Zum 70. Mal

Für jeden etwas dabei: Das Programm der Bad Hersfelder Festspiele

Zum 70. Mal finden in Bad Hersfeld die Festspiele statt. In dieser Woche wurden sie eröffnet. Wir stellen das Programm vor.

Goethe!: Neben romantischen Szenen gibt es auf der Bühne auch ordentlich „Remmidemmi“.

Werra-Meißner – Mit einem kurzen Festakt und dem Stück „Der Club der toten Dichter“ sind am Donnerstagabend vor 600 geladenen Zuschauern die 70. Bad Hersfelder Festspiele eröffnet worden. Schirmherr und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) eröffnete dann die Festspiele. „Von Bad Hersfeld geht eine herausragende künstlerische Botschaft für ganz Deutschland und darüber hinaus aus“, sagte Bouffier. Die Festspiele seien ein besonders heller Stern am Firmament der Kultur, lobte Bouffier. Das sind die vier Stücke der 70. Festspiele:

Momo

Das Mädchen Momo lebt in einem Amphitheater in der Nähe der Stadt und verbringt glückliche Tage mit ihren Freunden Beppo Straßenkehrer, Gigi Fremdenführer und einigen Kindern aus der Umgebung. Momo hat eine ganz besondere Gabe: Sie kann gut zuhören und damit andere trösten. „Geh doch zu Momo“, wird zu einem geflügelten Wort. Doch plötzlich tauchen die Grauen auf, die Agenten einer Zeitsparkasse. Sie wollen, dass die Menschen Zeit sparen und ihre Zeit nicht mit vermeintlich unnützen Beschäftigungen wie Lesen oder Spielen verbringen. Während die Menschen immer hektischer werden, vergessen sie, im Jetzt zu leben und das Schöne zu genießen.

Familienstück Momo: Gigi Fremdenführer (Sebastian Brummer) und Momo (Janina Stopper).

Die Macher versprechen ein bezauberndes Theatererlebnis für die ganze Familie (ab sechs Jahre) nach Michael Endes bekanntem und erfolgreichen Roman aus dem Jahr 1973, voller Poesie und philosophischer Zwischentöne, mit viel Humor, Zauberei, Tanz und Musik von Wilfried Hiller. Inszeniert wird „Momo“ von Georg Büttel. In der Stiftsruine wird die Musik von der Band der Bad Hersfelder Festspiele umgesetzt.

Club der toten Dichter

Tradition, Ehre, Disziplin und Exzellenz: Das sind im Jahr 1959 die Grundprinzipien der altehrwürdigen Welton-Academy, einem teuren Internat für Jungen im amerikanischen Vermont. Hierhin schicken Eltern ihre Sprösslinge, um sie mit harter Hand auf den Ernst des Lebens in höheren Kreisen vorzubereiten.

Club der toten Dichter: Der neue Lehrer, John Keating (Götz Schubert), wirbelt den Muff aus den Talaren der altehrwürdigen Welton-Academy und will seinen Schüler die Freiheit des Geistes vermitteln.

Doch der neue Lehrer, John Keating (Götz Schubert), wirbelt den Muff aus den Talaren und will seinen Schülern die Freiheit des Geistes vermitteln. „Worte und Gedanken können die Welt verbessern“, sagt Keating seinen Schülern. Er fordert sie auf, die althergebrachten Sichtweisen über Bord zu werfen – und dafür auch ganze Seiten aus den Lehrbüchern zu reißen. „Carpe Diem“ – nutze den Tag – ist sein Motto, das von den zunächst skeptischen Jungen zunehmend begeistert aufgenommen wird.

Das Bühnenstück basiert auf dem gleichnamigen Film von Peter Weir, der 1989 in die Kinos kam und für ganze Generationen von damaligen Schülern und heutigen Eltern und Lehrern prägend war. Das Drehbuch schrieb Tom Schulmann, der darin seine eigenen Erfahrungen an einer Elite-Schule verarbeitet hat und mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit Schulmann hat Festspielintendant Joern Hinkel die Bühnenfassung adaptiert. Hinkel verbindet damit Kritik am „altmodischen“ deutschen Bildungssystem, das zu wenig hinterfrage.

Goethe!

Das Stück zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben des jungen Goethe. Die Zuschauer erleben ihn als stürmenden und drängenden Möchtegerndichter, der an seinem Jurastudium scheitert, vom Vater ans Reichskammergericht Wetzlar geschickt wird und sich dort in die bezaubernde Charlotte Buff verliebt, die sich aber für Goethes gut situierten Vorgesetzten Kestner entscheidet.

Goethe ist verzweifelt, denkt gar über den Freitod nach – einen Weg, den sein Freund Jerusalem aus verschmähter Liebe wählt – entscheidet sich dann aber, sein Liebesleid literarisch zu verarbeiten und schreibt „Die Leiden des jungen Werther“, die ihn schließlich zu einem gefeierten Schriftsteller machen, fast schon zu einer Art Popstar. Gil Mehmert und der musikalische Leiter Christoph Wohlleben wollen diesen wichtigen Abschnitt aus Goethes Leben als Pop-Geschichte erzählen – mit kurzen Textpassagen zwischen den Songs, denen Mehmert allesamt Hit- und Ohrwurmpotenzial bescheinigt. Neben romantischen Szenen werde es auch ordentlich „Remmidemmi“ auf der Bühne geben, überraschende Choreografien und „hochdramatische Szenen“.

