Zu Besuch im Seniorenheim in Bad Sooden-Allendorf

Alltag von Altenpflegern: Ihr Job ist mehr als Waschen und Essen anreichen

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Sie geht besonders behutsam vor: Die Altenpflegefachkraft Christina Köhler versorgt die tiefe und nässende Wunde am Scheinbein von Frau L.

Bad Sooden-Allendorf. Altenpfleger haben ein schlechtes Image, dabei leisten sie einen sehr wichtigen Dienst am Menschen. Wir haben eine Altenpflegerin bei ihrer Frühschicht begleitet.

Sie hören morgens zusammen Musik: Pflegerin Christina Köhler und Herr R.

Es ist kurz nach 7 Uhr. Schlagermusik dringt aus einem Zimmer des Geriatrie-Zentrums Rhenanus in Bad Sooden-Allendorf. „Das sind Captain Cook und seine singenden Saxofone“, sagt Herr R., der Bewohner des Zimmers. Während er den Liedern lauscht, ist Altenpflegefachkraft Christina Köhler ganz in ihrem Element. Seit einer Stunde ist die 30-Jährige im Wohnbereich 2 B unterwegs, hilft vor allem den schwächeren Bewohnern beim Waschen und Anziehen. Mit Herrn R. ist sie auf du und du – so wie mit den meisten.

Auf ihrer Station ist Köhler die Wohnbereichsleiterin und übernimmt überwiegend die Frühschichten. Dazu gehört auch das Vorbereiten des Frühstücks für die Bewohner, die auf ihrem Zimmer essen möchten. „Nicht jeder mag es, in Gesellschaft seine Mahlzeit zu sich zu nehmen“, erzählt Köhler, während sie auf einem Rollwagen Geschirr, Besteck und Lebensmittel durch das Foyer des Altenheims schiebt. Dort versammeln sich immer mehr Senioren und warten darauf, dass der Speisesaal öffnet.

Auf dem Flur ist eine LED-Anzeige angebracht. Eine Nummer leuchtet in Rot darauf auf. „Kannst du mal bitte zu Frau S.? Sie hat geklingelt“, sagt eine Kollegin und deutet auf die Anzeige. Köhler macht sich auf den Weg, klopft an die Zimmertür. „Guten Morgen“, begrüßt sie Frau S. freundlich. „Du hast geklingelt. Was ist denn los?“ „Mir muss jemand die Füße waschen, heute kommt doch die Fußpflege“, sagt die Seniorin ganz aufgeregt. Nach dem Waschen cremt Köhler ihr die Beine ein und wechselt das Schmerzpflaster aus. „Das ist besser als Tabletten, denn es gibt kontinuierlich Schmerzmittel ab und schont den Magen“, erklärt die Pflegerin.

Nachdem sie sich verabschiedet hat, geht sie mit Insulinspritzen und Pillen bewaffnet durch die Zimmer der Bewohner. Einige sitzen schon im gut gefüllten Speisesaal. Die Säulen dort erinnern an Abstellplätze: Dutzende Rollatoren sind von den Bewohnern dort geparkt worden. Köhler verteilt Medikamente und hält ein Schwätzchen mit dem ein oder anderen. „Gespräche sind wichtig“, betont sie.

Auf dem Weg in den Aufenthaltsraum erzählt sie, dass sie beruflich schon immer in Richtung Pflege wollte. „Eigentlich sollte es eine Ausbildung zur Krankenschwester werden, aber ich kann kein Blut sehen“. Das habe sich im Laufe der Jahre gebessert. Bereut hat sie ihre Entscheidung dennoch nicht. „Hier im Pflegeheim ist es familiärer. Ich habe immer die gleichen Bewohner und kenne sie deshalb auch sehr gut“, sagt sie lächelnd, während sie den Aufenthaltsraum betritt.

Dort sitzen vier Seniorinnen und frühstücken. „Wann kommt der Friseur“, fragt eine von ihnen. „Am Dienstag“, antwortet Köhler. „Wann?“ „Am Dienstag.“ „Herzinfarkt?“ „Nein, der Friseur kommt am Dienstag“, sagt die Pflegerin langsam und kann sich ein Lachen nicht verkneifen.

Nicht alle Bewohner sind fest in dem Pflegeheim untergebracht. Das Geriatrie-Zentrum Rhenanus bietet auch Plätze zur Kurzzeitpflege an. „Damit entlasten wir zum Beispiel Angehörige, die zu Hause Pflegebedürftige haben“, so Köhler. Herr F. gehört dazu. Ihm wurde im Dezember der große Zeh amputiert. Die Wunde ist gut verheilt. Die Altenpflegerin entfernt die alten Verbände, desinfiziert den Fuß und legt einen neuen Verband an.

Auch bei Frau L. müssen Wundauflagen und Verbände ausgetauscht werden. Sie sitzt in einem grauen Sessel. Das Zimmer ist mit Pflanzen und Fotos ihrer Familie dekoriert. Köhler nimmt Platz und schaut sich kritisch die Wunde am Scheinbein an. „Es sieht ein wenig besser aus, aber optimal ist das noch lange nicht“, sagt sie zu der Seniorin, die daraufhin nickt. „Als du aus dem Krankenhaus kamst, war es sogar noch schlimmer. Die Wunde hatte sich vergrößert“, fügt sie kopfschüttelnd hinzu.

Aggressivität schlägt der 30-jährigen Pflegerin nicht entgegen. Bei den Bewohnern ist sie sehr beliebt. „Wenn alle so wären wie Frau Köhler, dann müsste man sich auch nie beschweren. Sie ist herzensgut und nimmt sich die Zeit“, erzählt eine Bewohnerin, sie hat Tränen in den Augen.

Um 14 Uhr endet die Frühschicht. Bis dahin fällt noch allerhand Organisatorisches für Köhler an. Und immer wieder schaut sie nach den Senioren auf ihren Zimmern. Dann kann sie nach Hause zu ihrer Familie. Am nächsten Tag geht es wieder früh los.

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