JUGEND UND CORONA

Mehr Mediennutzung durch Corona: Experten raten zu festen Regeln in Familie

Sobald ein Kind ein Smartphone bekommt, sollte es auch im verantwortungsvollen Umgang mit Medien aufgeklärt werden. Den Umgang mit Medien bekommen Kinder vor allem zu Hause mit.
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Sobald ein Kind ein Smartphone bekommt, sollte es auch im verantwortungsvollen Umgang mit Medien aufgeklärt werden. Den Umgang mit Medien bekommen Kinder vor allem zu Hause mit.

Immer mehr Menschen sind im Netz unterwegs – zu Corona mehr denn je. Worin bestehen hier Chancen und Gefahren vor allem für Jugendliche? Wir sprachen mit der Suchtprävention und Jugendpflege.

Werra-Meißner – Die Schule wurde während der Coronazeit zu einem Großteil in das heimische Kinderzimmer verlegt. Gelernt wurde vor allem digital über Smartphone, Tablet und Laptop per Videokonferenz. Und auch nach der Schule hielten Kinder und Jugendliche über die sozialen Medien und das Internet Kontakt mit Freunden. Hobbys und Vereinsleben fielen für viele Monate fast gänzlich weg. Die Jugendlichen – und auch viele Erwachsene – waren scheinbar ununterbrochen im Netz unterwegs. Es entsteht durch die exzessiven Mediennutzung der Eindruck einer Medienabhängigkeit. Was steckt dahinter?

„Die verstärkte Mediennutzung hat durch die Pandemie zwangsweise zugenommen – aus Mangel an Alternativen“, sagt Armin Bahl von der Jugendförderung Werra-Meißner. Ein Suchtverhalten sieht er darin noch nicht. Er warnt davor, vorschnell zu urteilen. Ähnlich sieht das auch die Fachstelle für Suchthilfe und Prävention des Landkreises. „Es ist wichtig, zwischen der beruflichen beziehungsweise schulischen Nutzung und der Nutzung in der Freizeit zu unterscheiden“, erklärt Vanessa Mörbel von der Suchtprävention.

Die Angst, etwas zu verpassen

Die Nutzung von Social-Media-Plattformen wie Instagram, Facebook und TikTok ist vor allem bei Jugendlichen sehr verbreitet, so die Fachstelle für Suchthilfe und Prävention. Viele Jugendliche halten nach Schulschluss Kontakt zu Freunden durch diese Plattformen. Aktuelle Studien belegen demnach, dass immer mehr Jugendliche ein Abhängigkeitspotenzial im Bereich Soziale Netzwerke aufzeigen. Mädchen sogar noch mehr als Jungs.

Ein Phänomen dabei sei FOMO „Fear of missing out“, von dem häufig Jugendliche aber auch Erwachsene betroffen sind. Das ist die Angst, etwas Spannendes zu verpassen und das Verlangen, stetig auf dem aktuellsten Stand zu sein und mitreden zu können. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit dem Gefühl der Angst vor Ausgrenzung verknüpft. jes

Mediensucht: Auf Warnsignale achten: Leistungsabfall, Schlafmangel, Vernachlässigung von Hobbys

Dennoch komme es in den vergangenen Jahren immer häufiger dazu, dass Jugendliche aufgrund von erhöhter Mediennutzung eine Beratung in Anspruch nehmen, berichtet die Gesundheitspsychologin Anna Niebeling von der Fachstelle für Suchthilfe und Prävention. Häufig seien die Ausmaße des Medienkonsums dann bereits ausgeprägter – etwa durch abfallende Leistung in der Schule, Schlafmangel, Aufmerksamkeitsdefizite, Geldsorgen und der Vernachlässigung von Hobbys.

„Wenn bereits solche Folgen auftreten, ist es wichtig, Beratung in Anspruch zu nehmen, um einer Abhängigkeitsentwicklung gegenzusteuern“, sagt sie. Trotzdem raten die Experten dazu, das Thema differenziert zu betrachten: Denn nicht jeder, der gerne im Netz ist oder online Spiele spielt, hat ein Suchtproblem. „Bei der Faszinationskraft der Medien sollten Eltern nicht gleich in Panik verfallen. Wichtig ist letztlich, dass die Balance gehalten wird“, weiß Kai Zerweck von der Jugendpflege Witzenhausen.

Eltern müssen auch ihr eigenes Medienverhalten hinterfragen

Hier kommt auch das große Stichwort Medienkompetenz ins Spiel, das immer wichtiger wird, sagt Dirk Rudolph vom Medienzentrum des Werra-Meißner-Kreises. Im Mittelpunkt muss dabei das nötige Know-How stehen, etwa welche Werkzeuge man zur Verfügung hat. Zum Beispiel lässt sich an vielen Smartphones die Nutzungszeit einstellen, bei der man am Ende des Tages sieht, wie viele Stunden man tatsächlich am Handy war.

„Kinder erleben im Umfeld, wie man mit Medien umgeht. Die Familien leben es vor“, sagt Rudolph. Kritisch werde es dann, wenn Eltern ihr eigenes Medienverhalten nicht hinterfragen, selbst viel online sind, vom Kind aber ein anderes Verhalten verlangen. Eltern könnten zudem oft die sozialen Netzwerke nicht richtig begreifen. Daher sei es wichtig, hier Interesse zu zeigen und sich Dinge wie Tik Tok erklären zu lassen.

Feste Regeln in der Familie

Rudolph rät auch, feste Regeln in den Familienalltag zu integrieren. Zum Beispiel: Kein Handy am Tisch, wenn gemeinsam gegessen wird und einmal pro Woche eine Familienaktivität ohne digitale Geräte. Ein essenzieller Punkt sei aber auch, die Quellen kritisch einschätzen zu können, ob sie vertrauenswürdig und seriös sind. Mediennutzer müssen wissen, dass es sich in sozialen Netzwerken um mehr Schein als Sein dreht. „Nur, weil jemand viel die Medien nutzt, heißt es nicht, dass er sich auch gut damit auskennt“, verdeutlicht Zerweck.

Die Experten empfehlen, wenn Kinder ein eigenes Smartphone bekommen, dass sie auch in dem Umgang mit Medien geschult werden sollten. Das Jugendnetz Werra-Meißner unterstützt Jugendliche, Eltern und Schulen dabei und bietet Infoabende, Fortbildungen und auch das Programm „Click-Smart-Mediennetzwerk“ an.

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