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Alles öko oder was? So arbeitet ein Biobauernhof

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Von: Nicole Schippers, Sina Beutner

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Ökolandwirtschaft Gut Fahrenbach, Witzenhausen, Geschäftsführer Hans-Jürgen Müller, Sprecher der Vereinigung Ökologischer Landbau in Hessen, Foto: Schippers
Ökolandwirtschaft auf Gut Fahrenbach: Hans-Jürgen Müller ist nicht nur Biolandwirt, sondern auch Sprecher der Vereinigung Ökologischer Landbau in Hessen. © Schippers

Bio-Produkte boomen. Die Vorstellung von glücklichen Tieren auf grünen Weiden und ungespritztem Gemüse auf dem Teller lässt immer mehr Deutsche zu ökologischen Lebensmitteln greifen. Wir haben uns im Werra-Meißner-Kreis angesehen, wie ein Biobauernhof arbeitet.

Allein durch den Verkauf von Bio-Produkten ist 2016 in Deutschland ein Umsatz von insgesamt 9,5 Milliarden Euro erwirtschaftet worden. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es gerade mal 2,1 Milliarden. 

Aber was heißt Bio eigentlich? Und wie funktioniert Bio-Landbau? Auf Gut Fahrenbach nahe Witzenhausen wird schon seit mehr als 30 Jahren ökologischer Landbau betrieben. Die drei Geschäftsführer der Betriebsgemeinschaft am Rande des Naturparks Meißner-Kaufunger Wald - Birgitte Weidinger, Hans-Jürgen Müller und Christoph Raue - sind also alte Hasen im Bio-Geschäft.

Mit Aberdeen Angus wird auf dem anerkannten Bioland-Betrieb eine besondere Rinderrasse gezüchtet. Damit das Fleisch der Rinder als Biofleisch verkauft werden kann, müssen die Tiere artgerecht leben - das bedeutet: Im Sommer leben die 70 Mutterkühe von Gut Fahrenbach und ihre Kälber auf der Weide, den Winter verbringen sie in einem besonders geräumigen Stall.

Damit das Fleisch als Bioware verkauft werden kann, dürfen keine Futtermittel für die Tiere zugekauft und keine Hormone und Wachstumsförderer verabreicht werden. Wenn ein Tier krank wird, werden zunächst pflanzliche Mittel angewendet. Sollten die aber nicht ausreichen, darf auch Antibiotika verabreicht werden. Stress vor und beim Schlachten soll vermieden werden. Deshalb wird im nahe gelegenen Ermschwed geschlachtet. 

Ökolandwirtschaft Gut Fahrenbach, Witzenhausen, Aberdeen Angus Rinder, Foto: Schippers
Aberdeen Angus: Die Rinder dieser Rasse sind von Natur aus hornlos, sie wachsen schnell und sind sehr frühreif - deshalb werden die Bullen (auf diesem Foto) auch von den Mutterkühen und ihren Kälbern getrennt gehalten. © Schippers

Neben der Rinderzucht wird auf Gut Fahrenbach Getreide angebaut, darunter spezielle Sorten wie Nackthafer und Mariendistel. Nackthafer ist nahezu spelzfrei, muss also vor der Verwendung nicht entspelzt werden. So bleiben wichtige Nährstoffe erhalten. Die Körner landen vor allem als Haferflocken in unseren Müslischalen. Mariendistel enthält den Wirkstoff Silymarin, der die Leber stärken und schützen soll. Sie wird als Tee oder höher dosiert als Fertigpräparat eingenommen. 

Damit das Getreide bio ist, darf lediglich mit Mist oder Jauche gedüngt werden. Der Einsatz von Pestiziden ist verboten. Trotzdem kommt es manchmal zu Verunreinigungen. Denn an die Ländereien des Gutes grenzen konventionelle Äcker. Werden die gespritzt, gelangen nicht selten Pestizide oder Herbizide auf das Bioland. "Das müssen wir melden", sagt Müller. Die betroffene Fläche wird dann umdeklariert in konventionellen Acker. Nach zwei Jahren wird sie geprüft und gegebenenfalls wieder auf Bio umgestellt. Die Kosten trägt zunächst der Biobauer. "Wir müssen uns das Geld dann vom Verursacher zurückholen", so Müller.

