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Alternative zur eiweißreichen Sojabohne? Pilzzucht in alten Hochbehältern

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Von: Michael Caspar

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Seit Jahren außer Betrieb: Bauhofleiter Thorsten Lack beim Öffnen der Eingangstür.
Seit Jahren außer Betrieb: Bauhofleiter Thorsten Lack beim Öffnen der Eingangstür. © Michael Caspar

Vockerode – Für die Pilzzucht in aufgegebenen Trinkwasser-Hochbehältern will Wolf Backhaus aus Vockerode Witzenhäuser Agrarwissenschaftler begeistern. Gemeindebürgermeister Friedhelm Junghans (SPD) unterstützt die Idee.

„Hier ist schon lange niemand mehr drin gewesen“, meint Meißners Bauhofleiter Thorsten Lack. Oberhalb von Vockerode liegt der 1981 aufgegebene Hochbehälter. Der Beton des 1913 errichteten Gebäudes platzt schon ab. Die verrostete Stahltür hat keine Klinke mehr. Lack schraubt eine Abdeckplatte ab und öffnet die Tür mit einer Zange. Drinnen an der Decke hängen Wassertropfen. Korrodierte Rohre sind zu sehen. In den beiden gut zwei Meter tiefen Becken stehen 60 Kubikmeter Wasser.

„An die 30.000 Euro sind hier wahrscheinlich zu investieren“, schätzt Johannes Winter, der in Witzenhausen seinen Bachelor in ökologischem Landbau gemacht hat. Das Wasser sei abzulassen, eine Treppe hinunter in die Becken zu bauen, für Licht zu sorgen, Regale aufzustellen für die Säcke mit dem Substrat, auf dem die Pilze wachsen.

Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssten über einen längeren Zeitraum geprüft werden. Austernseitlinge wüchsen bei einer Temperatur von zehn Grad Celsius, andere Speisepilze benötigten 15 bis 20 Grad Celsius. Eventuell brauche der Hochbehälter eine Klimaanlage. Eine Herausforderung: Es gibt keinen Stromanschluss.

Werben für Pilzzucht in Vockerodes Hochbehälter: Friedhelm Junghans und Wolf Backhaus (v. l.).
Werben für Pilzzucht in Vockerodes Hochbehälter: Friedhelm Junghans und Wolf Backhaus (v. l.). © Michael Caspar

„Als Erstes steht eine Machbarkeitsstudie an“, erklärt Initiator Backhaus. Winter würde das übernehmen. Das nötige Geld zur Finanzierung, „ein paar 1000 Euro“, lasse sich bei Stiftungen und der öffentlichen Hand einwerben, ist Backhaus zuversichtlich. Umsetzen könne das Projekt am Ende zum Beispiel ein „gemeinschaftlicher Betrieb“. Pilzliebhaber aus dem Dorf legten zusammen, jemand übernehme in ihrem Auftrag den Anbau. Die Ernte werde geteilt.

Bei Erfolg lässt sich ein solches Projekt auch in anderen Dörfern mit altem Hochbehälter umsetzen. „Das wären in der Gemeinde Meißner alle Ortsteile“, ergänzt Bürgermeister Junghans. Die Gemeinde stelle die ungenutzten Gebäude kostenfrei zur Verfügung, wenn Nutzer die Unterhaltungskosten übernehmen würden, bietet er an.

„Pilze liegen im Trend“, ist sich Professor Rainer Georg Jörgensen von der Universität in Witzenhausen sicher. Sie böten sich von ihrer Konsistenz und vom Geschmack her als Fleischersatz an, würden aber bisher „viel zu selten“ genutzt.

Viele Vegetarier und Veganer griffen stattdessen zu Produkten auf Basis der eiweißreichen Sojabohne. Soja werde jedoch kaum in Deutschland angebaut, weil die wärmeliebende Pflanze im Oktober „oft erst halbreif“ sei. Entsprechend lang seien die Transportwege.

Im Ausland müsse bei der Anlage der Felder zudem oft Urwald weichen. Zudem würden dort in der Regel gentechnisch veränderte Sorten gepflanzt.

Von Michael Caspar

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