92-Jährige schreibt Gedichte über Natur und Liebe

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Lebt im hohen Alter ihre Kreativität aus: Die 92-jährige Ilse Gottschling aus Bad Sooden-Allendorf schreibt Gedichte und malt Aquarelle dazu.

Bad Sooden-Allendorf. Mit 92 Jahren schreibt Ilse Gottschling aus Bad Sooden-Allendorf Gedichte und malt dazu Aquarelle. Auch eine Geschichte ist geplant.

„Ich hab noch gar keine Zeit, den Löffel abzugeben“, sagt Ilse Gottschling schmunzelnd. Vor drei Jahren hat die 92-Jährige ein altes Hobby wieder aufgenommen: Die Bad Sooden-Allendorferin schreibt Gedichte. Mithilfe einer Freundin hat sie im vergangenen Jahr einen kleinen Gedichtband herausgegeben.

Eine unerwiderte Liebe weckte vor 76 Jahren bei Ilse Gottschling die Liebe zur Lyrik: „Ich war 16 und mit meinen Verwandten zum ersten Mal beim Ball“, erinnert sich die Seniorin. Charly, ein Deutsch-Amerikaner, der die gleiche Schule wie sie besuchte, forderte sie zum Tanzen auf - und war beeindruckt von ihrer Grazilität. „Das habe ich mir alles selbst beigebracht. Ich wollte ja eigentlich Tänzerin werden, aber dem haben meine Eltern einen Riegel vorgeschoben.“ Weiter als über eine Freundschaft hinaus entwickelte sich die Beziehung jedoch nicht. Nach dem Krieg zog Charly mit seiner Familie nach Frankfurt. „Die Sehnsucht hat mich dazu animiert, Gedichte zu schreiben“, sagt Gottschling.

Viele Jahre Chorsängerin

Wenn die 92-Jährige nicht über die Liebe schreibt, dann widmet sie ihre Zeilen der Musik. Schließlich war die gebürtige Dresdnerin jahrzehntelang Chorsängerin in Leipzig und lernte am dortigen Theater auch ihren späteren Mann kennen. Mit ihrem Mann, der 2013 verstarb, zog sie 1992 nach Bad Sooden-Allendorf, wohin es die Tochter der Liebe wegen verschlagen hatte. „Wenn man hier aus dem Fenster schaut, ist es so schön, da kann einem doch nur was einfallen“, sagt Gottschling, die von ihrem Wohnzimmer aus auf den Kirchhof blickt.

Ihre neue Heimat und die Natur drum herum haben sie bereits zu mehreren Gedichten inspiriert. Auch dem Gingko-Baum im Landivisiau-Park, der kürzlich bei einem Sturm einige Äste lassen musste, hat die Seniorin ein paar Zeilen gewidmet. „Ich laufe in der Wohnung herum und wenn mir ein Vers einfällt, setze ich mich und schreibe ihn nieder“, sagt Gottschling. Freunde und Bekannte hat sie zum Geburtstag mit ein Paar ihrer - sich meist reimenden - Zeilen bedacht, und ein neues Heft mit Gedichten ist in Planung.

In Druckschrift

Diese bebildert die 92-Jährige mit Aquarellen, wofür sie vor zehn Jahren einen Kurs besuchte. Und die Seniorin ist noch längst nicht am Ende ihrer Kreativität angekommen: Demnächst will sie eine Geschichte schreiben - in Druckschrift. „Früher habe ich Maschine geschrieben wie ein Blitz, aber jetzt wollen meine Finger nicht mehr so gut“, erklärt Gottschling.

Wann das sein wird, weiß sie noch nicht. „Sie wissen ja, Rentner haben nie Zeit“, sagt die 92-Jährige, die nebenbei noch schwimmen und kegeln geht und sich beim Seniorentreffpunkt mit Rummikub fit hält.

Hier ein Gedicht von Ilse Gottschling zum Nachlesen:

Betrachtungen über unsere Erde

Wenn ich zum Himmel schau, erfasst mich eine Traurigkeit.

Wo ist sie hin, die schöne Jahreszeit?

Wo Frühling eben Frühling war

und Sommer gab’s auch jedes Jahr.

Der Herbst mit seinem goldenen Schein,

lud alle zum Spaziergang ein.

Und auch der Winter mit Frost und Schnee,

tut Natur und Menschen überhaupt nicht weh.

Selbst Gewitter und Sturm machten uns nichts aus,

da blieben - so weit möglich - wir eben zu Haus.

Wer ist wohl an dem Ganzen schuld?

Wer will immer mehr voller Ungeduld?

Da werden Wälder abgeholzt, obwohl man wusste,

dass dies im Einklang mit der Natur nicht gut gehen musste.

In die Luft wird geblasen, was das Zeug nur hält,

Hauptsache produzieren, es bringt viel Geld!

Profit ist die Macht, die uns regiert.

Auf Teufel komm raus wird produziert.

Ob es auch gebraucht wird, ist nicht die Frage.

Was zu viel ist, fliegt weg - und das alle Tage.

Oh Welt, wie soll das nur einmal enden?

Kann sich das noch alles zum Guten wenden?

Die Erde wird alt, das ist nicht zu übersehen,

auch sie muss den Weg des Vergänglichen gehen.

So wie uns Menschen die Zeit vorgeschrieben,

wie lange wir schaffen, wie lange wir lieben.

So ist auch die Erde von der Schöpfung ein kleines Stück,

kein Mensch stellt jemals die Weichen zurück.

Nur der Allmächtige kennt den Moment,

an dem er das Ende der Erde kennt.

Dann ist es vorbei mit Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Winterzeit -

und ein neuer Stern ist zum Leben bereit.

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