Ausbildung bei Henschel: Lernen im schwachen Licht der Nähmaschine

Am Zeichenbrett: Helga Faßhauer (rechts) steht vor dem Zeichenbrett im ehemaligen Wohlfahrtshaus an der Mönchebergstraße in Kassel. Dort wurden früher die „Henscheltöchter“ kostenlos in Hauswirtschaft unterrichtet. Nach dem Kriegsende waren dort das Zeichenbüro und die Berufsschule untergebracht. Foto: Faßhauer/nh, Repro: Shuhaiber

Fürstenhagen/Kassel. Als sie bei Henschel anfing, lag Kassel noch in Schutt und Asche. Heute, 60 Jahre später, erinnert sich Helga Faßhauer an ihre Ausbildung bei der Kasseler Firma zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch Frauen in der Lokomotiv-Fabrik gebraucht. Damit trat sie in die Fußstapfen des Vaters und des Großvaters, die selbst Jahrzehnte lang in den Kasseler Werken gearbeitet hatten.

Die Stadt Kassel lag 1954 noch in Schutt und Asche - Trümmer bestimmten das Ortsbild, erinnert sich Helga Faßhauer. Damals begann die 15-Jährige - damals noch unter ihrem Mädchennamen Schanze - ihre Ausbildung als Technische Zeichnerin bei Henschel & Sohn. „Trotz karger Zeiten und mancherlei Unbequemlichkeiten waren wir zufrieden“, sagt die Fürstenhagenerin. Jeden Tag musste sie die 25 Kilometer von Fürstenhagen nach Kassel mit der Bahn und zu Fuß zurücklegen. „Ich bin jeden Tag vom Bahnhof Kassel-Bettenhausen bis zur Schule in der Ysenburgstraße oder zum Werk an der Mönchebergstraße gelaufen“, erzählt sie.

Jugendzeit: Helga Faßhauer im Alter von 14 Jahren, kurz bevor sie ihre Ausbildung begann.

Weil Helga Faßhauer - wie damals auf den Dörfern üblich - nur acht Jahre lang die Schule besucht hatte, zweifelte sie zunächst an ihren mathematischen Fähigkeiten, um die Ausbildung zu bestehen. „Alle anderen in meiner Klasse hatten einen Realschulabschluss und dadurch mehr Allgemeinbildung.“ Doch ihre Sorgen waren unbegründet. Oft saß sie mit ihrer Schwester Linda bis tief in der Nacht in der Küche. Ein eigenes Zimmer hatte sie nicht. Das schwache Licht einer Nähmaschine musste zum Lernen reichen. Glücklicherweise konnte ihre fünf Jahre ältere Schwester sie beim Lernen unterstützen. „Linda war die erste und einzige, die im Jahr 1949 ihre Ausbildung bei Henschel begonnen hatte - auch als Technische Zeichnerin.“

Die Ausbildung war hart, erinnert sich die 75-Jährige. Jeden Tag stand sie stundenlang in einem kahlen Raum mit Bleistift, Tusche und Transparentpapier an ihrem Zeichenbrett und konstruierte Werkstücke. Auch praktische Fertigkeiten erlernte die 15-Jährige während ihrer Ausbildung. Ihr erstes selbst gefertigtes Werkstück war ein Hammer.

Helga Faßhauer

Während ihrer Tätigkeit bei Henschel am Möncheberg konstruierte Helga Faßhauer unter anderem Vorrichtungen für die Bearbeitung von Panzerteilen. Später arbeitete sie im Werk am Mittelfeld an der Endstation der Holländischen Straße. Dort befindet sich heute das Unternehmen Bombardier.

Trotz der widrigen Bedingungen während der Nachkriegszeit erinnert sich Helga Faßhauer gerne an die Zeit in der „Henschelei“ zurück.“ Der Begriff drückt aus, dass es sich um eine Art Familie handelt.“

Von Alia Shuhaiber

Mehr zu Henschel lesen Sie im Regiowiki.

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