Gegen die Natur helfen teure Straßenbahn-Stelzen nicht – Karpfen fressen Amphibien

Appetit auf Kammmolche

Possierlicher Bursche: Der 18 Zentimeter lange und gelb gefleckte Kammmolch ist zur bevorzugten Beute der Karpfen geworden. Die sollen nun weichen, um das Über- leben der Amphibien zu sichern. Foto: Archiv

Fürstenhagen. Gegen die Macht der Natur sind Gutachten, Klagen und selbst teure Technik machtlos. Das zeigt sich am Beispiel des Kammmolchs: Um sein Überleben zu sichern, musste die Lossetalbahn auf einer Länge von 600 Metern auf Stelzen gebaut werden, damit die Amphibie unbeschadet zu ihren Laichgewässern, den alten Klärteichen bei Fürstenhagen, wandern kann. Kosten: 250 000 Euro.

Damals machte sich wohl niemand darüber Gedanken, dass dort auch der Karpfen zu Hause ist. Und der hatte, wie der Lichtenauer Bürgermeister Jürgen Herwig nun berichtet, einen großen Appetit auf die Molche und deren Brut.

„Wir haben Geld zum Fenster rausgeworfen!“

Jürgen Herwig, Bürgermeister

Die gefräßigen Fische dezimierten den Bestand wohl dermaßen, dass die Obere Naturschutzbehörde in Kassel die Notbremse zog. Eine Firma wurde beauftragt, die sie per Elektroschocks an die Oberfläche lockt, abfischt und andernorts wieder aussetzt. Von den sieben Teichen ist aber erst einer karpfenfrei. Fast muss der Lichtenauer Rathauschef über diese Posse lachen – wenn er nicht so wütend wäre. Vor allem auf den Kreisvorsitzenden des Naturschutzbundes (Nabu), Konrad Volkhardt, der mit einer Klage gedroht hatte, falls die Gleise nicht aufgeständert würden.

Vorwürfe gegen Volkhardt

„Er hätte doch wissen müssen, dass der Molch massenhaft auf natürlichem Weg in den Klärteichen zu Tode kommt und nicht extra durch teure Straßenbahn-Stelzen geschützt werden muss“, wettert Herwig. „So haben wir Geld zum Fenster rausgeworfen!“

Wie es im Frühjahr 2010 mit Molch und Karpfen weitergeht, ist noch unklar, da die zuständigen Sachbearbeiter der Oberen Naturschutzbehörde zwischen den Feiertagen nicht erreichbar waren. Michael Conrad, Pressesprecher des Regierungspräsidiums in Kassel, teilte aber mit, dass solche Abfisch-Aktionen öfter vorkommen. „Manchmal kippen Leute ihr Aquarium aus und irgendwelche Fische wüten dann in den Biotopen.“

Auch transportieren Wasservögel den Fischlaich oft an den Füßen oder im Gefieder von einem zum anderen Gewässer. So geschieht es, dass plötzlich neue Arten in Seen und Teichen auftauchen, die vorher nicht dort lebten.

Welcher Aufwand nun für das Überleben der Fürstenhagener Kammmolch-Population betrieben werden muss und wie viel Geld die Karpfen-Umsiedlung kosten wird, lässt sich mit der Oberen Naturschutzbehörde aber erst Anfang Januar klären. (kbr)

Von Kathrin Bretzler

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