Stellungnahme umfasst 400 Seiten

Anwohnerin aus Berlepsch kämpft gegen Windpark

Unbequeme Kämpferin gegen den Windpark: Heidi Rettberg vor ihrem Haus im Vorwerk Berlepsch-Ellerode. Sie sagt über sich: „Ich bin immer am meckern, das hält mich jung.“ Foto: Steensen

Berlepsch-Ellerode. Heidi Rettberg aus Ellerode kämpft gegen den geplanten Windpark, der nur 600 Metern von ihrer Haustür entfernt gebaut werden soll.

„Jetzt würde ich nicht mehr herziehen“, sagt Heidi Rettberg und blickt durch ihren Schulungsraum im Vorwerk Ellerode. Die Decken in dem Fachwerkhaus hat sie selbst verputzt, sie hat Balken ausgetauscht, Haustüren gezimmert, das Dach neu gedeckt, eine Garage gebaut. Stück für Stück, immer, wenn etwas Geld da war. Rettberg liebt ihr Haus, doch seit Fabian von Berlepsch in nur 600 Meter Entfernung fünf Windräder aufstellen will, fühlt sie sich dort nicht mehr wohl. Jetzt kämpft Rettberg erbittert gegen den Windpark - und das ist mittlerweile ein Vollzeitjob.

„Man hat hier keine Ruhe mehr“, sagt die 50-Jährige. Seit 1989 wohnt Rettberg in dem früheren Landarbeiterhaus an der A 7, gekauft hat sie es von Fabian von Berlepsch’ Vater Sittich. Seit dem A-38-Bau hätte der Verkehr stark zugenommen. Bei Staus auf der A 7 stehen die Lastwagen auf der Umleitungsstrecke direkt vor Rettbergs Einfahrt. Jetzt fürchtet sie, dass zu diesem Lärm noch der Infraschall von den Windrädern hinzukommt.

Seit zehn Jahren plant die Familie von Berlepsch den Bau von Windrädern, „seitdem bin ich Umweltschützerin“, sagt Rettberg. Vor allem der Vogelschutz liegt der Tierphysiotherapeutin am Herzen. „Ich sehe die Vögel da jeden Tag fliegen“, sagt Rettberg. Gutachter beurteilen das zwar vor Ort anders, Rettberg wirft den Experten Gefälligkeitsgutachten vor. „Und wenn ich glaube, die wollen mich verscheißern, dann haue ich auf den Tisch!“

Das tut Rettberg seit 2006 vor allem über die Bürgerinitiative „Windkraftfreies Werratal“ und über den Nabu-Kreisverband Werra-Meißner. In deren Vorsitzenden Konrad Volkhardt habe sie einen guten Lehrmeister gefunden, sagt sie. Ins Thema Windkraft hat sie sich tief eingearbeitet, die Fachzeitschrift „Natur und Recht“ ist ihre regelmäßige Lektüre, mit anderen Bürgerinitiativen ist sie eng vernetzt. Um den Windpark bei Ellerode zu verhindern, hat sie nächtelang den gesamten Genehmigungsantrag samt Stellungnahmen durchgeackert. 800 Seiten habe sie zuvor im Regierungspräsidium über den Nabu kopieren lassen, die restlichen 2000 Seiten hat sie abfotografiert - das dauerte 13 Stunden. Rettbergs Stellungnahme umfasst inklusive Anhang und eigenen Kartierungen von Vogelflugbewegungen 400 Seiten. Die Aktivistin behält sich vor, selbst gegen die Genehmigung zu klagen.

Ihrem ungewöhnlichen Engagement muss auch Gegenspieler Fabian von Berlepsch Anerkennung zollen. Er sagt: „Bei der jüngsten Gegendemo sagte mir Heidi „heute wird es blutig ...“ und reichte mir mit einem verschmitzten Lächeln die Hand. So ist das zwischen uns - immer anderer Meinung, aber respektvoll und herzlich miteinander.“ Rettberg selbst sieht sich nicht als Berlepsch’ Erzfeindin, sie stritten sich nur auf sachlicher Ebene. „Ich würde für den Erhalt seines Schlosses sammeln gehen, aber seine Windräder - die unterstütze ich nicht.“

Nabu klagt nicht gegen Windpark 

Der Landesverband Hessen wird vorerst nicht gegen den jüngst vom Regierungspräsidium Kassel genehmigten Windpark von Fabian von Berlepsch klagen.

Das bestätigt Pressesprecher Berthold Langenhorst auf Anfrage. Der Kreisverband Werra-Meißner dürfe nicht klagen - dazu sind beim Nabu nur die Landesverbände berechtigt. Daher überlegt Heidi Rettberg, als Einzelperson vor Gericht zu ziehen.

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