurzeit laufen die Praktika „Landpartie“, die sogenannten „Landtage“, der Newsletter „Heimvorteil“ und zukünftig ein Stipendium bei der Kassel School of Medicine. „Wir bauen in einem frühen Stadium des Medizinstudiums ein Kontakt zu den Studenten auf und stellen den Landkreis sympathisch dar“, sagt Rathgeber. Land-arzt-leben.de (Tobias Stück)

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