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Anneliese Bernhardt reist Feldpost-Briefen des Schwiegervaters bis Russland hinterher

Vier prall gefüllte Ordner voller Kriegserinnerungen weckten in Anneliese Bernhardt die Neugier und die Netraerin machte sich auf den Weg, um die Spuren ihres Schwiegervaters bis nach Russland zu verfolgen.
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Vier prall gefüllte Ordner voller Kriegserinnerungen weckten in Anneliese Bernhardt die Neugier und die Netraerin machte sich auf den Weg, um die Spuren ihres Schwiegervaters bis nach Russland zu verfolgen.

Anneliese Bernhardt aus Netra hat 265 Feldpostbriefe, die ihr Schwiegervater von der Front in Russland nach Hause schickte, gesammelt. Jetzt hat sie seine Spur verfolgt.

Netra – Sie hat jedes Blatt entziffert, sortiert, abgeschrieben und katalogisiert. Inzwischen hat sie sie auch ausgewertet. „Mein Schwiegervater war christlich eingestellt und als Christ war er gegen die Nazis“, sagt Anneliese Bernhardt.

Dass Dietrich Bernhardt kritisch über die Gewalttaten der deutschen Soldaten und deren – in seinen Augen – mangelnde Frömmigkeit schrieb, war eine Gefahr für den gen Osten ziehenden Soldaten. „Er hatte großes Glück, dass ihm trotz dieser Aussagen nie etwas passiert ist“, findet Schwiegertochter Anneliese Bernhardt.

Wo der bei seiner Einberufung 39-Jährige gerade stationiert war, durfte der Soldat zwar nicht preisgeben, aus einigen seiner Briefe lassen sich jedoch Rückschlüsse auf die Stationen der Truppen ziehen – auch wann er die ehemalige Sowjetunion erreichte. Ganz gleich wo er sich befand, verfolgte Bernhardt aber die Frage, wie es den Lieben zuhause erging. Die Hoffnung auf baldigen Heimaturlaub und das ersehnte Ende des Krieges, vermischen sich in vielen seiner Briefe mit Berichten aus dem Kriegsalltag an der Front. Als er Ende 1941 an seine Familie in Netra schreibt, schaut Bernhardt zurück: „Es war eines der schwersten Jahre, die die Geschichte je gesehen hat“, schreibt der Soldat von der Front. „Hoffen wir, dass es im kommenden Jahr Frieden gibt.“ Doch auf den muss Dietrich Bernhardt noch vier weitere Jahre warten, von denen er drei an der Front verbringen wird.

Aus dem Schützengraben heraus kann der Netraer jedoch immerhin Päckchen an die Familie zuhause schicken und auch er bekommt Briefe und Pakete aus der Heimat. „Gerade einmal 100 Gramm wogen die Päckchen damals, das muss man sich mal vorstellen“, sagt Anneliese Bernhardt und deutet mit dem Finger auf eine der abgetippten Briefzeilen, die eines der Päckchen ankündigt.

Einige Zeilen darunter will der Soldat wissen, wie es den Kindern der Familie geht und im nächsten Satz berichtet er von Neuigkeiten aus der Frontzeitung. „Habt ihr die Runkeln auch nicht zu dünn gehackt?“, sorgt sich Bernhardt im nächsten Satz. „Man merkt, er schreibt ohne Punkt und Komma“, kommentiert Anneliese Bernhardt den ungeordneten Briefinhalt.

Trotz der teils schwer lesbaren Zeilen und der abschweifenden Gedanken des Soldaten war Anneliese Bernhardt von den Schriftstücken sofort gefesselt, als sie diese beim Ausräumen des Hauses der Schwiegereltern fand. „Meine Schwiegermutter hatte die Briefe aufgehoben und mit einem roten Bändchen verschnürt. Ganz hinten im Schrank haben wir sie wiedergefunden“, erinnert sich die 74-Jährige. Als Anneliese Bernhardt beginnt die Briefe zu entziffern, wird ihre Neugier auf ein Land, dass sie nur aus den Briefen und dem Fernsehen kennt, größer.

Es dauert nicht lange und die Netraerin fasst den Entschluss, auf den Spuren ihres Schwiegervaters nach Russland zu reisen. 2009 geht es los, mit dem Zug von Fulda nach Moskau – von dort weiter durch kleine Städte und Dörfer, immer auch den Spuren Dietrich Bernhardts hinterher.

Auf der Fahrt trifft Anneliese Bernhardt die Russin Polina. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine Freundschaft. Zu Besuch bei den russischen Freunden ist die damals 63-Jährige von der Herzlichkeit und der Weite des größten Landes der Welt beeindruckt. Und die Verbindung zwischen ihr und der Russin Polina bleibt Bernhardt, auch als sie zurück nach Deutschland reist. „Wir schreiben auch heute noch über Whatsapp und Polina hat uns auch schon besucht“, freut sich die 74-Jährige.

Zuhause in Netra klappt Anneliese Bernhardt den prall gefüllten Ordner mit der Jahreszahl 1944 darauf zu und legt ihn zu den drei anderen. Wenn die Coronakrise vorbei ist, will Bernhardt von den Briefen ihres Schwiegervaters in einem Vortrag berichten und in der Kulturscheune auf ihrem Grundstück den Weg des Soldaten mit der Nummer 41108 wieder erzählen. (Kim Hornickel)

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