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Apotheker schlagen Alarm - Verband übt Kritik

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Von: Kerim Eskalen

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Der Discounter Action hat einen Rückruf von Vitamin-Tabletten veröffentlicht. (Symbolbild)
Pillen, Tabletten, Säfte und vieles mehr. Medikamente könnten diesen Winter knapp werden. © imago

Häufig müssen auch im Werra-Meißner-Kreis sogenannte Generika ausgegeben werden. Arzneimittel, die den identischen Wirkstoff wie ein ehemals patentgeschütztes Präparat enthalten und ebenso wirken aber einen anderen Namen haben.

Werra-Meißner – Denn viele Medikamente sind zurzeit nicht vorrätig. Eine Problematik, die sich in absehbarer Zeit verschärfen könnte, zumindest nach Ansicht von Dr. Joachim Kirch, von der Meißner Apotheke in Abterode: „Alle Apotheken sind betroffen. Momentan sind Nasensprays und vor allem Fiebersäfte besonders knapp. Im Winter könnte uns ein Erkältungsmedikamente-Engpass drohen“, sagt Kirch.

Bei Fiebersäften seien Wirkstoffe wie Paracetamol und Ibuprofen zu wenig geliefert worden und die Nachfrage sei bereits im Sommer hoch gewesen. Bei Nasensprays wurden Lieferungen für die Wintermonate von den Herstellern storniert. Ähnliche Schwierigkeiten hat auch Carla Schäfer, Inhaberin der Rübezahl Apotheke in Witzenhausen: „Während am Anfang des Jahres besonders das Brustkrebsmittel Tamoxifin knapp war, sind nun Allerweltsmedikamente betroffen“, sagt Schäfer. „Noch haben wir einen beherrschbaren Mangel.“ Kritische Ausfälle habe man bisher trotz ausbleibenden Lieferungen vermeiden können.

Globalisierung, Preisdruck und Rabattverträge befeuern Mangel

Beide Apotheker sind sich einig: Globalisierung, Preisdruck und Rabattverträge seien verantwortlich. „Wegen der Globalisierung sind die meisten Produktionen im asiatischen Raum angesiedelt“, erklärt Carla Schäfer. „Dort werden die Medikamente günstiger produziert und sind so für die Patienten billiger erhältlich.“ Darüber hinaus würden die Krankenkassen die Preise immens drücken. Die dabei entstehenden Rabattverträge werden nur einer Firma zugesprochen. Damit hänge laut Kirch die Produktion am seidenen Faden.

Außerdem belasten Lieferschwierigkeiten durch fehlende Lastwagenfahrer und andere Engpässe die Branche: „Dazu kommen noch Papiermangel bei Etiketten oder Verknappung bei Glasflaschen. Da hängt viel mehr dran“, erklärt Joachim Kirch. Bei Problemen mit Medikamenten sei das Ziel der Apotheker vor Ort zu helfen: „Wenn eine Arznei nicht mehr vorrätig ist, beraten wir uns mit dem behandelnden Arzt“, sagt Schäfer. „Außerdem kennen wir unsere Patienten und sie vertrauen uns.“ Kunden rät sie: „Rechtzeitig die Hausapotheke wieder auffüllen.“

Apotheken arbeiten am Limit

Die ohnehin durch die Corona-Pandemie belasteten Apotheken sehen sich immer stärker mit der Medikamentenknappheit konfrontiert, was laut Apothekern einen zusätzlichen Mehraufwand bedeute: „Der Austausch von Arznei steht an der Tagesordnung“, erklärt Dr. Joachim Kirch von der Meißner Apotheke Abterode. „Schlimmer ist es, wenn Medikamente ganz fehlen. Die Rücksprache mit den Ärzten kostet oft zu viel Zeit.“

Zwar bestehe die Möglichkeit, Medikamente selber herzustellen, jedoch wäre der Aufwand zu hoch und häufig fehlen die Wirkstoffe selbst: „Wenn der Ibuprofen-Wirkstoff nicht lieferbar ist, können wir auch nichts herstellen“, erklärt er. „Außerdem haben wir keine Kapazitäten für große Mengen.“ Bei Problemen hätten die meisten Kunden aber Verständnis, wenn sie Ersatzmedikamente bekommen würden.

Holger Seyfarth, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes, zeigt sich empört über die momentane Situation: „Viele Apotheker sind total ausgelastet. Auch wir haben einen Fachkräftemangel. Knapp 4000 Einwohner werden von einer Apotheke versorgt“, sagt er.

Deutschland ist abhängig vom asiatischen Markt - Engpässe vorprogrammiert

Auch beim Medikamentenmangel schlägt er Alarm. Gefährdet sieht er ältere Menschen, die mehrmedikamentös behandelt werden: „Anstatt der gewohnten weißen Tablette bekommen die nun zwei gelbe. Da kann es zu Einnahmefehlern kommen“, sagt er. Besonders die Abhängigkeit durch Rabattverträge seien laut Seyfarth Treiber der Problematik: „Dadurch gibt eine Krankenkasse einem günstigeren Lieferanten auf dem asiatischen Markt den Zuschlag. Inzwischen werden 80 Prozent unserer Medikamente dort produziert. Bei Liefer- oder Herstellungsproblemen kommt es dann zu einem Medikamentenengpass in Deutschland“, sagt er.

Eine Standortverlagerung nach Deutschland sei kaum machbar und zu zeitintensiv: „Wir bräuchten Chemiefabriken, unsere Abwässer würden verunreinigt werden, dann kommt noch der logistische und bürokratische Aufwand. Ich erwarte Lösungen von der Politik. An dem System muss sich was ändern.“
(Kerim Eskalen)

Was sind Rabattverträge?

Pharmahersteller und Krankenkassen führen Preisverhandlungen, bei denen die gesetzlichen Kassen versuchen, einen günstigen Preis (Rabatt) auf Medikamente zu erhalten. Andererseits wird den Herstellern zugesichert, dass die Patienten nur mit deren Präparaten versorgt werden. Zudem dürfen verordnete Arzneien nur gegen rabattbegünstigte Mittel getauscht werden. Ausnahme: Durch das Kreuz „Aut-idem“ auf dem Rezept darf nur das gleiche Mittel ausgegeben werden.

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