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Interview: Tierarzt Ernst-Wilhelm Kalden erklärt, wie Sie Igeln richtig beim Überwintern helfen

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Von: Theresa Lippe

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Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür und damit auch die Zeit, in der sich Igel für ihren Winterschlaf zurückziehen. Doch nicht alle Tiere schaffen es, sich rechtzeitig genügend Fettreserven als Kälteschutz anzufressen. Deshalb brauchen sie manchmal Hilfe vom Menschen beim Überwintern.
Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür und damit auch die Zeit, in der sich Igel für ihren Winterschlaf zurückziehen. Doch nicht alle Tiere schaffen es, sich rechtzeitig genügend Fettreserven als Kälteschutz anzufressen. Deshalb brauchen sie manchmal Hilfe vom Menschen beim Überwintern. © symbolFoto: karl-josef hildenbrand/dpa bildfunk

Werra-Meißner – In keiner anderen Jahreszeit sind sie so häufig zu sehen wie im Herbst: Igel. Aktuell bereiten die Tiere sich auf ihren anstehenden Winterschlaf vor. Schon ab Mitte Oktober wird das Nahrungsangebot für Igel immer knapper, die sich Mitte November ihren knapp fünfmonatigen Schlaf starten.

Doch nicht alle schaffen es, sich vorher die nötigen Fettreserven als Kälteschutz anzufressen. Der Wanfrieder Tierarzt und Wildtierexperte Ernst-Wilhelm Kalden erklärt, wie sie den stachligen Säugetieren beim Überwintern helfen können und welche Fehler dabei unbedingt zu vermeiden sind.

Herr Kalden, wie können Gartenbesitzer Igel bei der Winterschlafvorbereitung unterstützen?

Laubhaufen, Reisig und Baumschnitt beispielsweise eignen sich hervorragend als Schlafplätze für Igel. Wer also seinen Gartenschnitt noch nicht entsorgt hat, sollte das nun auch bis zum Frühling nicht mehr tun. Sonst wird mit großer Sicherheit ein Igelnest zerstört und die Tiere bei der Vorbereitung oder im schlimmsten Fall schon beim aktiven Winterschlaf gestört. Auf keinen Fall sollten Gartenabfälle verbrannt werden, dabei wird ganz sicher ein Igel ungewollt gegrillt.

Wann starten die Igel ihren Winterschlaf?

Das hängt von der Temperatur ab. Als Richtwert kann man aber sagen, dass sie ihren Winterschlaf starten, sobald anhaltende Bodentemperaturen um null Grad herrschen. Spätestes dann sollte auch kein Futter mehr für die Tiere rausgestellt werden, da sie sonst keinen Nahrungsmangel haben und der ein wichtiger Auslöser für den Winterschlaf ist.

Bedeutet konkret?

Die Igel bleiben weiter aktiv, weil es ausreichend Futter gibt, und sterben dann durch die Kälte. Den Tieren ist also nicht damit geholfen, wenn auch noch Ende November futter rausgestellt wird.

Wann darf ich Igel einsammeln?

Igel sind nach dem Bundesnaturgesetzt besonders geschützt. Man sollte die Wildtiere wirklich nur im Notfall im Haus überwintern lassen. Erst wenn seit mehreren Tagen Bodenfrost herrscht und das nachtaktive Tier tagsüber unterwegs ist, gilt zu beachten: Augenscheinlich kranke oder verletzte Igel oder Jungtier gelten als hilfsbedürftig und dürfen eingesammelt werden. Auch wenn ein Igel im November ein Gewicht von unter 400 Gramm hat, benötigt er Hilfe.

Wie kann ich dem Tier dann helfen?

Sammeln Sie den Igel vorsichtig ein und platzieren Sie ihn für den Transport in einer Box mit einem Frotteetuch/alten Handtuch. Als oberste Regel gilt: Wenden Sie sich an einen Experten oder Tierarzt und versuchen Sie nicht den Igel in Eigenregie durch den Winter zu bringen. Für einige Igel reicht eine Wurmkur und Behandlung gegen Flöhe schon aus, damit sie wieder an der Fundstelle ausgesetzt werden können. Sollte das nicht der Fall sein, sind Igel am besten in Auffangstationen aufgehoben.

Was kann ich tun, wenn keine Auffangstation in der Nähe ist?

Wer einen Igel bei sich zuhause überwintern lässt, darf ihn nicht in Winterschlaf verfallen lassen. Das Tier braucht es also ausreichend warm. Ein großer Meerschweinchen- oder Kaninchenkäfig mit Unterschlupf eignet sich als Unterkunft, damit er eine Schlaf- und Toilettenecke hat.

Worauf ist dabei zu achten?

Bitte kein Katzenstreu in den Käfig tun. Wenn die Igel das Streu fressen, quilt das im Magen auf und sie verenden elendig. Lieber Kleintierstreu nutzen, das zwischendurch gewechselt wird.

Was frisst und trinkt so ein Igel?

Auf keinen Fall Milch und Katzenfutter. Dieser Mythos verbreitet sich seit Jahren, ist aber schädlich für den Igel. Von Milch kriegen sie Durchfall, dehydrieren und sterben. Auch Katzenfutter ist schädlich, da es zu reichhaltig ist und die Leber verfettet. Auch Essensreste oder Süßigkeiten sind nichts für den Igel. Täglich frisches Wasser, Ei und Geflügelfleisch (ungewürzt) und Futterinsekten wie Mehlwürmer sind besser für den Igel. Wer will, kann auch spezielles Igelfutter kaufen. Der Mensch meint es oft gut, aber tut dem Tier damit keinen Gefallen – eher das Gegenteil. So ein Igel ist anspruchsloser, als man glaubt.

Wie lange darf ein Igel im Haus gehalten werden?

Im Mai sollte ein Igel wieder ausgesetzt werden. Dann sind die Nächte in der Regel auch wieder frostfrei. Am besten lassen Sie das Tier nahe der Fundstelle wieder frei – unter einem Busch oder Strauch. Die Tiere haben ein gutes Ortsgedächtnis und erinnern sich wahrscheinlich noch an die Wege und Unterschlüpfe dort. Bitte setzen Sie das Tier nicht nahe einer befahrenen Straße aus.

Igel sind sehr niedlich. Darf ich das Tier nach dem Überwintern behalten und als Haustier halten?

Nein. Wie bereits gesagt, sind sie besonders beschützte Tiere und sollten unbedingt wieder freigelassen werden. Wer den Igel im eigenen Garten gerettet hat, kann davon ausgehen, dass sich das Tier nach der Auswilderung trotzdem weiterhin dort aufhalten wird. Ein Wiedersehen auf Distanz ist also nicht ausgeschlossen. Die Haltung von Igeln in Privathaushalten widerspricht dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG). Darin ist festgelegt, dass „verletzte, hilflose oder kranke Tiere aufzunehmen, um sie gesund zu pflegen. Die Tiere sind unverzüglich freizulassen, sobald sie sich selbstständig erhalten können.“ (Quelle: § 45 Abs. 5 BNatSchG).

Zur Person

Ernst-Wilhelm Kalden hat seine Tierarztpraxis in Wanfried. Gemeinsam mit seiner Frau Friederike betreibt er eine Auffangstation für Wildtiere auf seinem zwei Hektar großen Anwesen. Dort leben unter anderem gerettete Wildschweine, Damwild, Mufflonschafe, Ziegen und viele weitere Tiere. Das Paar hat drei Kinder: Sienna, Sophia und Valentin.

Von Theresa Lippe

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