Die Hauptrollen in dem Musical singen, spielen und tanzen Abla Alaoui und Philipp Büttner. Mehmerts Frau Bettina Mönch habe erstens keine Zeit gehabt, die Rolle der Lotte sei aber auch nicht wirklich ihr Ding, erklärt er.

Extrawurst

Tennisclub statt Wasserschloss: Die Komödie Extrawurst zieht diesmal corona-bedingt in die Halle an der Oberau. Für Intendant Joern Hinkel ist dies die beste Lösung, die in diesen Zeiten gefunden werden konnte: „Das Schloss Eichhof ist ein wunderbarer Spielort und soll es in Zukunft auch wieder sein. Natürlich hätten wir auch „Extrawurst“ gerne dort gezeigt. Aber der Innenhof ist zu klein, um einen Zuschauerraum mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu bieten.

Dr. Bettina Wilts, Regisseurin von Extrawurst.

„Extrawurst“ ist die sehr aktuelle Komödie der Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Das Publikum ist Teil einer Mitgliederversammlung des Tennisclubs. Zunächst verläuft sie harmonisch. Unter „Sonstiges“ taucht dann aber auf der Tagesordnung ein Thema auf, dessen Brisanz sich bald zeigt: Ein neuer Grill soll angeschafft werden. Eigentlich harmlos, bis ein Vorstandsmitglied den Vorschlag macht, einen zweiten, eigenen Grill für das einzige türkische Mitglied des Clubs zu finanzieren. Denn gläubige Muslime dürfen ihre Grillwürste ja bekanntlich nicht auf einen Rost mit Schweinefleisch legen, so das Argument. Die gut gemeinte Idee löst eine Diskussion unter den fünf Vorstandsmitgliedern aus, die den eigentlich friedlichen Verein an seine Grenzen bringt. Ebenso respektlos wie komisch stoßen Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken, ‚Gutmenschen’ und Hardliner frontal aufeinander. Und allen wird klar: Es geht um mehr als den Grill. Es geht darum, wie wir zusammenleben. Zumal die Grenzen zwischen „rechts und links“, „tolerant und intolerant“, „religiös und ungläubig“ fließender sind, als man denkt…

Berühmte Schauspieler traten in Bad Hersfeld auf

Die Bad Hersfelder Festspiele finden – unter normalen Umständen – alljährlich von Anfang Juli bis Anfang September in Bad Hersfeld statt. In diesem Jahr werden sie am 8. August beendet. Auf der 1400 Quadratmeter großen Bühne in der Stiftsruine werden Schauspiel, Musical sowie Theateraufführungen für die ganze Familie gezeigt. Die Bestuhlung bietet ohne Coronabeschränkungen 1636 Zuschauern Platz. 2021 sind es genau 600 Plätze. Das mobile Dach über dem Zuschauerraum der Stiftsruine macht Aufführungen bei jedem Wetter möglich. Zudem wird normalerweise ein komödiantisches Theaterstück auf einer Freilichtbühne im Innenhof des Schlosses Eichhof aufgeführt.

1949 fand eine Goethe-Festspielwoche zum 200. Geburtstag Goethes statt. Sie wurden von wenigen kulturinteressierten Bürgern initiiert. Der Intendant war Franz Ulbrich. Diese Festspielwoche gilt als Geburtsstunde des noch heute stattfindenden Festspiels.

Bei den Festspielen spielten bereits Theo Lingen, Götz George, Walter Giller, Volker Lechtenbrink, Karlheinz Böhm, Will Quadflieg, Mario Adorf, Günter Strack, Witta Pohl, Sonja Kirchberger, Heinz Hoenig, Sigmar Solbach, Gerit Kling oder Axel Prahl. Zu den Intendanten gehörten William Dieterle , Günther Fleckenstein, Karl Vibach, Peter Lotschak, Holk Freytag, Dieter Wedel und jetzt Joern Hinkel. ts

Hygienevorgaben

Die Hygienevorgaben in und um die Stiftsruine sind streng: Voraussetzung für den Besuch der Vorstellungen ist ein negativer Coronatest, der nicht älter als 24 Stunden sein darf. Neben dem Testnachweis sind auch Ausweisdokumente vorzulegen. Vollständig Geimpfte und Genesene sind von der Testpflicht ausgenommen, müssen aber einen offiziellen Nachweis hierzu im Original (keine Kopie) vorlegen. Auch auf den Plätzen herrscht Maskenpflicht. Ab zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn können die Dokumente an Check-in-Punkten rund um die Stiftsruine vorgelegt werden. Die Besucher erhalten dann nach Prüfung ein Einlassbändchen. Nur damit können sie rein.

Tickets

Für einige Aufführungen sind noch Karten erhältlich.

Von Tobias Stück

Rubriklistenbild: © Steffen Sennewald

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