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Während der innerdeutschen Teilung: Besuch am Eisernen Vorhang

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Von: Werner Keller

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Schrecken verloren: Historikerin und Autorin Astrid Eckert mit Museumschef Dr. Christian Stöber an den Sperranlagen bei Sickenberg.
Schrecken verloren: Historikerin und Autorin Astrid Eckert mit Museumschef Dr. Christian Stöber an den Sperranlagen bei Sickenberg. © Werner Keller

Während der innerdeutschen Teilung gab es einen regen Grenztourismus. In einem Vortrag im Grenzmuseum Schifflersgrund wurde jetzt davon berichtet.

Asbach-Sickenberg – Sie reisten in Bussen bis aus Holland an, um einen Blick auf den Eisernen Vorhang zu werfen: Grenztouristen gehörten bis 1989 zum Alltag im Zonenrandgebiet, jenem 40 Kilometer breitem Streifen, zu dem auch der Werra-Meißner-Kreis gehörte.

Das Phänomen des Grenztourismus hat die Historikerin Astrid Eckert (51) untersucht, die aus Bevensen stammt und heute in den USA lehrt. Im Grenzmusem Schifflersgrund stellte sie jetzt ihr Buch „Zonenrandgebiet“ vor, darin ist der Tourismus ein Teilaspekt.

Da waren zum einen die Ausflügler aus dem Nahbereich, die sonntags zu den Sperranlagen pilgerten, um einen Blick nach drüben zu werfen.

Und es kamen Gruppen, die von BGS und Zollgrenzdienst amtlich geführt und informiert wurden. Zwischen Lübeck und Hof gab es 66 Grenzinformationszentren, die vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen gefördert wurden. Einer der Grenzführer war Wolfgang Ruske, der sich erinnert: Gängige Anlaufpunkte waren der Parkplatz unterhalb von Burg Hanstein, Lindewerra und Asbach. Interessant waren Punkte, von denen man einen guten Einblick in DDR-Dörfer hatten, wie das in Lindewerra der Fall war.

Schon in den 50er Jahren wurden Postkarten aus dem Kreis Helmstedt als Gruß von der Zonengrenze verschickt. Und in einem Grenzmuseum fanden sich auch kitschige Souvenirs, Aschenbecher und Untertassen mit aufgedruckten Bildchen von der Demarkationslinie oder den Übergängen.

Eckert zitiert einen Lübecker, der 1959 die Zonengrenze als „“Rummelplatz“ bezeichnete. Mit 1,65 Millionen Besuchern war der Grenztourismus 1959 ein Wirtschaftsfaktor. 1965 besuchten schon 1,84 Millionen Menschen die Grenzsperranlagen. Die Berliner Mauer ist in dieser Zahl nicht eingerechnet.

„Als Massenphänomen wurde der Grenztourismus nicht unbedingt wahrgenommen“, sagt Eckert, weil sich die Besuchermengen übers ganze Jahr verteilten.

Informationsbedarf, politische Bildung und Abenteuerlust lockten die Menschen an. Die Besuche an der Zonengrenze waren nicht ungefährlich, dem Metallgitterzaun durfte man nicht zu nahe kommen.

Für die Menschen sei die Grenze Alltag und traurige Realität gewesen, sagte Astrid Eckert. Sie war die sichtbare Folge der deutschen Teilung. Sie selber nahm sie als Schülerin in Niedersachsen wahr: „Die Grenze war eben da.“ Von der anderen Seite sah Gerhard Pfropf aus Lindewerra die Grenzbesucher, er versteckte sich als Kind hinter einem Mauervorsprung und winkte nach Westen. Amtlich war das streng verboten.

Service: Zonenrandgebiet. Astrid M. Eckert, Zonenrandgebiet, Ch. Links Verlag. 2022, 30 Euro (wke)

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