Ist bio auch wirklich bio? So werden Öko-Betriebe kontrolliert

Mindestens einmal im Jahr prüfen Kontrollstellen, ob die Landwirte die EU-Regelungen für Bio-Produkte auch tatsächlich einhalten. Wenn alles den Vorschriften entspricht, können Fleisch und Getreide als Bio-Ware verkauft werden. 

Ab 2020 sollen die EU-Vorgaben für Bio-Produkte noch strenger und vor allem vereinheitlicht werden. Ziel ist, dass Verbraucher in Zukunft leichter erkennen können, welche Produkte wirklich bio sind und welche nicht. Darauf haben sich die 28 EU-Mitgliedsstaaten nach dreijährigem Ringen kürzlich geeinigt. Denn dazu, was bio ist, gibt es bisher in der Europäischen Union viele unterschiedliche Auffassungen und Standards - und jede Menge verschiedene Siegel (siehe unten).

Abhilfe schaffen sollen zum Beispiel striktere Importkontrollen. Das heißt: Alle, die den europäischen Biomarkt beliefern, müssen sich an die Bio-Regeln der Europäischen Union halten. Das ist bislang nicht so. Auch für biologisches Saatgut soll es EU-weit einheitliche Regeln geben. Nach einer Übergangsfrist von 15 Jahren sollen Bio-Betriebe nur noch Saatgut aus ökologischem Anbau verwenden dürfen. Das ist derzeit nicht immer möglich, weil es nicht in ausreichender Menge verfügbar ist. In dem Fall wird bislang konventionelles Saatgut zugekauft. 

Ein großes Problem ist die auch die Verunreinigung von ökologisch angebauten Nahrungsmitteln durch Pestizide von anderen Äckern. Sollten bei einem Bio-Produkt künftig Spuren von Pflanzenschutzmitteln oder Dünger festgestellt werden, die nicht erlaubt sind, müssen Landwirte, Verarbeiter, Händler und Importeure die Ware sofort stoppen und aus dem Handel nehmen. Wenn der Verdacht begründet ist, dürfen die entsprechenden Waren nur als konventionelle Lebensmittel verkauft werden. Auch die Kontrollen sollen verschärft werden. Außerdem soll es neben der einmal jährlich stattfindenden Prüfung weitere Kontrollen während der gesamten Produktionskette und später auch bei den Händlern geben. Diesen neuen Bestimmungen müssen noch die Agrarminister der Mitgliedstaaten und das EU-Parlament zustimmen - das gilt jedoch als reine Formsache.

Schon gewusst? Hessen ist eine Biohochburg

In Hessen gibt es derzeit 1982 Bio-Betriebe, die 97.000 Hektar Fläche bewirtschaften. Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Flächen am Gesamtanteil der landwirtschaftlich genutzten Flächen liegt bei 12,6 Prozent. Damit liegt Hessen auf Platz zwei der Bundesländer. Nur im Saarland gibt es mehr Bio-Betriebe. 

Im Agrarland Niedersachsen hingegen ist der prozentuale Anteil der Bio-Betriebe geringer: Dort gibt es 1646 Bio-Betriebe (Stand Ende 2016), was 4,2 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe entspricht. Mit einer Fläche von 87.212 Hektar werden rund 3,4 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche für den Ökolandbau genutzt. 

