Atomabwehr am Schlagbaum

35 Jahre Tschernobyl-Katastrophe: Großeinsatz an der DDR-Grenze bei Herleshausen

Zu Beginn wurden die Fahrzeuge am Grenzübergang Herleshausen (Werra-Meißner-Kreis) mit Gummischürze gewaschen, später dann mit richtigen Schutzanzügen.
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Zu Beginn wurden die Fahrzeuge am Grenzübergang Herleshausen (Werra-Meißner-Kreis) mit Gummischürze gewaschen, später dann mit richtigen Schutzanzügen.

Am 26. April 1986 explodierte ein Reaktor des AKWs Tschernobyl in der heutigen Ukraine und damaligen Sowjetunion. Der Super-GAU löste auch einen Großeinsatz in Herleshausen aus.

Herleshausen – Für diesen Einsatz gab es keinerlei Vorbereitung: Zwischen dem 30. April und dem 16. Mai 1986 wurden am deutsch-deutschen Grenzübergang bei Herleshausen 3500 Fahrzeuge auf radioaktive Strahlung überprüft. Lastwagen, Busse und Autos, die aus der DDR in die Bundesrepublik einreisen möchten, führen auf Blech und Planen, an Reifen und in Luftfiltern radioaktiven Staub aus dem Osten mit.

Am Grenzübergang staut sich eine Blechlawine. Viele westdeutsche Unternehmen kaufen in der DDR günstig ein.

Die Sowjetunion schweigt sich tagelang zum Super-GAU nahe der Kleinstadt Prypjat in der heutigen Ukraine aus. Die DDR-Regierung vertuscht den von Herleshausen rund 1400 Kilometer Luftlinie entfernten Vorfall. Im Westen beginnt gleichzeitig ein hektisches Treiben.

Atom-Katstrophe von Tschernobyl: Umweltminister Joschka Fischer intervenierte

In der Nacht zum 1. Mai werden die ersten Einheiten von Katastrophenschützern und Feuerwehren an die Grenze bei Herleshausen beordert. Mit dabei sind unter anderem Einsatzabteilungen aus dem Werra-Meißner-Kreis, die Berufsfeuerwehr Kassel sowie der ABC-Zug Hersfeld-Rotenburg.

Unvorbereitet getroffen, gestaltete sich zwischen den Einsatzkräften vor Ort ein Durcheinander an Zuständigkeiten und konkreten Problemen. Bis um 16 Uhr am 1. Mai wurden sieben Autos und sechs Lastwagen dekontaminiert.

Gegen den radioaktiven Staub: Eiligst wurden nach der Atom-Katastrophe von Tschernobyl 1986 Einsatzkräfte nach Herleshausen beordert.

Die Waschflüssigkeit fließt im Anschluss in die nahe Werra – so lange, bis der eiligst am Grenzübergang eingetroffene damalige Hessische Staatsminister für Umwelt und Energie, Joschka Fischer, interveniert und mit dem Gesetz droht. Nun werden die eintreffenden Fahrzeuge erst einmal nur noch gestoppt und gemessen.

Nach Tschernobyl: Provisorische Dekontaminierungsstraße in Herelshausen entsteht

Die Waschbrühe soll aufgefangen werden, darauf verständigt man sich. Möglich wäre das in der Waschanlage einer Spedition oder einer Kaserne. In Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) blockieren Bauern die Zufahrt zur Kaserne, in Rotenburg (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) erwirkte das Rathaus eine Anordnung dagegen. Und im nahen Sontra? Der Kommandeur hat dafür keinen Befehl von oben erhalten.

Die Folge: An der Grenze wird eine provisorische Dekontaminierungsstraße errichtet. Über Planen wird das Wasser in Tanks geleitet. Zur späteren Entsorgung landet es bei der Hessischen Industriemüll (HIM) in Kassel.

Aber nicht nur die Entsorgung des potenziell verseuchten Wassers sorgt für ein Wirrwarr: Ein Bauer fährt Telefonkabel der Einsatzleitung vor Ort kaputt, dem ABC-Zug mangelt es an Gummihandschuhen, Strahlenmessgeräte des Bundesgrenzschutzes sind weitestgehend nutzlos.

Das kontaminierte Waschwasser floss zu Anfang in die Werra, wurde aber nach kurzer Zeit bereits mit Planen aufgefangen, in Tanks aufbewahrt und in Kassel entsorgt.

Nach über zwei Wochen ist die Aktion in Herleshausen beendet. 300 der 3500 an der Grenze kontrollierten Fahrzeuge durften wegen zu hoher Belastung nicht in die Bundesrepublik einreisen und wurden zurückgeschickt, 200 wurden von ABC-Zügen radioaktiv dekontaminiert.

Schon wenig später wurde allerdings klar, dass der damals über Nordhessen niedergehende Regen mehrfach stärker mit Radioaktivität belastet war als die Waschbrühe von den Fahrzeugen des Einsatzes bei Herleshausen. (Maurice Morth, Wolfgang Riek)

Super-GAU beim Reaktortest

Es war der 26. April 1986, als im Reaktorblock vier des Atomkraftwerks Tschernobyl in der damaligen Sowjetrepublik um 1.23 Uhr ein Test außer Kontrolle geriet. Von einem Brand ist zunächst die Rede. Doch allmählich wird klar: Es ist ein Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall. Eine bis heute beispiellose Explosion mit anschließendem Großfeuer schleuderte damals radioaktive Teilchen in die Luft. 190 Tonnen, wie russische Experten jüngst vorrechneten.

Zählt man die Langzeitfolgen wie Krebserkrankungen durch die Strahlung hinzu, gab es infolge des Unfalls Tausende Tote und Verletzte. Wolken mit der Strahlung breiteten sich bis nach Nord- und Westeuropa aus. Sie trafen neben der Nordukraine vor allem Belarus und Westrussland.

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