1. Startseite
  2. Lokales
  3. Witzenhausen

Von Scharfenberg gibt Leitung von Wanfrieder E-Werk ab

Erstellt:

Von: Tobias Stück

Kommentare

Grüne Energie seit 1901: Andreas von Scharfenberg an der Werra, mit deren Wasser im E-Werk Wanfried (Hintergrund) nach wie vor Strom erzeugt wird.
Grüne Energie seit 1901: Andreas von Scharfenberg an der Werra, mit deren Wasser im E-Werk Wanfried (Hintergrund) nach wie vor Strom erzeugt wird. © Tobias Stück

Andreas von Scharfenberg hat 32 Jahre das Wanfrieder E-Werks geleitete - jetzt gib er das Unternehmen ab, das er für die Zukunft gut aufgestellt sieht.

Wanfried – Unverhohlen gibt Andreas von Scharfenberg (70) zu, dass er bei der Leitung des Elektrizitätswerks Wanfried auch ein wenig Glück hatte. Das Erneuerbare Energiengesetz Anfang der 2000er-Jahre sei eine Steilvorlage der Politik für Energiebetreiber gewesen, sagt er. Die richtigen Schlüsse aus dieser Gesetzesvorlage hat aber der Wanfrieder Unternehmer gezogen. Wenn Andreas von Scharfenberg heute die Geschäftsführung des E-Werks abgibt, hinterlässt er einen mittelständischen Betrieb, den er für die Zukunft gut aufgestellt sieht.

„Aufbau Ost“

Gerade war die Mauer gefallen, die Grenze hinter Wanfried hatte sich nach vier Jahrzehnten der Teilung aufgetan, als Andreas von Scharfenberg 1990 nach Wanfried zurückkehrte, um den Kalkhof und das E-Werk der Familie zu übernehmen. Bruder Harald hatte sich in München eine Existenz aufgebaut, sodass der Zweitgeborene nach Stationen bei Astra und Reemtsma in Hamburg auf den Familiensitz zurückkehrte. Mit der Öffnung der Grenze öffneten sich auch für das E-Werk Wanfried ganz neue Möglichkeiten. Der Eiserne Vorhang hatte über viele Jahre das Absatzgebiet eingeschränkt. Jetzt ergab sich die Chance, die Stromversorgung in Thüringen, die Scharfenbergs 1948 weggenommen wurde, wieder zu bekommen. Und Andreas von Scharfenberg griff sie beim Schopf.

Schon 1990 wurden die Verhandlungen aufgenommen, 1991 bekam das Wanfrieder E-Werk die Konzession für Falken, Treffurt, Großburschla, später auch Schnellmannshausen zurück. „Auf einen Schlag hatte sich unser Verbreitungsgebiet verdoppelt“, berichtet der Jurist. Schon in den Jahren 1992/1993 wurde die Stromversorgung übernommen. Die Stadtwerke Eschwege wurden Vorversorger. Zurückgekauft hatte das Unternehmen quasi sein eigenes Stromnetz aus Vorkriegszeiten. Hier musste kräftig investiert werden. Acht bis zehn Millionen Euro steckte das E-Werk nach eigenen Angaben in das marode Netz. Zwölf Jahre dauerte die Sanierung. „Heute haben wir in unserem Thüringer Netzgebiet einen moderneren Standard als in Wanfried“, sagt Scharfenberg.

EEG

Als das Projekt „Aufbau Ost“ abgeschlossen war, wartete die nächste Aufgabe. 2000 wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschlossen). Grüner Strom sollte besonders gefördert werden. Für das Wanfrieder E-Werk, das seit 100 Jahren bereits Strom aus der Kraft der Werra erzeugte, ein Glücksfall. Das E-Werk baute jetzt zudem auch noch Photovoltaikanlagen und beteiligte sich an zwei Biogasanlagen. Heute liegt der Eigenversorgungsanteil an grünem Strom in Wanfried bei 80 Prozent. „Nach Jahren, in denen wir hauptsächlich Stromnetze betrieben haben, sind wir wieder zu unserem Kerngeschäft – der Stromerzeugung – zurückgekehrt“, sagt Scharfenberg. Und mehr noch.

Windkraft

Ab 2012 wurde der grüne Strom nicht nur vor Ort erzeugt, sondern auch national. Das Wanfrieder E-Werk gründete mit der E-Service eine Tochtergesellschaft, die Sohn Moritz als Geschäftsführer von Berlin aus betreute. Im ganzen Land – bevorzugt an der Küste – wurde Windparks geplant und gebaut. Und auch die Dienstleistungen für den Betrieb haben Scharfenbergs übernommen. Heute ist das Wanfrieder Unternehmen in der gesamten Republik tätig. Andreas von Scharfenberg, der über den Kalkhof auch einen forst- und landwirtschaftlichen Betrieb führte, hatte seine Felder bestellt.

Zukunft

Deswegen gibt er heute Verantwortung ab. Die Geschäftsführung übernehmen ab morgen Stephan von Eschwege als Leiter der E-Gruppe und Martin Rohmund als technischer Leiter. Andreas von Scharfenberg selbst wird sich aus dem Tagesgeschäft zurück. Als „aktiver Gesellschafter, wie er sich selbst beschreibt, will er nur noch eine beratende Funktion einnehmen und bei Fragen den Geschäftsführern des E-Werks und der E-Service zur Verfügung stehen. „Ich werde es genießen, gelegentlich und ohne Druck ins Büro zu gehen“, sagt er. Er hat sich vorgenommen, die Chronik des E-Werks weiterzuschreiben. Außerdem engagiert er sich als Vorsitzender der Kirchenerhaltungsstiftung weiterhin für die Gotteshäuser in der Region.

Auf die Energiezukunft sieht er drei Probleme zukommen. Die Endlichkeit der Ressourcen, der Drang nach CO2-Einsparung und die Unabhängigkeit von einzelnen Energielieferanten: Für Wanfried scheint von Scharfenberg diese Probleme bereits angegangen zu sein. (Tobias Stück)

Auch interessant

Kommentare