Der Tagesablauf eines Ökolandwirts

"Ich stehe in der Regel um 7 Uhr auf und treffe mich mit meinen Betriebsleiterkollegen Christoph Raue und Gitte Weidinger und unseren beiden fest angestellten Mitarbeitern um 8 Uhr zu einer ersten Tagesbesprechung. Dabei planen wir zusammen unseren Tagesablauf. Weil wir unsere Mutterkühe nicht melken müssen, brauchen wir auch nicht früher anzufangen. Im Winter wird einmal am Tag gefüttert und gestreut (Uhrzeit wechselnd). Damit sind in der Regel zwei Leute beschäftigt.

nh123 Gudensberg Regionale Kiste Hans-Jürgen Müller, Vereinigung Ökologischer Landbau in Hessen

Um 13 Uhr kommen wir alle zum Mittagessen zusammen. Für das Kochen sind wir drei Betriebsleiter abwechselnd zuständig. Beim Mittagessen wird manchmal noch nachjustiert bei der Arbeitseinteilung. Die Buchführungsarbeiten und der Papierkram wird gern auf Regentage verschoben. In der Regel versuchen wir um 18 Uhr Feierabend zu machen. Das gelingt aber nur selten. Vor allem in der Erntezeit geht es oft bis in den späten Abend. Im Winter muss einer immer noch am späten Abend einen Kontrollgang durch den Stall machen. Auch die Büroarbeiten werden oft in die Abendstunden geschoben. Unser Hofladen macht eigentlich auch um 18 Uhr zu, aber manchmal kommen auch danach noch Kunden zu uns auf Gut Fahrenbach und bitten uns, ihnen noch Fleisch zu verkaufen.

Durch meine Tätigkeit für die Hessischen Ökoanbauverbände bin ich auch oft unterwegs. Die morgendliche Betriebsbesprechung versuche ich aber - wenn es geht - immer mitzumachen."

Hier liegt das Gut Fahrenbach

Bio ist nicht gleich bio - ein Überblick über Bio-Siegel:

Jeder zweite Deutsche greift zumindest gelegentlich zu Bio-Produkten. Dabei erkennen Verbraucher die Produkte beispielsweise an bestimmten Gütesiegeln. Doch was bedeutet welches Siegel? Ein Überblick: 

EU-Bio-Logo: Das grüne Logo mit zwölf weißen Sternen, die ein Blatt formen, soll dem Verbraucher zeigen: Hier steckt ein zertifiziertes Bioprodukt drin. Alle

Ein neues Zeichen für Europas Verbraucher: Ab diesem Mittwoch (01.07.2010) ist auf Öko-Lebensmitteln das neue Bio-Siegel der EU zu sehen. Das Siegel - ein Blatt mit zwölf weißen Sternen auf hellgrünem Hintergrund - zeigt, wenn Lebensmittel die Vorgaben für ökologische Herstellung erfüllen. Genau das gibt auch das deutsche Bio-Siegel mit sechs Ecken an, das es weiter geben wird. Neu ist aber, dass die Verbraucher mit dem EU-Siegel auch erfahren, ob ein Rohstoff aus der EU oder von anderswo kommt. Das Zeichen ist in der Europäischen Union Pflicht. Einige Signets von Öko-Anbauverbänden haben noch höhere Anforderungen an Tierhaltung und Verarbeitung. Foto: EU |
© dpa

verpackten Bio-Lebensmittel aus der EU müssen mit dem Logo gekennzeichnet sein. 

Deutsches Bio-Siegel: Das zweite politische Gütesiegel ist das deutsche Bio-Siegel - ein grün

Bio-Siegel, aufgenommen am 24.01.2017 auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin. Foto: Monika Skolimowska/dpa | Verwendung weltweit
© picture alliance / Monika Skolimowska/dpa

umrandetes Sechseck. Dessen Abdruck ist freiwillig. Beide Zeichen sollen dem Käufer eine erste Orientierung bieten, die Produkte müssen vergleichbare Anforderungen erfüllen. Diese gehen manchen aber nicht weit genug. Die Ansprüche der Anbauverbände gehen in der Regel darüber hinaus.

