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Alle wollen Wohnmobile: Bestandszahlen im Werra-Meißner-Kreis steigen stetig

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Von: Tobias Stück

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Entspannung ist angesagt: Lennart Henke und Luisa Wülfert sind mit ihrem selbst umgebauten Campingbus Matze am Freitag zum ersten Urlaub aufgebrochen. Die nächsten Tage werden sie häufiger ihre Dachterrasse genießen.
Entspannung ist angesagt: Lennart Henke und Luisa Wülfert sind mit ihrem selbst umgebauten Campingbus Matze am Freitag zum ersten Urlaub aufgebrochen. Die nächsten Tage werden sie häufiger ihre Dachterrasse genießen. © Luisa Wülfert und Lennart Henke

Wohnmobile haben nicht nur in Deutschland und Hessen, sondern auch im Werra-Meißner-Kreis weiter Hochkonjunktur.

Werra-Meißner – Die außergewöhnlich hohen Zulassungszahlen aus dem Vorjahr werden zwar nicht ganz erreicht, der Zuwachs ist jedoch immer noch enorm. Lieferschwierigkeiten wegen fehlender Bauteile machen Produzenten, Händlern und Vermietern derzeit Sorgen. Bis zu 24 Monate Lieferzeit gibt es abhängig vom Modell.

2019 waren im Werra-Meißner-Kreis 793 Wohnmobile angemeldet, 2020 waren es dann schon 895 (+102), 2021 sogar 1027 (+132) und in diesem Jahr sind es bislang 1116 (+89). Von 2019 zu 2022 entspricht das einer Steigerung von fast 41 Prozent. Insgesamt waren die Zuwachsraten zwar durch Corona begünstigt, heißt es vom Caravaning Industrie Verbandes (CIVD), aber nicht der einzige Grund. Einer Langzeitperspektive zufolge war 2021 bereits das elfte Rekordjahr in Folge.

Wegen der Pandemie und des Krieges in der Ukraine fehlen neben Halbleiterkomponenten noch immer wichtige Rohstoffe wie Stahl, Holz, Kunst- oder Klebstoff. Der Geschäftsführer des CIVD, Daniel Onggowinarso, geht davon aus, dass bei Abklingen der Verzögerungen in den Lieferketten auch 2022 ein gutes Jahr für Reisemobile wird.

Die Firma Caravan Konrad aus Bad Wildungen vermietet und verkauft ihre Wohnmobile auch im Werra-Meißner-Kreis. Die Nachfrage sei in beiden Sektoren nach wie vor groß, sagt Geschäftsführer Ken Konrad. Das Unternehmen könne aber nicht so viel ausliefern, wie gewünscht werde. Die Marktsituation lasse im Moment nicht mehr zu. „Wer jetzt ein neues Wohnmobil bestellt, muss aufgrund der Lieferengpässe bis zu 18 Monate warten“, sagt er. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt gäbe es wegen der Verknappung Preissteigerungen von bis zu 25 Prozent.

Beliebter wird daher der Umbau von ehemaligen Lieferwagen zu sogenannten Campern. Lennart Henke und Luisa Wülfert aus Eschwege haben die vergangenen Monate beispielsweise mit dem Umbau verbracht. Am heutigen Freitag brechen sie in den ersten Urlaub mit ihrem umgebauten Sprinter namens Matze auf. Foto: WLZ » SEITE 7

Paar baut Lieferwagen selbst um

Dass der Trend zum Wohnmobil anhält, zeigen auch Luisa Wülfert und Lennart Henke. Sie sind mit ihrem umgebauten Wagen unterwegs.

Am Ende zählte jedes Kilo. Lennart Henke fräste noch die Türen und Schubladen der Einbauschränke aus, um Gewicht einzusparen. Nur wenn der Wagen unter 3,5 Tonnen wiegt, dürfen er und seine Freundin Luisa Wülfert „Matze, den Mercedes“, wie sie ihn getauft haben, fahren. Regelmäßig wurde der Sprinter deshalb gewogen. Jetzt passt alles und der Ausbau ist auch rechtzeitig fertig geworden. Heute startet das Paar in ihren ersten gemeinsamen Urlaub mit Matze.

