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Autoanzahl auf Rekordhoch - Der Trend geht zum Zweit- und Drittauto

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Von: Kerim Eskalen

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Ein Archivbild der Walburger Straße in Witzenhausen vom Marktplatz aus.
Die Walburger Straße als Shared Space? In Witzenhausen will man einen Testlauf wagen. © Steensen, Friederike

Von einer Verkehrswende ist kaum etwas in Sicht. Ganz im Gegenteil: Seit zehn Jahren ist die Auto-Dichte in Deutschland kontinuierlich gestiegen.

Wie das Statistische Bundesamt veröffentlichte, sind Stand 1. Januar dieses Jahres 48,5 Millionen Autos zugelassen – Rekord hierzulande.

Ebenfalls davon betroffen ist der Werra-Meißner-Kreis. Die Zahlen steigen auch hier seit zehn Jahren dauerhaft an. Nach Angaben der Zulassungsstellen sind seit diesem Jahr circa 63 900 Autos bei knapp 80 000 Fahrberechtigten zugelassen. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 waren es noch 59 500 Autos. Nicht miteinberechnet sind Nutzfahrzeuge wie Busse und Lastkraftwagen.

Eine Entwicklung, die auch dem ADAC Hessen-Thüringen Sorgen bereitet: „Vor allem bis zum Jahr 2020, zum Beispiel beim Staugeschehen, war das spürbar“, erklärt Oliver Reidegeld vom ADAC. „Bei überlasteten Streckenabschnitten auf Autobahnen und städtischen Hauptstraßen reichte oft eine kleine Störung, um längere Staus zu verursachen.“

Während der Pandemie habe sich die Lage durch Möglichkeiten wie Homeoffice entspannt. Das zeige die ADAC Staubilanz. Als Grund für die steigende Anzahl an Autos sieht er soziale Faktoren: „Wir beobachten mehr Ein-Personen-Haushalte und Doppelverdiener. Der Trend geht dadurch zum Zweit- und Drittwagen“, erläutert Reidegeld.

Zudem wachse die Entfernung zwischen Arbeitsplatz und Wohnung. Hinzu komme, dass viele Menschen, die Bus und Bahn fuhren, während der Pandemie ein Auto gekauft haben. Als Hauptgrund für die Problematik sehe er jedoch strukturelle Probleme im ländlichen Raum: „Mobilität hat etwas mit Verfügbarkeit zu tun. Wo wenig Angebot ist, greifen die Menschen auf das Auto zurück. Zumal das Auto als Mittel der Wahl auf dem Land häufig schneller ist“, sagt Reidegeld.

Die Auswirkungen sind aber folgenschwer: Viel befahrene Strecken seien an den Kapazitätsgrenzen und auch in Städten wird es enger. Laut ADAC müssen die Verantwortlichen sinnvolle Angebote schaffen. Mobilität müsse für alle bezahlbar gemacht werden. Dennoch bleibe das Auto eine wichtige Rolle.

Um selber etwas beizutragen, rät Reidegeld, dass Autofahrer Kurzstrecken meiden und wo möglich auf Rad, Bus oder Bahn umsteigen sollen: „Morgendliches Brötchenholen muss nicht mit dem Auto erledigt werden.“

Verkehrswende in Deutschland

Die Verkehrswende soll zu einem grundlegenden Umbau des Verkehrssystems und einem Umstieg auf umweltfreundliche Mobilität führen. Vorbild ist der Umbau auf erneuerbare Energieträger. Hier gelte das Prinzip Vermeiden, Verlagern, Verbessern: Personen- als auch Güterverkehr sollen soweit wie möglich vermieden, der nicht vermeidbare Verkehr auf umweltschonende Verkehrsmittel verlagert und durch bessere Organisation und Technologien verbessert werden. 

Pilotprojekt in Witzenhausen

Die steigende Anzahl an Fahrzeugen auf Deutschlands Straßen hat auch für die Städte im Werra-Meißner-Kreis spürbare Auswirkungen. So auch in Witzenhausen. „Die vielen Lastwagen und Autos bemerken wir auch hier“, mahnt Witzenhausens Bürgermeister Daniel Herz an.

„Besonders wenn Stau auf der A7 ist, erhöht sich das Verkehrsaufkommen immens.“ Die Folgen: Marode Straßen und die Sicherheit der Fußgänger, besonders für Kinder, sei nicht mehr derart gewährleistet.

Noch in diesem Jahr soll der Testlauf für das Pilotprojekt „Shared Space“ laufen: „Seit Längerem gibt es die Idee, die Walburger Straße zu einem verkehrsberuhigten Bereich umzugestalten“, erklärt Herz. „Der Verkehr soll dann über die Schützenstraße als Umgehungsstraße umgeleitet werden. Einen Testlauf wird es dann dieses Jahr geben, wenn die Walburger Straße wegen Umbaumaßnahmen gesperrt wird.“

Mit diesem sogenannten Shared Space soll dann der Straßenraum lebenswerter, sicherer und der Verkehrsfluss verbessert werden. Ein Konzept, dass auch den Umweltaspekt in den Blick nimmt: „Die Klimakrise ist nun mal da, das muss man einsehen“, sagt Herz. „Häufig fahren die Leute mehrmals um die Stadt, um direkt auf der Walburger Straße einen Parkplatz zu bekommen.“

Ziel müsse irgendwann sein, große Parkplätze um die Innenstadt zu bauen. „Somit können die Menschen innerhalb von wenigen Minuten in die Stadt laufen. Wir sind momentan zu verwöhnt. Keiner will mehr ein paar Meter laufen“, sagt er.

Innenstädte könnten mit dem Konzept viel verkehrsberuhigter gestaltet werden. Bei größeren Vorhaben ist die Kommune weitestgehend machtlos. Hier ist sie auf das Land und den Bund angewiesen. Verkehrsberuhigte Bereiche seien häufig die einzige Möglichkeit auf Kommunalebene, um das Autofahren unattraktiver zu gestalten.

All dies täusche aber nicht darüber hinweg, dass es ein strukturelles Problem auf dem Land gibt: „Die Schwierigkeiten auf dem Land sind hausgemacht“, sagt Daniel Herz. „Viele sind auf das Auto angewiesen. In Großstädten kann man einfach auf den Bus oder die Bahn umsteigen.

(Kerim Eskalen)

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