Demeter: Anders als von der EU-Öko-Verordnung vorgeschrieben, darf der

Die Bildkombo zeigt die Logos der Verbände Bioland, Biokreis, Naturland und Demeter, aufgenommen am 24.01.2014 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). Die NRW-Verbände von Bioland, Biokreis, Naturland und Demeter wollen mit der Gründung der «Landesvereinigung Ökologischer Landbau NRW» (LVÖ NRW) die Interessen der NRW-Biobetriebe besser in Politik und Gesellschaft vertreten. Foto: Reproduktionen Jan-Philipp Strobel dpa
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Betrieb nicht nur teilweise auf bio umstellen - er muss es komplett machen. Auf Demeter-Höfen muss es auch Tiere geben. Für deren Haltung gelten verschiedene Regeln, beispielsweise dürfen Rinder nicht enthornt werden. Auch bei Saatgut, Verarbeitung und Düngemitteln gelten strengere Regeln.

Biokreis: Biokreis-Produkte müssen von Betrieben stammen, die komplett ökologisch wirtschaften. Der Zukauf von Dünger

Zum Themendienst-Bericht vom 16. Juni 2015:Biokreis-Produkte müssen von Betrieben stammen, die komplett ökologisch wirtschaften.(ACHTUNG - HANDOUT - Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung der Quelle. Die Veröffentlichung ist für dpa-Themendienst-Bezieher honorarfrei.) Foto: Biokreis | Verwendung weltweit
© dpa

und Futter ist begrenzt, die Tiere auf Biokreis-Höfen müssen zu mindestens 50 Prozent Grünfutter bekommen. Der Verband will außerdem Landwirte, Verarbeiter und Händler zusammenbringen und so für kurze Transportwege und persönliche Beziehungen sorgen.

Naturland: Auch bei Naturland ist es nicht erlaubt, einen Betrieb nur teilweise auf bio

Zum Themendienst-Bericht vom 16. Juni 2015:In der Naturland-Produktion spielen auch soziale Verantwortung und weltweit faire Landwirtschaft eine Rolle. (ACHTUNG - HANDOUT - Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung der Quelle. Die Veröffentlichung ist für dpa-Themendienst-Bezieher honorarfrei.) Foto: Naturland | Verwendung weltweit
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umzustellen. Außerdem muss beispielsweise 50 Prozent des Futters vom eigenen Hof stammen. In der Produktion spielen auch soziale Verantwortung und weltweit faire Landwirtschaft eine Rolle.

Ecovin: Auch Winzer können öko: Tragen Weine, Sekt und andere das Ecovin-Logo auf

Zum Themendienst-Bericht vom 16. Juni 2015:Tragen Weine und Sekt das Ecovin-Logo auf der Flasche, sind sie aus ökologisch erzeugten Trauben hergestellt.(ACHTUNG - HANDOUT - Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung der Quelle. Die Veröffentlichung ist für dpa-Themendienst-Bezieher honorarfrei.) Foto: Ecovin | Verwendung weltweit
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der Flasche, sind sie aus ökologisch erzeugten Trauben hergestellt. Nach Angaben des Verbandes gibt es 220 Mitgliedsbetriebe, die diese Ansprüche erfüllen.

Bioland: Auch hier gehen die Anforderungen über die EU-Richtlinien hinaus: Produkte, die das

Zum Themendienst-Bericht vom 16. Juni 2015: Strenge Regeln - Bioland-Produkte dürfen nur 23 Zusatzstoffe enthalten.(ACHTUNG - HANDOUT - Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit dem genannten Text und nur bei vollständiger Nennung der Quelle. Die Veröffentlichung ist für dpa-Themendienst-Bezieher honorarfrei.) Foto: Bioland | Verwendung weltweit
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dunkelgrüne Bioland-Logo tragen, müssen aus einem komplett biologisch bewirtschafteten Betrieb stammen. Beispielsweise die Zahl der Tiere pro Hektar oder die Menge des eingesetzten Stickstoffdüngers sind begrenzt. Bioland-Produkte dürfen nur 24 Zusatzstoffe enthalten - bei EU-Bio-Lebensmitteln sind es 53. Laut Bioland wirtschaften deutschlandweit über 6800 Landwirte, Gärtner, Imker und Winzer nach den Bioland-Richtlinien.

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