An die Grenze zum zulässigen Gesamtgewicht ist der Sprinter gekommen, weil die beiden 25-Jährigen beim Innenausbau auf hochwertige Materialien gesetzt haben. Die Arbeitsplatte der Küche ist aus Eiche, der Fußboden aus Laminat. Das ausziehbare Bett und die Sitzbänke mit viel Stauraum sind selbst gebaut. Zugute kommt dem Paar, dass Lennart Tischlermeister ist. Bei seinem Arbeitgeber, der Tischlerei Wilhelm in Hoheneiche, konnte er nach der Arbeit schon viel für den Innenausbau vorbereiten. Eingebaut wurde dann alles vor der Garage ihrer Eschweger Stadtwohnung. Auch wenn Lennart der Handwerker ist, hat sich Luisa vor keiner Arbeit gescheut. „Ich habe unheimlich viel gelernt in den letzten Monaten“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Während der Pandemie – natürlich – hat sich bei den beiden der Wunsch nach einem eigenen Camper verstärkt. Lennart hatte beim Auslandsjahr in Australien schon Erfahrungen gesammelt, gemeinsam sind sie während der Pandemie mit dem Wohnmobil der Eltern gereist. Wegen Corona musste eine Weltreise nach dem Meistertitel ausfallen, während eines halbjährigen Trips durch Europa haben sie die Leidenschaft fürs Campen ausgebaut. „Wir sind allerdings nicht die Campingplatz-Urlauber“, sagt Lennart Henke. Lieber ist es ihnen, sich treiben zu lassen, dort zu halten, wo es schön ist und am Morgen mit dem Blick aufs Meer aufzuwachen. Deswegen haben sie im vergangenen Oktober das Projekt Camper-Ausbau angegangen. Im Februar hatten sie ihr Auto in Bayern gefunden, seit Februar wird an jedem Wochenende, seit Juni auch an jedem Abend, der Ausbau vorangetrieben.

In ihrem umgebauten Van sind sie autark. Im Heck ist eine Freiluft-Dusche eingebaut, 90 Liter Wasser fasst der Tank. Es gibt eine Toilette, Herd und Kühlschrank und auf dem Dach des sieben Meter langen Lieferwagens tut eine Photovoltaikanlage ihren Dienst. Sie lädt den Speicher auch während der Fahrt. Elektrik und Wasserinstallationen haben sie mit Unterstützung ihrer Instagram-Community und Online-Anleitungen selbst verlegt.

Im Inneren nehmen Küchenzeile und Sitzbänke großen Raum ein. „Wir wollten, dass es in unserem Van aussieht wie in einer modernen Wohnung“, erzählt Luisa. Das Bett wollten sie im Heck erst quer einbauen, dann hätte der 1.89 Meter große Handballtorwart Lennart allerdings mit angezogenen Beinen schlafen müssen. Überall gibt es Stauraum, insbesondere unter dem Bett, an den man rankommt, indem man die Flügeltüren öffnet.

Welche Tipps haben die beiden für Nachahmer auf Lager? Man sollte sich einfach was zutrauen, sagen beide. „Man schafft mehr, als man denkt.“ Vor einigen Monaten hätten beide nicht gedacht, dass sie mal die Metallhaut eines Autos aufschneiden, um ein Fenster einzubauen. Sie sagen aber auch: „Bevor man anfängt, muss man sich gut informieren und langfristig planen.“ Und das nötige Kleingeld muss man auch übrig haben. Rund 15 000 Euro haben sie in den Ausbau gesteckt. Es ginge aber auch günstiger.

Jetzt freuen sie sich erst mal auf ihren ersten Urlaub zusammen mit Matze. Es geht erst auf eine Hochzeit von Freunden in Österreich. Die haben sie natürlich beim Campen kennengelernt. Von da aus geht es weiter in die Provence. Zwischendurch besuchen sie Luisas Eltern in der Schweiz, um ihnen Matze vorzustellen. „Der Weg ist das Ziel.“

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